Warum steigen die Schulden schneller als die Sparquote
bearbeitet von unbekannt, Mittwoch, 06.01.2016, 15:28
Hallo
Mich beschäftigt gerade eine Frage bzw. ich bekomme gewisse Widersprüche nicht aus dem Kopf.
Warum steigen die Schulden schneller als die Sparquote?
(Nur für Neoklassiker klingt das erst mal unlogisch)
Dieser Frage wollte ich allerdings aus debitistischer Perspektive nachgehen.
Es wurde ja immer wieder behauptet, die nicht rechtzeitig verausgabten akkumulierten Zins- und Zinseszinsguthaben bzw. Einkommen von Nichtbanken bei der Bank (bzw. von der Bank selbst) verursachen die Aufschuldung und wenn man diese nur „rechtzeitig" wieder in die Sachwerte bzw. den Konsum bringt (in den „Umlauf" bringt) könnte die Aufschuldung massiv verzögert und bestenfalls sogar verhindert werden. Das könnte u.a. auch durch allerhand staatliche fiskalische Maßnahmen geschehen, indem der Staat von den Guthaben einfach mehr wegnimmt und diese verausgabt, so dass ein privater Geldvermögensaufbau und somit auch eine ansteigende Staatsverschuldung zumindest entschleunigt werden könne.
Das sollte angeblich theoretisch funktionieren aber praktisch würden dem allerhand Hürden gegenüberstehen (Angstsparen, „Vorsichtskasse",„Spekulationskasse", kein ausreichend staatlicher Zugriff auf die Vermögen usw.).
Man sprach dabei von vielen sich in der Fristenstruktur überschneidenden Krediten, wobei jeweils die Zinsgewinne bzw. Guthaben aus Altkrediten die Zinsen aus späteren Krediten bezahlen/ablösen sollen.
Somit kann die gesamte Fristenstruktur aller Schulden angeblich laufend nach vorne geschoben werden und der Anstieg der Geldvermögen würden somit nicht exponentiell ja noch nicht mal linear verlaufen.
Dass die Rückzahlung von Schulden in dem Gesamtsystem technisch nicht funktionieren kann, war ja bereits geklärt.
Dafür habe ich mir Diskussionen im Archiv angeschaut und mir ist gerade eine simple Frage in den Sinn gekommen, die ich dort nicht beantwortet finde:
Da ja praktisch regelmäßig gespart wurde, was sich auch in der jährlichen Sparquote (z.B. 10%) widerspiegelt, und wir gleichzeitig eine permanente Aufschuldung (Bilanzverlängerung) hatten, sowohl im Bankensektor als auch im Nichtbankensektor (Interbankenschulden mal außen vor), wieso ist dann die Buchgeldmenge von der Summe stets höher gestiegen als „gehortet" bzw. gespart wurde? Oder wieso sind generell die Geldvermögen exponentiell gestiegen?
Gespart bzw. „gehortet" wurde überwiegend ja nicht in Sichtguthaben sondern die Anlagestruktur besteht z.B bei den Deutschen als Weltmeister im Sparen zu 40% aus verzinsten Bankeinlagen und der Rest überwiegend bei Versicherungen u.ä. Zertifikate bzw. Investment (welche auch „Zockerprodukte" enthalten für Arbitragegewinne) mit 9,5% gering.
Geht man noch davon aus dass auch das Investmentsparen in Zockerprodukte erst relativ spät zugenommen hat (mit Modernisierung des Finanzmarktes), dann war Sparen/Vermögensbildung bei den Deutschen bzw. generell in Industrieländern in der Vergangenheit überwiegend Bankeinlagen, Pfandbriefe und Anleihen bzw. Sachwerte. Schon seit den 60igern nahm das Vorsorgesparen in Wertpapiere zu. Da blieb also dauerhaft nichts liegen.
Bezieht man also ein, dass die Sparquote überwiegend nicht das Zurückhalten von Liquidität („Horten") beinhaltet, sondern längerfristig verzinstes Sparen in reale Wertpapiere/Geldforderungen bei Banken und Nichtbanken, wobei bei letzterem die Bankguthaben eines Sparers ja tatsächlich entweder weitertransferiert oder per Bilanzverlängerung ersetzt werden und somit Banken-/Nichtbankenkredite aus Vorperioden tatsächlich teilweise abgelöst werden können - aber gleichzeitig eine neue verzinste Forderung entsteht (Fristenstruktur verschiebt sich nach vorne) - so hätte theoretisch die Aufschuldung viel kleiner ausfallen müssen.
Denn je mehr zum Beispiel ein Kreditnehmer über Anleihenemission im In- und Ausland konsumiert, desto mehr Altschulden könnten ja theoretisch im Unternehmenssektor/Haushaltssektor innerhalb der Dauer der Anleihe getilgt werden. (Wenn nicht in der ersten Runde, dann in weiteren Runden). Dieser Prozess müsste praktisch die Bilanzverlängerung im Bankensektor/Nichtbankensektor deutlich verlangsamen - neue Schuld löst alte ab. Neuverschuldung bedarf es natürlich immer, damit die Ablöseprozesse Zeit gewinnen. Es geht also nie um die gesamte Tilgung aller Schulden.
Wobei hier anzumerken ist, dass es keine verzinsten Sparverträge mit Banken gibt ohne Nachschuldner.
Also alles was bei der Bank verzinst ist, ist irgendwo spiegelbildlich angelegt.
Rechnet man nun noch dazu, dass Zins- und ZInseszinseinkommen (sowohl aus dem realen als auch dem Finanzmarktsektor), zwischendurch auch immer wieder netto entspart wurden (besonders vermögende Zinsgewinner haben ja Sachwerte oder Beteiligungen an Unternehmen), dann haut das irgendwie nicht hin.
Es gab zwar eine stetige Zunahme von Liquidität im spekulativen Finanzmarktsektor (Arbitrage) seit den 90igern (Spekulationskasse), aber auch die Investmentbanker zahlen die Arbitrage ja an Sparer aus und horten dort nicht ewig. Ganz abgesehen davon, dass Kredite in der Realwirtschaft auch nicht sofort erfüllt werden müssen, die Guthaben praktisch auch Zeit haben, Umwege zu machen über den Finanzmarkt.
Zudem wurde dort nicht nur mit Eigenkapital spekuliert sondern auch mit Hebelkredite, was die Liquidität insgesamt erhöht. Ich kann mir also kaum vorstellen, dass hier nur Geldflüsse einseitig in den Finanzmarkt (z.B. für Devisenspekulationen u.ä.) transferiert wurden und nichts zurück in die Realwirtschaft.
Selbst ein Ansteigen der Summe auf Spekulationskonten sagt nichts darüber aus, dass das deflationäre Liquiditätsnot in der Realwirtschaft ausgelöst hätte.
Wir haben also zusammengefasst faktisch mehrere Vorgänge, welche die „exponentielle Aufschuldung" hätten verhindern bzw. entschleunigen müssen:
a) Guthaben aus neuen Schulden lösen alte Schulden teilweise auf ---> Fristenstruktur verschiebt sich nach vorne
Selbst wenn dabei die neu in Umlauf gekommenen Guthaben ex post wieder zum Teil verzinst gespart werden, müsste der gleiche Prozess eintreten. Neu gesparte Guthaben bei der Bank oder Nichtbank werden re-investiert und kommen über Bilanzverlängerung bei der Bank oder direkt über Wertpapiere (Anleihen etc.) wieder in den Umlauf und lösen irgendwo alte Schulden mit Zinsen ab. Es entstehen zwar neue Sparsummen und Zinsforderungen und neue Schulden mit neuer Frist aber alte werden bedient bzw. entfallen ganz, weil Kredite getilgt werden können.
Das ändert sich praktisch auch nicht durch die Konzentration von Geldvermögen bei den „Reichen"
Denn auch die horten langfristig keine Liquidität (und schon gar nicht bei Inflation) sondern kaufen Wertpapiere und Sachwerte. Die Zinsströme wandern zwar in der VoWi vermehrt nach oben kommen aber wieder zurück in die VoWi. Es findet eine erneute „Pulverisierung" der Liquidität statt und damit der Verschiebung der Fristenstruktur nach vorne.
b) Netto-Entsparen (bei Haushalte und Unternehmen) löst alte Schulden ab
--->keine neuen (Zins-)Forderungen.
Dazu kommt noch ergänzend:
c) Immer mal wieder eine komplette Ausbuchung von Schulden durch Insolvenz/Vermögensverluste/Kreditplatzer.
d) Immer mal wieder rückläufige Sparneigung bei verlangsamten Wirtschaftswachstum und steigender Arbeitslosigkeit (vgl. Japan) - Sparpuffer kompensiert Einkommensrückgänge.
e) Negative Sparquote im Haushaltssektor: Konsumkredite müssten Unternehmerschulden theoretisch reduzieren. Zwar gibt es auch Nettosparen im Unternehmerbereich, aber auch Unternehmen horten nicht dauerhaft Liquidität, sondern bauen neue Forderungen auf, wobei diese Zahlungsmittel wieder alte Forderungen irgendwo ablösen können.
Hier stellt sich mir die Frage, warum dennoch die Geldmenge M3 bzw. die gesamte private Geldvermögenssumme laufend gestiegen ist? In Deutschland seit 1950 verzehnfacht. Aus sich selbst steigt die Geldmenge durch Zinseszins nicht an. Es bedarf ständig einer neuen Investition bzw. Zinsen tauchen erst in der Bilanz auf, wenn Tilgung PLUS Zinszahlung für den Kreditnehmer anstehen.
Selbst wenn Liquidität mal tatsächlich kurz-/mittelfristig auf Girokonten gehortet wird, und somit vorübergehend nicht real investiert wird, was dann tatsächliche Liquiditätsknappheit bedeutet und eine Ablösung alter Kredite verhindert, kann das kein Grund sein für den exponentiellen Vermögensanstieg, weil im heutigen Bankenwesen über Kontokorrentkonten oder auch über Lieferantenkredite unter Nichtbanken ständig kurz-/mittelfristige Liquiditätsüberbrückungen möglich sind. (Allein schon auf Basis des „Bodensatzes" oder Interbankenverbindlichkeiten).
Die Liquidität müsste ansonsten schon ziemlich lange „ungenutzt auf den Konten lagern", damit es hier zu erheblichen Liquiditätsmangel in der Realwirtschaft kommt, welche eine ständige exponentielle Aufschuldung erzwingen würde.
Das erscheint mir eher unwahrscheinlich. Liquidität auf Girokonten wird überwiegend in einer Deflation gehortet. Doch auch das erzwingt keine Aufschuldung, da das ein Symptom ist und keine Ursache. In einer Deflation werden ja Geldvermögen eher abgebaut und die Neuverschuldung sinkt.
Ein anderer längerfristiger „Hortungseffekt" würde sich ergeben, wenn Guthaben laufend von Überschüssler zu Überschüssler transferiert werden. Das halte ich aber als Begründung eher unwahrscheinlich, weil auch Überschüssler bei Schuldnern kaufen und bezahlen.
Die Schulden sind also stets schneller gestiegen als die verzinste Sparquote.
Alles in allem ließe sich erst mal die These aufstellen, dass wir eine Überinvestitionskrise haben, mit steigenden Guthaben als Symptom, und die exponentielle Aufschuldung nicht aus Liquiditätsnot herrührte.
(Der Zinseszins u.a. fehlt)
Denn diese Aufschuldung kann nur erfolgen, wenn Guthaben tatsächlich stillliegen und nicht direkt über Konsum oder ersatzweise über Investitionen weitertransferiert werden (von Banken ersetzt werden).
Von daher komme ich ein wenig ins Zweifeln hinsichtlich der debitistischen Theorie, hin zu der Annahme, dass die Aufschuldung und damit die Wachstumsbeschleunigung gewollt war und vor allem möglich war durch das endogene Geldsystem und der Modernisierung/Ausweitung des Interbankenmarktes/Finanzmarktes. Mit Hilfe von Clearingverfahren und Fristentransformation war eine Steigerung der Kreditexpansion möglich
Damit einher geht noch, dass in älteren Volkswirtschaften die Verschuldung immer höher bzw. längerfristiger sein muss, um das BIP zu steigern.
Schkussendlich sind die Investitionen (Haftungsräume, Bonität) ausgereizt, und lassen sich auch nicht mehr durch eine Erhöhung der Transfergeschwindigkeit der vorhandenen Liquidität herstellen.
Ein Teil der Forderungen muss zwangsweise ausgebucht werden (oder per Bilanzverlängerung in der Notenbank gerettet werden).
Es sei denn, der Staat würde die Liquidität den Privaten ex ante wegnehmen und gezielt in rezessive Regionen/Staaten investieren bzw. dort wo noch hohes Wachstumspotential ist. Doch wo ist das noch? Vielleicht in Afrika, dort herrscht aber (schon aus politischen Gründen) ein unsicheres Investitionsklima.
In jedem Fall müssen komplett neue nachfragende Einkommen geschaffen werden, was der Markt aber nicht mehr schafft. Zudem müsste die private Eigentumsstruktur verändert werden. Afrika fehlt es an rechtlich abgesichertem (belastbarem) Privateigentum.
Gruß