Danke für die Abschrift
Natürlich muss ich bei so einem Text gleich herumgoogeln, um auf den wahren Ursprung zu kommen. Hab ich auch mit Erfolg gemacht:
Das vollständige Gedicht (Neujahrsgebet des Pfarrers von St. Lamberti, Münster/Westf. aus dem Jahre 1883)
Herr, setze dem Überfluss Grenzen
und lasse die Grenzen überflüssig werden.
Lasse die Leute kein falsches Geld machen
und auch das Geld keine falschen Leute.
Nimm den Ehefrauen das letzte Wort
und erinnere die Männer an ihr erstes.
Schenke unseren Freunden mehr Wahrheit
und der Wahrheit mehr Freunde.
Bessere solche Beamte, Geschäfts- und Arbeitsleute,
die wohl tätig, aber nicht wohltätig sind.
Gib den Regierenden gute Deutsche
und den Deutschen eine gute Regierung.
Herr, sorge dafür, dass wir alle in den Himmel kommen
aber nicht sofort.
Für mich äußerst faszinierend ist das Alter dieses Gedichtes. Mehr als 130 Jahre alt und noch immer so aktuell.
Überhaupt gibt es aufgeschriebene Gedanken, Gebete, oder sonst was, was nicht nur in Gedichtform, sondern auch in Prosa gefaßt ist, was an Aktualität interessanterweise nichts verliert.
Ein faszinierendes Beispiel dafür ist das nachstehende Gebet, - ich habs auf einen Untergrund mit einer geeigneten Fotografie gedruckt, gerahmt und mir ins Wohnzimmer gehängt:
Teresia Avila: Gebet des älter werdenden Menschen
O Gott, Du weißt besser als ich, daß ich von Tag zu Tag älter und eines Tages alt sein werde,
Bewahre mich vor der Einbildung, bei jeder Gelegenheit und zu jedem Thema etwas sagen zu müssen.
Erlöse mich von der großen Leidenschaft, die Angelegenheiten anderer ordnen zu wollen. Lehre mich, nachdenklich, aber nicht grüblerisch, hilfreich, aber nicht diktatorisch zu sein. Bei meiner ungeheuren Ansammlung von Weisheit erscheint es mir ja schade, sie nicht weiterzugeben – aber Du verstehst, o Gott, daß ich mir ein paar Freunde erhalten möchte.
Bewahre mich vor der Aufzählung endloser Einzelheiten und verleihe mir Schwingen, zur Pointe zu gelangen.
Lehre mich schweigen über meine Krankheiten und Beschwerden. Sie nehmen zu - und die Lust, sie zu beschreiben, wächst von Jahr zu Jahr.
Ich wage nicht, die Gabe zu erflehen, mir die Krankheitsschilderungen anderer mit Freude anzuhören, aber lehre mich, sie geduldig zu ertragen.
Lehre mich die wunderbare Weisheit, daß ich mich irren kann.
Erhalte mich so liebenswert wie möglich. Ich möchte kein Heiliger sein – mit Ihnen lebt es sich so schwer -, aber ein alter Griesgram ist das Krönungswerk des Teufels.
Lehre mich, an anderen Menschen unerwartete Talente zu entdecken, und verleihe mir, o Gott, die schöne Gabe, sie auch zu erwähnen.
Teresa von Avila (1515 – 1582)