Hallo Weiner,
ich denke, dass wir die Ereignisse nur vor dem Hintergrund des ehemaligen europäischen und des gegenwärtigen amerikanischen Imperialismus verstehen können, der den unterworfenen Völkern mit einer ungeheuren Gewalt gegenübertritt. Das liegt ja in dem debitistischen Zwang zur Aufschuldung begründet, um die Abgaben an die Obertanen zu externalisieren. Die Gabe des Kolonialismus erzeugt eine Erniedrigung der unterjochten Völker, die jetzt zu einer adäquaten und symmetrischen Gegengabe gezwungen sind. Welche kann das sein? Sie setzen ihren eigenen Tod als unwiderrufliches Ereignis und absolute Waffe („Was interessieren uns die amerikanischen Bombardements! Wir lieben den Tod, wie die Amerikaner das Leben lieben!“) in ihrer Offensive gegen ein System ein, das das Ideal „Null Tote“ ausgerufen hat, und zwingen damit den Gegner selbst wegen Erfolglosigkeit, weil er alle möglichen konventionellen Abschreckungs- und Vernichtungsmittel einsetzen muss, zur eigenen Erniedrigung. Das zeigen die Bombardements von Hochzeitsgesellschaften oder Krankenhäusern in Afghanistan – alles im Namen der Menschenrechte, die im Prozess der Globalisierung des Ökonomischen nur als Monstranz vorangetragen werden. Die Menschenrechte werden als Waffe und Erpressung gegen andersartige Kulturen benutzt, nach dem Motto: Entweder ihr teilt unsere Werte oder...?
Es ist bemerkenswert, wie es den Anderen, die noch einen Potlatch kennen, gelingt, ihre Bereitschafft zum Opfertod in das Duell einzubringen, um die Unsrigen in eine ausweglose Wahl ihrer Gegenreaktionen zu zwingen. Die Möglichkeit des Systems, gleichwertig zu antworten, besteht nicht mehr.
Ihr Erfolg liegt in einer Verpflichtung zum Opfer, das sie immun macht gegen Verrat. Sie übernehmen alle für sie notwendigen technologischen Errungenschaften des Systems zur Durchführung der Ereignisse, leben und bewegen sich heimlich, ohne die westlichen „Werte“ zu übernehmen. Es geht für sie um ein Duell zur Umkehrung der Relation und zur Erniedrigung des Westens, ein Spiel auf Leben und Tod. Minimaler Einsatz, maximales Ergebnis. Herr und Knecht sind jetzt vertauscht.
Die Absicht der Anderen ist, eine Orgie der Realität (Militär, Polizei, Geheimdienst, Überwachung, Kommunikation und Wille) = Simulation zu erzeugen, die sich dann gegen das System selbst richtet, um es in seinen eigenen Tod zu treiben: Einschränkung und Beschneidung der „westlichen Werte“, der Demokratie, der Rechtsstaatlichkeit, der Menschenrechte – geschieht alles schon, in welche Richtung wir auch immer schauen. Die Globalisierung richtet sich gegen sich selbst – „war on terror = Krieg gegen uns selbstâ€. Die Anderen tun es und wir wollen es, um Zeit zu gewinnen. Die systemnotwendige Vorfinanzierung all dessen führt wegen der debitistischen Logik zur beschleunigten Aufschuldung und bei einigen zu einer Orgie des Reichtums und des Wohlstands, wobei die Wohlschuld von den Untertanen getragen wird – bis zum Ende der Verschuldungsfähigkeit und der Implosion des Ganzen.
Diese Runden von Gabe und Gegengabe erinnern mich an die Wiederbeleihungsrunden derselben Finanzprodukte und die Refinanzierungsrunden bei den Zentralbanken. Die ausgewiesenen Debitisten im Forum können es bestimmt besser erklären und ausformulieren. Paul C. Martin hat schon vor 15 Jahren in
http://www.dasgelbeforum.net/30434/messages/67112.htm
den spiralförmigen pyramidalen Aufbau beschrieben, um den es alles immer nur kreisend geht, bis an die Spitze einer Diktatur, die dann nach einiger Zeit in sich zusammenstürzt.
Der Westen wird mit der imperialen Vormacht Amerika bei seinem ewig missionarischen Eifer der exzessiven Schaffung von Realität – des Guten – scheitern, um das ewig Böse zu besiegen, wobei das Reale auch nur dazu dient, unsere Ängste vor dem eigenen Tod zu überwinden. Was machen wir aber, wenn das Reale gemäß der Katharer selbst das „Böse“ und ein Dämon ist?
Die Zusammenhänge und Abläufe sind halt der von Foucault, Baudrillard und Martin erschlossenen immanenten Logik des Systems geschuldet.
Gruß
Ostfriese