Erfahrungsbericht - ein Jahr berufliche Selbständigkeit
bearbeitet von unbekannt, Mittwoch, 20.01.2016, 14:50
Ich habe mich vor einem Jahr im Bereich SAP Beratung und Entwicklung mit der Gründung einer Einmann-GmbH selbständig gemacht. Vielleicht interessiert es den ein oder anderen, wie so mein erstes Jahr Selbständigkeit ablief und mit welchen Problemen man zu kämpfen hat.
In meiner Branche fangen viele nach einer mehrjährigen Berufstätigkeit als Freelancer an. In der Regel nimmt man ein oder mehrere Kunden seines Arbeitgebers mit und führt zu Beginn seiner Selbständigkeit das letzte Projekt beim Arbeitgeber in Eigenregie weiter fort. So entfällt das Akquiseproblem zu Beginn der Selbständigkeit und ein gewisses Einkommen ist erst mal garantiert. Dann melden sich die Freelancer bei Agenturen an, die dann weiter in Projekte vermitteln. Die Provision der Agenturen vom Stundensatz ist in der Regel so hoch, dass nach Abzug der Kosten und einer Risikoprämie der Nettolohn eines Freelancers nicht höher als der eines angestellten Beraters/Entwicklers des entsprechenden Leistungslevels ist.
Ich bin jedoch einen anderen Weg gegangen. Ich habe in jahrelanger Arbeit ein Produktportfolio entwickelt, das ich als Ergänzung und spezifische Problemlösung zu SAP Software anbiete. Deshalb auch keine Tätigkeit als Freelancer, sondern gewerblicher Auftritt in Form einer GmbH.
Mein Ziel war es, dass ich mich als Spezialist und Lösungsanbieter in einer Nische für SAP Software positioniere und meine Aufträge primär über das Internet generiere. Kunden sollten über Google und meine Website zu mir kommen, d.h. ich möchte weniger aktiv auf Kunden über Cold Calls und dergleichen zugehen. Der SAP Markt ist riesig und in meiner Nische gibt es nur wenig qualifizierte Anbieter und eine aussagekräftige Webpräsenz meines Wettbewerbs gibt es schon gar nicht.
Erster Schritt war die Suche eines Firmennamens, der mit meinen Leistungen im Zusammenhang steht und die Registrierung einer Domain im Sommer 2014. Anschließend habe ich mit Wordpress und einem geeigneten Template meine Website mit vielen Informationen, einem Blog und einem angeschlossenen Shop in den folgenden Monaten gestaltet. Bei der Gestaltung meiner Website habe ich großen Wert darauf gelegt, dass die Kriterien erfüllt werden, die bei Google zu einem höheren Ranking führen. U.a. habe ich die relevanten Keywords in den Content gestreut, habe aussagekräftige H1 Header gesetzt und auch jedes Bild beschrieben und mit Keywords in den ALT-Tags versehen.
Am 01.01.2015 habe ich meine Website freigeschaltet. Mit den Google Webmaster Tools habe ich meine Website bei Google angemeldet und in den folgenden Wochen meine Website bei Webkatalogen mit höherem und niedrigerem Pageranke angemeldet, um so an wertvolle Backlinks zu kommen.
Erwartungsgemäß hat mich Google die ersten Wochen/Monate nicht gelistet und ich wurde nicht gefunden. Nach ca. 3 Monaten (ab März/April) wurde ich bei Google gefunden und seit dieser Zeit bin ich mit meinen Keywords sukzessive nach oben geklettert. Seit Sommer 2015 werde ich mit meinen Keywords bei Google auf der ersten oder zweiten Seite gelistet. Alle potentiellen Wettbewerber und auch die großen SAP Dienstleister habe ich geschlagen.
Ich habe zwar nur 20 – 30 effektive Besuche auf meiner Website pro Tag, aber da ich mich in einer Nische befinde, sind die Besuche meiner Website hocheffektiv. Jemand, der nach meinen Keywords sucht, befindet sich schon potentiell im Markt, abgesehen von Studenten, die möglicherweise eine Bachelorarbeit schreiben. Erstaunlich viele Besucher kommen über die Google Bilder-Suche, so dass sich die Verschlagwortung meiner Bilder wohl gelohnt hat.
In meinem Blog liefere ich mindestens einmal pro Monat frischen Content zu meinem Tätigkeitsfeld, um so konstant neue Besucher auf meine Website zu locken. Einmal habe ich einen Lösungsansatz preisgegeben, nach dem viele SAP Entwickler suchen, um zu testen, wie sich der Traffic auf meiner Website dadurch steigert. Und in der Tat – der Traffic ist schlagartig um ca. 25% gestiegen.
Wie gesagt, ich nutze die Wordpress-Technologie für meine Website. Und was habe ich festgestellt? Der Inhalt auf meinem Blog wird viel schneller indexiert und rankt auch höher als der Rest meiner Website.
Trotz meines fulminanten Starts im Google Pagerank haben sich meine Investitionen in meinen Webauftritt nicht ausgezahlt. Bis heute habe ich keinen einzigen Backlink generiert und auch keinen einzigen Kommentar auf meinem Blog erhalten. In einem Jahr habe ich 8 Telefonanrufe, 4 Emails und ein kleines Projekt über meine Website erhalten.
Ich musste feststellen, dass in meiner Branche doch die Entwickler über Agenturen oder die großen SAP Dienstleister geordert werden. Auch das Platzieren von AddOns für SAP geschieht wohl nur über die SAP Dienstleister, die einen direkten Draht zum IT-Chef des Kunden haben und so ihre oder andere Produkte platzieren.
Der Versuch, meine Lösungen über SAP Dienstleister zu vertreiben, war leider nicht von Erfolg gekrönt. Meine Lösung steht in Konkurrenz zu deren eigenen Produkten, die ähnliches anbieten. Meine Lösung ist zwar qualitativ besser, preiswerter und vom Kunden leichter zu implementieren, steht jedoch in Konkurrenz zu den eigenen Produkten der SAP Dienstleister. Die sind zwar miserabler und teurer, aber der Kunde weiß es in dem Moment ja nicht, was ihm verkauft wird.
Eine größere Hürde bei meiner Unternehmensgründung waren die Eröffnung eines Geschäftskontos und die Unterzeichnung eines Mobilfunkvertrags. Da ich ein Privatkonto bei der Postbank habe, hat die Postbank letztendlich mir auch ein Geschäftskonto eröffnet. Kreditlinien habe ich bis heute keine und auch meine VISA ist eine Prepaid-Karte. Ein Mobilfunkvertrag bei T-Mobile und Vodafone war nicht möglich. Beide haben mich abgewiesen. Daraufhin habe ich meinen privaten Vertrag bei der Telekom gekündigt. Allerdings war ein Business Mobilfunkvertrag bei O2 ohne weiteres möglich, auch als Existenzgründer. Bei vielen meiner Einkäufe muss ich nach wie vor in Vorkasse gehen.
Ein großes Plus in der heutigen Zeit sind Cloud-basierte Dienste. Ich nutze Collmex als Buchführungs- und Fakturierungsprogramm. Hier werden auch die Umsatzsteuervoranmeldungen automatisch in das Finanzamt gesendet und es gibt viele Buchungsvorlagen. Lohnabrechnungen kann man preiswert mit iLohnGehalt erstellen. Mit meinem Steuerberater bin ich gar nicht zufrieden, er gibt mir keine genauen Auskünfte und kann mir nicht weiterhelfen. Am liebsten würde ich auf ihn verzichten.
Summa summarum, bisher habe ich den Gang in die Selbständigkeit nicht bereut. Allerdings musste auch ich feststellen, dass ohne schlagkräftigen Vertrieb die eigene Leistung am Markt keinen Wert hat. Und in meinem Bereich spielen persönliche Kontakte doch weiterhin eine überaus dominierende Rolle.
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Der Königsweg zu neuen Erkenntnissen ist nach wie vor der gesunde Menschenverstand.
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