Hallo, Bernadette,
auch Dir persönlich die besten Weihnachtsgrüße, zusammen mit einem Anhang. Nachdem ich Dir Deine Weihnachtsgeschichte mit den beiden Rentnern, die im Spätsommer im Asylantenheim bewirtet wurden, kaputtgemacht habe, wollte ich Dir ja eine persönlich erlebte, "garantiert echte" Weihnachtsgeschichte auf Dein Mail schicken.
(Ich erinnere an http://www.dasgelbeforum.net/forum_entry.php?id=387077,387082,387100)
Ich war ja nicht unbedingt Deiner Meinung, das hier für alle zu veröffentlichen, - weil es zum einen persönlicher Natur ist und zum anderen vielleicht auch kaum jemanden interessiert, - aber ich will Deinem Vorschlag nachkommen und habs so verfaßt, dass nicht allzuviele persönliche Daten enthalten sind, die eine Identifizierung der Person zulassen. Weniger wegen mir, sondern aus Rücksicht auf meine Tochter, die sich in ihrer Branche mittlerweile einen Namen gemacht hat.
Nochmals, - die besten Wünsche zum Fest und zum Jahreswechsel! - Helmut
Eine erlebte Weihnachtsgeschichte
Weihnachten 2015
Wie beginnen derlei Geschichten?
Meistens so: Es begab sich aber zu der Zeit, als….
Nun, ich werde pragmatischer beginnen. Schließlich handelt es sich um einen selbst erlebten Vorfall, den ich ohnehin nie vergessen werde, und den ich eigentlich nur aufgrund einer bestimmten Zusage aufschreibe. Ich weiß gar nicht mehr, wann es genau war, - den Euro gabs schon, und es war in der letzten Phase, als ich in noch Deutschland in einer Kleinstadt lebte, also entweder 2001 oder 2002.
Obwohl ich schon jahrelang mit einer anderen Frau verheiratet war, so hatte ich doch zu meiner ersten Frau und deren Mutter sowie zu meinen Kindern ein gutes Verhältnis und auch regelmäßige oder gelegentliche Kontakte. Ausgenommen meine Tochter. Eine selbstbewußte, gut aussehende junge Frau, die auch beruflichen Erfolg hatte und nach ihren Vorstellungen lebte. Sie ging ihren Weg, und war nicht leicht zu beeinflussen; - manchmal auch ein Sturkopf, - so wie ihr Vater.
Obwohl ich versucht habe, mich zu erinnern, - ich komme beim besten Willen nicht mehr drauf, warum wir eigentlich im Clinch lagen, - Tatsache aber war, dass wir schon jahrelang kein Wort miteinander gesprochen hatten. Keiner war bereit, den ersten Schritt zu gehen, - jeder gab intuitiv dem anderen die Schuld an der Situation, die aber keiner änderte.
Natürlich litt ich unter dieser Situation. Schon deshalb, weil ich an meiner Tochter sehr hing, - aber über seinen Schatten zu springen und das direkte klärende Gespräch zu suchen, - das funktionierte damals nicht. Jeder igelte sich ein, - die Fronten waren einfach zu verhärtet. Ich sprach kaum mit Freunden oder Bekannten darüber, ich klammerte diese bedrückende Situation irgendwie aus. Lediglich von meiner ersten Frau oder auch von meinem großen Sohn erfuhr ich, wie es ihr geht und womit sie aktuell gerade beschäftigt ist.
Einige Male suchte ich den Pfarrer auf, der uns seinerzeit getraut und der auch meine Tochter getauft hatte. In der Hoffnung, irgendeine Verhaltensregel, irgendeine „Bedienungsanleitung“ zur Behebung dieses Zustandes zu erfahren, vertraute ich mich ihm an und sprach viel mit ihm darüber. Letztlich endete jede Diskussion aber nur an einem Punkt: Er machte mir klar, dass ich in dieser Situation weder etwas „einfädeln“ oder lenken kann, - es gäbe nur einen Weg, um über diesen Graben zu springen: die Liebe. Ohne Vorbedingung, ohne Einschränkung, einfach nur gelebt. Nur die Liebe zu meiner Tochter könne hier Abhilfe schaffen, - nicht von einem Tag auf den anderen, - aber es wäre der einzige Weg.
Das war natürlich leichter gesagt, als getan. Wie übermittle ich jemanden Liebe, mit dem ich gar nicht spreche? Der beste Moderator in einer Radiosendung kann sich im Studio abmühen, - wenn keiner das Radiogerät aufdreht, dann ist die Mühe umsonst. Auch darüber sprach ich mit ihm, - er meinte nur, dass ich unbeirrt an der Liebe festhalten solle, der Rest käme dann von allein. Ich müsse nur Geduld haben. Natürlich machte ich ihm mehrmals klar, wie ich mich fühlte. Aber er war der Auffassung, dass dies der einzige Weg wäre, der sicher zum Erfolg führen wird, - nur wann, - das könne er nicht sagen. Er sollte aber recht behalten.
Es ging wieder einmal auf Weihnachten zu, und dieses eine Mal konnte ich aus irgendeinem bestimmten Grund nicht bei meiner jetzigen Familie sein, die ja in einem anderen Land lebte. Ich mußte in der Stadt bleiben, in der ich mit meiner ersten Frau gelebt habe. Meine beiden großen Kinder lebten auch beide in weiter entfernten Städten, aber zum Weihnachtsfest kamen sie zu ihrer Mutter und zur Oma. Natürlich wollte ich anläßlich dieses Festes auch meine erste Frau, meine frühere Schwiegermuter und meinen Sohn besuchen.
Da dieses Fest mit der Überschrift versehen ist „Frieden auf Erden“, haben wir das so vereinbart, dass ich am 24. Dezember am frühen Nachmittag auf der Bildfläche erscheine, - und da waren noch einige Stunden „Puffer“ dazwischen, um nicht mit meiner Tochter am selben Ort zusammenzutreffen. Den Weihnachtsabend selbst wollte ich mit langjährigen Bekannten verbringen.
Kurz bevor ich mich zum besagten Besuch fertig machen wollte, sollte ich noch einer Bitte meines Bekannten nachkommen und einen Weihnachtsbaum zu einer anderen Familie in der Nähe bringen. Zu diesem Zweck fuhr ich mit meinem Transporter in diese wenig befahrene Wohnsiedlung. Es war nicht besonders kalt, die Temperatur so um den Gefrierpunkt, und an manchen Stellen war der Asphalt von ein paar Schneeflocken leicht angezuckert.
Ich hielt vor dem Haus, direkt an einer Kreuzung, die in jeder Richtung in eine Sackgasse führte. Also ein ziemlich unfrequentiertes Straßenstück, auch menschenleer zu diesem Zeitpunkt. Ich trug den Baum zu dieser Familie ins Haus und ging zurück zum Transporter. In diesem Moment sah ich einen Kleinwagen, besetzt mit drei Personen, der sich mit geringer Geschwindigkeit, so wie in der Zeitlupe, auf meinen LKW zubewegte. Offensichtlich ist der PKW auf einem leicht verschneiten Straßenstück auf der Kreuzung ins Rutschen gekommen und - obwohl die Räder eingeschlagen waren – bewegte sich direkt auf den Transporter zu.
Die Frau hätte eigentlich nur den Fuß von der Bremse nehmen müssen, dann hätten die eingeschlagenen Vorderräder „gegriffen“ und nichts wäre passiert. Überhaupt ist die ganze Situation derart unerklärlich, wie es dazu überhaupt kommen konnte, auch die Polizeibeamten vertraten diese Meinung. Ich weiß nicht mehr genau, warum, - aber ich war gezwungen, diesen Unfall aufnehmen zu lassen, und das aus mehreren Gründen. Ich weiß nur noch, dass diese Unfallsituation derart komisch war, dass sie später leicht anders dargestellt hätte werden können, - und schließlich waren im gegnerischen PKW drei Leute als Zeugen vorhanden. Dazu brauchte ich sofort nach den Feiertagen den Transporter und war nun auf ein Mietfahrzeug angewiesen, dessen Bezahlung durch die gegnerische Versicherung ich sicher sein wollte.
Obwohl ich in dieser Stadt durch meine jahrzehntelange Jugendarbeit kein Unbekannter war und auch mir bekannte Polizeibeamte später zum Unfallort kamen, so erwartete man bei meiner telefonischen Unfallmeldung Verständnis dafür, dass es etwas dauerte, - die Beamten wären grade bei der Aufnahme eines anderen Unfalles, und man hätte heute nur ein Fahrzeug im Streifendienst. Nun gut, ich wartete. Es sollte fast zwei Stunden dauern, bis endlich die Beamten erschienen. Man gab mir recht, dass die Situation zweideutig wäre, - aber die immer noch vom Vorfall erschrockene Lenkerin gab an Ort und Stelle die tatsächlichen Angaben zu Protokoll und somit war die Beweislage gesichert.
Nun aber schnell weiter, um meinen beschriebenen Weihnachtsbesuch noch rechtzeitig abzuwickeln. Ich übersah, dass ich mich schon ziemlich am Rande des Zeitfensters bewegte. Was ich aber weder wußte noch ahnte, war der Umstand, dass meine Tochter um einiges früher bei ihrer Mutter ankam, da sie noch gemeinsam die Weihnachtsbäckerei bewältigen wollten. Durch diese intensive Küchenbeschäftigung fiel es anscheinend nicht auf, dass ich nicht – wie vereinbart – zur vereinbarten Uhrzeit vor der Türe stand, und es fiel auch niemanden ein, mich darüber zu benachrichtigen, dass meine Tochter schon in der Wohnung war.
Und nun kam das, was man eigentlich vermeiden wollte: ich klingelte, es wurde geöffnet, - und meine Tochter stand in der Tür. Wie starr standen wir einander gegenüber, schauten uns wie gelähmt an, - beide irgendwie erschrocken, - oder eben nicht darauf vorbereitet, den jeweils anderen zu sehen. Sicher war es keine viertel Minute, - aber in manchen Situationen kommen einem Sekunden wie Stunden vor.
Man stelle sich eine durchsichtige Eisplatte vor, die im Türrahmen eingebaut war, - so ähnlich war es mit der Unnahbarkeit und auch mit der Temperatur. Was und wie es dann kam, kann ich nicht beschreiben oder erklären, - ich weiß nur, dass wir uns plötzlich in den Armen lagen und der Bann gebrochen war. Wir unterhielten uns in vertrauter Weise, auch mit den anderen Familienmitgliedern, und dann verabschiedete ich mich. Bevor ich – wie vereinbart – zu meinen Bekannten gehe, mußte ich den Vorfall erst einmal verarbeiten, - ich mußte unbedingt eine Zeit lang alleine sein.
Ich stand irgendwie wie im Nebel. Es war doch alles so genau geplant, so logisch durchdacht, mit Zeitfenster und zeitlicher Sicherheit dazu, wer hat das so durcheinandergebracht? Ein Unfall, der eigentlich völlig unnötig war, der normalerweise gar nicht hätte passieren können, - der andere Unfall, der das Erscheinen der Beamten derart verzögerte, das völlig unplanmäßige frühere Eintreffen meiner Tochter, - der Umstand, dass mich niemand angerufen hatte, - wie paßt das alles zusammen?
Um beim Wort „zusammen“ zu bleiben: Ich hatte den ganzen Tag schon ein ganz komisches Gefühl, eine seltsame Unruhe, die ich mir nicht erklären konnte. Obwohl ich unter keinerlei Termindruck stand, - alles ohne Hektik ablaufen konnte und auch sonst kein Anlaß für irgendwelche Besonderheiten war. Genau dasselbe Gefühl hatte auch meine Tochter, auch schon den ganzen Tag. Beide wunderten wir uns darüber, als wir davon sprachen. Was war es dann wirklich? Hat da „irgendjemand“ am Rädchen gedreht, - jemand, der stärker und mächtiger ist als wir alle zusammen? Oder war alles einfach nur ein Zufall?
Für mich war es jedenfalls das schönste Weihnachtsgeschenk, das ich jemals erhalten habe. Unnötig, zu erwähnen, dass wir seitdem in ständigen Kontakt stehen. Auch, wenn es mit räumlicher Entfernung verbunden ist, - es gibt Telefon, Mail und Skype, - man kann immer in Verbindung bleiben, wenn man nur will. Sie geht weiterhin ihren Weg, sie hat weiterhin ihren vererbten Sturkopf, wir sind auch nicht in allem und jedem einer Meinung, - aber wir wissen, was wir aneinander haben und wie wir uns innig verbunden sind.
Wieder ist der 24. Dezember gekommen. Es ist gut, dass ich das gerade heute aufschreibe. Es erinnert mich daran, dass Weihnachten viel mehr ist, als nur irgendein Geschenkpäckchen aufzumachen.