Seit 20 Jahren dasselbe Spiel

Blue @, Dienstag, 24.11.2015, 11:28 vor 3725 Tagen 5509 Views

Guten Tag, wertes Forum,

da ich nicht weiß, an welchen der ungezählten Flüchtlingsbeiträge ich das dranhängen kann, erlaube ich mir, einen eigenen Faden aufzumachen. Mir ist bewusst, dass dieser Text schon morgen auf Seite zwei verschwunden sein wird und Sie alle genauso weitermachen, wie bisher und sich über den Untergang der Welt im allgemeinen und dem Untergang des Abendlandes im speziellen echauffieren.

Dennoch wollte ich Ihnen diese kleine Statistik, in Verbindung mit meiner Meinung aber nicht vorenthalten.
Manchmal hab ich so Gedanken, die müssen einfach raus. … ^^


1995 gab es laut Tagesschau 50 Millionen Flüchtlinge, bei ca. 5,7 Milliarden Gesamtbevölkerung.

[image]

2015 sind es laut UNHCR knapp 60 Millionen Flüchtlinge, bei ca 7,3 Milliarden Gesamtbevölkerung.

10 Millionen Flüchtlinge mehr, aber insgesamt 1,6 Milliarden Menschen mehr. Trotz aller politisch, religiös und materialistisch motivierter Kriege, halte ich die Menschheit insgesamt für friedlicher, als ihren Ruf.

Das soll es von mir auch gewesen sein, was Meinungsäußerung zum aktuellen Tagesgeschehen betrifft. Seit 35 Jahren kommen keine anderen, als Kriegs- und Terrornachrichten aus der arabischen Region. Und seit 20 Jahren mindestens, gibt es diese exorbitante Anzahl an Flüchtlingen.
Manchmal hab ich mich schon gefragt, wie das überhaupt funktionieren, ob es denn dort überhaupt noch Menschen geben kann. Und ich finde Terroristencamps, die vom CIA gesponsert werden, damit Ölquellen gesichert werden können und die urbane Bevölkerung keine Zeit hat, sich um ihren Wohlstand zu kümmern, ebenso verwerflich, wie die „Willkommens-Kultur“, die neuerdings um sich greift und alle, die nur einen Millimeter von dieser Spur abweichen, gleich mal automatisch in die Nazi Ecke stellt.

Alle mokieren sich nur über die Symptome, niemand zerrt zur Abwechslung mal die WAHREN Kriegstreiber vor ein ordentliches Gericht.

Dabei geht es, glaube ich mittlerweile, als allerletztes um irgendeine Religion. Sie ist nur das trojanische Pferd, in dem sich die Raffgeier verstecken und dem Planeten noch die letzten Tropfen rausquetschen, um sie im harmlosen Fall in Autos zu kippen, die 30l Sprit auf 100km brauchen. Oder so. Sie verstehen, was ich meine. Ich mag den Mustang auch. Aber lieber mag ich, dass statt toller Autos, glückliche Menschen auf den Straßen unterwegs sind.

Dabei fällt mir ein: ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass die Spezies in Alienfilmen immer nur ihre jeweilige Spezies repräsentieren; nie verschiedene Nationen oder gar „Rassen“, so wie wir?
Vulkanier sind Vulkanier, Transformer sind Transformer, Na`vi sind Na´vi. Es mag vielleicht unterschiedliche Stämme geben, aber wenn es um den Planeten geht, ziehen alle sofort an einem Strang. Und das ist, was uns Menschen (noch) fehlt. Ein Bewusstsein, für die Spezies im Ganzen und ihre Abhängigkeit von dem Planeten, auf dem sie lebt.

Um das hinzukriegen, könnten wir für den Anfang aufhören, uns von den paar wenigen aufhetzen zu lassen.

Danke für Ihre Aufmerksamkeit.

Viele Grüße
Blue

Flüchtlingsquote (Vortext gelöscht vom Moderator)

Martino @, Dienstag, 24.11.2015, 12:24 vor 3725 Tagen @ Blue 4131 Views

bearbeitet von unbekannt, Dienstag, 24.11.2015, 18:09

Hallo Blue,

eine interessante Betrachtungsweise und Relativierung anhand der offiziellen Daten.

Da scheint also die "Flüchtlingsquote" weltweit eher gesunken zu sein. Die "Flüchtlingsquote" als Indikator taucht erst seit dem Königsteiner Schlüssel auf, aber eben nur als Umverteilungs-Schlüssel im Schlaraffenland. Kann nirgendwo eine konstante Statistik finden mit Angabe der "Flüchtlingsquote" wie von Dir oben aufgezeigt, als dem Verhältnis der Flüchtlingszahlen im Gesamtverhältnis zur Gesamtbevölkerung. Das dürfen wir uns selber raussuchen. Wäre auch blöd wenn in der Tagesschau eine Kurve anzeigen müsste die von links oben nach rechts unten verläuft. Was ja aussagen würde, dass die Welt insgesamt relativ gesehen sicherer geworden ist (oder die potentiellen Flüchtlinge träger [[zwinker]] ), absolut gesehen wir aber die konstante Unsicherheit vermehrt importieren.

Interessant auch immer wieder mal zu sehen, wie zeitlos die Tagesschau eigentlich ist. 99% der Sendungen kann man auf einen x-beliebigen Tag übertragen ohne dass es (ausser Design & Mode) auffallen dürfte.

MfG
Martino

Schweden: Kommunen setzen sich durch: Aufnahmestopp, keinen Familiennachzug, auf das EU-Mindestniveau abgesenkt - Gesichtswah

azur @, Dienstag, 24.11.2015, 22:15 vor 3725 Tagen @ Blue 3870 Views

bearbeitet von unbekannt, Dienstag, 24.11.2015, 22:21

Werter Blue,

danke.

Um das hinzukriegen, könnten wir für den Anfang aufhören, uns von den
paar wenigen aufhetzen zu lassen.

Danke für Ihre Aufmerksamkeit.

Erbitte Deine für dies hier: http://www.tagesschau.de/ausland/schweden-verschaerft-asylgesetze-101.html

"Das Land sieht sich wegen des anhaltenden Zuzugs von Flüchtlingen zu drastischen Verschärfungen gezwungen"

Der stellvertetende MP Schwedens und Chefin der schwedischen Grünen muss einsehen:"In der vergangenen Woche bin ich zu der Überzeugung gekommen, dass das der beste Weg ist, um meinen Grünen-Parteifreunden in den Kommunen zu helfen und um tatsächlich etwas zu tun."

Das ist auch das Problem hier, quer durch alle Parteien. Die Kommunen müssen ausbaden, was sich andere so schön ausgedacht haben. Dort sind die Gemeindehäuser auf ewig belegt, dort muss man sich mit den Randerscheinungen und mit den Kosten herumschlagen.

Es geht ja nicht nach wünsch Dir was, sondern das hat alles ernsthafte Konsequenzen. Zumal es nicht nur in Schweden einen Mangel an Arbeitsplätzen usw. gibt. Und weder dort noch anderswo können Leute ohne Kenntnis der Landessprache und oft sogar ohne Schriftsprache, einfach integriert werden. Wollen etliche auch gar nicht, sondern sehen oft ihre Mission darin, ihre Lebensweise und oft auch religiösen Vorstellungen zu exportieren. Für sie praktischerweise wird das, in einem historisch einmaligen Vorgang sogar alimentiert. Und an den Kosten sind die schon vorher überforderten Kommunen beteiligt.

Weiter: "Romson windet sich hinter dem Rednerpult. Sie kann ihre Tränen nicht länger unterdrücken. Von schrecklichen Entscheidungen spricht sie.
Das Land mit etwa neuneinhalb Millionen Einwohnern habe Enormes geleistet. "Schweden ist ein kleines Land, das einen enormen Einsatz gezeigt hat. Das schwedische Volk zeigt nach wie vor eine große Solidarität in schwerer Zeit. Das ist der größte Flüchtlingseinsatz in der modernen Geschichte", so Löfven.
80.000 Menschen sind allein in den vergangenen zwei Monaten in den Norden gekommen. Seit zwei Wochen laufen Grenzkontrollen im Süden des Landes. Die Zahl der Flüchtlinge geht etwas zurück. Doch aus dem ganzen Land kommen Hilferufe von Behörden und Helfern: Wir können nicht mehr, wir haben keinen Platz."

Das setzt, wie zu erwarten, den Rahmen der Möglichkeiten.

"Die Regierung plant jetzt, den Familiennachzug zu begrenzen. Das Ausländergesetz wird für drei Jahre auf das EU-Mindestniveau abgesenkt. Das heißt: Weniger Flüchtlinge bekommen ein Bleiberecht. Mehr Aufenthaltsgenehmigungen werden befristet. In Bussen, Bahnen und Fähren nach Schweden sollen künftig konsequent Ausweise kontrolliert werden."

Natürlich muss geholfen werden. Etwa durch die Zahlungen für die Flüchtlingslager und den Wiederaufbau, so wie mehrfach im Gaza.

Nur Hunderttausende für Jahre in Massenunterkünfte zu sperren, ohne Privatsphäre und mit 30 cm Abstand zur nächsten Pritsche, ist auch keine wirkliche Alternative.

Frau Merkel und andere hätten sich hervortun können, in dem sie langfristig die voraussetzungen zur Hilfe für Flüchtlinge schaffen und z. B. mustergültig UN-Flüchtlingslager unterstützt. Statt dessen Facebookparty.

Gestern auf der TS.de: http://www.tagesschau.de/inland/interview-hassel-fluechtlinge-103.html

Es gilt als journalistisch fragwürdig, wenn sich Journalisten gegenseitig interviewen. Finden sie keinen der damit befassten Entscheider? Alle abgeduckt?

Tja, der Wind dreht sich, weil klar ist, dass Platz u. Möglichkeiten endlich sind. Es ist wie mit der stetig abfallenden Auflage der Bildzeitung – die Mehrheit glaubt nicht an die Merkel-Blödsinn.

Die interviewte Hassel war in den vergangenen Monaten eine ganz besondere Einpeitscherin. Freue mich schon auf den Tag, wo sie entsorgt wird.

Selbst sie muss nun langsam zu erkennen geben, was den meisten längst aufgefallen war, die man dann meinte verunglimpfen zu müssen, wie der Bundesjustizminister und andere angebliche Gesinnungspäbste. Auch wenn sie weiter ihre Deutungen als angebliche Expertenmeinung verkaufen:

"tagesschau.de: Heißt das, mit Kontingenten könnten alle hier in Europa Zuflucht finden?

Hassel: Es kommt darauf an, wie man Kontingent definiert. Die Kanzlerin, SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann oder Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel - sie alle plädieren für ein europäisch verhandeltes Kontingent. Das würde eine Begrenzung bedeuten. Damit könnte man europäische Länder, die sich bislang verweigern, dazu bringen, sich an der Lastenverteilung zu beteiligen. Sie haben im Zweifel kein Interesse daran, die Solidargemeinschaft Europa völlig scheitern zu lassen. Ein Kontingent, das national festgelegt würde, wäre wie eine Art Obergrenze."

Die Merkel will nun, dass ihr die Verantwortung in der EU abgenommen wird. Aber die Kommunen werden nicht so lange warten können.

Zudem: Auch eine EU-Kontigentierung wäre "wie eine Art Obergrenze"! Aber es geht ja auch nur noch um Gesichtswahrung, wie man dann eingestehen muss:

"Hassel: Der Ansatz von Merkel wird vom Koalitionspartner SPD und von den Grünen unterstützt. In ihrer eigenen Partei steht inzwischen nur noch eine Minderheit dahinter. Die Kanzlerin ist fast zehn Jahre lang mit dem Zeitgeist mitgegangen, hat in der Flüchtlingspolitik den Mainstream verlassen und ist in ihren eigenen Reihen relativ isoliert.
Zerstrittenheit hilft nur den rechten Kräften und stärkt die AfD. Dass man begrenzen will, ist politisch unumstritten. Kontingente könnten eine gesichtswahrende Lösung sein. Die Frage ist, ob das den Menschen in den Kommunen, in den Ländern, wo die Probleme sind, reicht. Wie schnell bekommen wir Lösungen und wie ehrlich bereiten wir die Menschen darauf vor, dass Lösungen vielleicht doch nicht so schnell kommen. Das wird die Diskussion der nächsten Wochen sein."

Als ob man da nicht unter dem Druck der selbst geschaffenen Verhältnisse stünde!

http://www.tagesschau.de/inland/fluechtlingspolitik-161.html

So viele Flüchtlinge in einem Monat wie noch nie
Ungeachtet der kälteren Temperaturen kommen weiterhin sehr viele Flüchtlinge nach Deutschland. Ihre Zahl wird im November voraussichtlich einen neuen Höchststand erreichen. Laut Bundespolizei wurden im laufenden Monat bereits 180.000 Migranten registriert. Im bisherigen "Rekord-Monat" Oktober kamen 181.000 Flüchtlinge nach Deutschland."

Wer sich hinstellt, wie Merkel und die Schweden, der muss sich nicht wundern, wenn er bald überfodert, um nicht zu sagen abgefüllt, ist.

Und keiner weiß, was mit den Massen von arabisch, pakistanisch und afghanissprechenden Leute anzufangen. Auch nicht mit den meist kaum gebildeten Afrikanern. Dafür wissen die Schweden ganz gut, wie sich archische Parallelgesellschaften bilden, aus denen es zu brutalen Auswirkungen auf die eigenen Bevölkerung kommt. Darüber könnte doch mal die schwedische Grünenchefin weinen...

Viele freundliche Grüße

azur

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ENJOY WEALTH
(Groß-Leucht-Reklame am Gebäude Lehmann-Brothers/NY)

Meide das Destruktive - suche das Konstruktive.

Runder Geburtstag der Flüchtlingskrise

PPQ ⌂ @, Pasewalk, Mittwoch, 25.11.2015, 08:14 vor 3724 Tagen @ Blue 2607 Views

Eine naheliegende Idee, diesen runden Geburtstag der zu feiern. Hatten wir auch:

Es war mitten im Sommer, als die Flüchtlingskrise Deutschland erreichte. Anarchie an den Grenzen, ein Ansturm, wie ihn die meisten Bürger noch nie erlebt hatten. Es ist das Jahr 1995, als eine gewaltige Diskussion über europäische Solidarität, Kontingente, Obergrenzen und Menschlichkeit die deutsche Gesellschaft spaltet.

Was damals, vor zwanzig Jahren, von wem wie diskutiert wurde, welche Argumente welche Seite in die Debatte warf und wohin das Ganze am Ende trieb, ist ein Lehrstück für die Nachgewachsenen, die meinen, sie führten all die Dispute zum ersten Mal, weil es all das noch nie gegeben habe. Hat es, doch es ist vergessen, weil nie ausdiskuitert worden. Damals verschwand ein Teil der Flüchtlinge irgendwo in Deutschland, integriert oder nicht, in jedem Fall aufgelöst in der Mehrheitsgesellschaft. Ein anderer ging nach kriegsende zurück nach Bosnien, teilweise befeuert von Eingliederungszuschüssen der Bundesrepublik.

Weil sich die Bilder aus 1995 und 2015 so sehr gleichen, dokumentiert das kleine Heimatgeschichtsboard PPQ den Stand der Dinge und der Diskussion, damals, 1995. Der "Spiegel" fantasiert seinerzeit von "kriminellen Ausländern", die Berliner Zeitung übt sich in Frontberichterstattung. Der Kanzler heißt Kohl, den Innenminister spielt Kanther, im Außenamt residiert ein längst vergessener Freidemokrat namens Kinkel und Horst Seehofer amtiert als Gesundheitsminister. Die SPD wird vertreten durch Ottmar Schreiner, der als Bundestagsabgeordneter sterben wird. Und für die Grünen spricht eine erst später enttarnte Antisemitin namens Kerstin Müller, die heute bei der Heinrich-Böll-Stiftung ihr Gnadenbrot verzehrt.

Man fühlt sich wie in der Zeitmaschine.

Mit fein dosierter Ironie verpaßt der Sprecher des französischen Außenministeriums den aufgeregten Deutschen einen Seitenhieb: „Es gehört nicht zu unseren Gepflogenheiten zu reagieren, bevor der Fall überhaupt eingetreten ist.“ Glückliches Frankreich. Was geht Paris die hitzige Bon-ner Sommerdebatte um weitere Zig- oder Hunderttausende Kriegsflüchtlinge vom Balkan an?

„Bloß nicht herbeireden“, hieß die Parole der Bundesregierung nach der letzten Kabinettssitzung vor dem Urlaub des Kanzlers. Solange die Notlage nicht eintritt, soll die Zeit genutzt werden, um die EU-Partner zu „ausgewogener Lastenteilung“ zu drängen.

Fromme Wünsche. Seit 1991 nahm Deutschland mindestens 350 000 Flüchtlinge auf, meist Bosnier. Frankreich meldete dem UN-Flüchtlingskommissar (UNHCR) 15 900 Aufnahmen. Der EU-Gipfel in Cannes hinterließ Ende Juni eine wortreiche Entschließung zur Lastenteilung, die niemanden bindet.

Nicht herbeireden? Bundesinnenminister Manfred Kanther (CDU) persönlich löste den inneren Streit aus. Seine Beamten hatten Order, den Mund zu halten. Er selbst gab ein Interview, da wars passiert: „Ich bin der Meinung, daß wir unsere Pflicht erfüllt haben“, bezogen auf jene 350 000 und die Vergleichsleistung der EU-Partner, die nun „ihrerseits Pflichten übernehmen“ müßten.

Pflicht erfüllt? Das Wort machte sich selbständig – als wäre sie ein für allemal erfüllt. Seither gilt Kanther als unbarmherzig – als hätte er die Tür zugeschlagen. Hat er aber nicht. Er weiß es so gut wie der Kollege im Außenamt Klaus Kinkel (FDP): „Wir müssen uns darauf einrichten. Deutschland würde wieder bevorzugter Fluchtpunkt.“

Das Feindbild Innenminister pflegt Grünen-Fraktionssprecherin Kerstin Müller: dessen „Politik der Abschottung schürt den Fremdenhaß“. Die SPD ist geteilter Meinung. Ihr Bonner Außenpolitiker Freimut Duve rügte Kanthers „fast skandalöse Bemerkung in diesem Moment der Massenvertreibung“. Kanthers baden-württembergischer Ressortkollege Frieder Birzele (SPD) indessen nahm seinerseits die Hinhaltetaktik der EU-Partner aufs Korn: „Ich halte das für unverantwortlich.“

Völlig losgelöst von der Gegenwart hat sich SPD-Sozialexperte Ottmar Schreiner. Er denkt über die Heimkehr der Bosnier nach: Für den Fall, daß Flüchtlinge frühzeitig in ihre Heimat zurückkehren, will er ihnen einen Teil der in Deutschland gezahlten Sozialhilfe nach Bosnien schicken.

Die hochmoralische Dramatik des innenpolitischen Krachs ist durch das Lagebild des UNHCR kaum gerechtfertigt. Die vielberedete neue Fluchtwelle aus Bosnien-Herzegowina nach Zentraleuropa werde „im schlechtesten Fall 50 000 Menschen“ umfassen, schätzt Stefan Telöken, Sprecher der deutschen UNHCR-Vertretung.

Die UN-Behörde hat 30 westliche Regierungen aufgefordert, für diese 50 000 vorzusorgen. Der Fall träte ein, wenn nach der serbischen Eroberung von Srebrenica und Zepa weitere Muslim-Enklaven wie Bihac oder Gorazde „ethnisch gesäubert“ würden.

Neue Vertreibungen von Muslimen nach Zentralbosnien wären nicht mehr zu verkraften. Nach UNHCR-Informationen drängen sich dort „zwischen 300 000 und 400 000 Flüchtlinge“. Der Botschafter Bosnien-Herzegowinas in Bonn, Enver Ajanovic, zählt gar „700 000 Menschen im Lande auf der Flucht“. Am schlimmsten sei die Lage in der Stadt Zenica, deren Einwohnerzahl von regulär 65 000 sich „mehr als verdoppelt“ habe. Die „heimatnahe Lösung“ des Flüchtlingsproblems, die auch Kanther als vorrangig empfiehlt, hilft nicht mehr weiter.

Ausweichen nach Kroatien ist unmöglich. Die Regierung in Zagreb zählt 385 000 Flüchtlinge im Land und „nimmt niemanden mehr auf“, berichtet der UNHCR. Derweil reißt die Schlange der Visum-Antragsteller vor der deutschen Botschaft in Zagreb nicht ab.

Nach Focus-Informationen wandern auf diesem stillen Wege weiterhin Monat für Monat Hunderte von Bosniern und Kroaten nach Deutschland ein. Sie legen Einladungen von Verwandten und Freunden vor, verbunden mit der Zusicherung, daß diese für ihren Unterhalt sorgen werden. Die Anziehungskraft Deutschlands ist ungebrochen.

UNHCR-Sprecher Telöken verweist auf „die vielfältigen landsmannschaftlichen Bindungen“ derer, die schon hier sind – allein 270 000 Vertriebene aus Bosnien, weiß die Ausländerbeauftragte der Bundesregierung, Cornelia Schmalz-Jacobsen (FDP). Botschafter Ajanovic ergänzt: „Für uns Bosnier war Deutschland immer gleichbedeutend mit Europa. Unsere Landsleute möchten eben nicht nach Frankreich oder England gehen, aus den bekannten Gründen . . .“ – eine Anspielung auf die Kompromißpolitik Londons und Paris gegenüber den Serben.

Gegen den Fluchtpunkt Deutschland hat Frankreich überhaupt nichts einzuwenden: „Wir halten es auch für wichtig, den Betroffenen die Freiheit zu lassen, in das Land ihrer Wahl zu flüchten“, geben sich die Diplomaten am Pariser Quai dOrsay betont tolerant.

Der jüngste Treck aus der serbisch bewohnten Krajina im Südwesten Kroatiens, ausgelöst durch den Angriff der kroatischen Armee gegen die Separatisten, macht in Bonn weniger Sorgen: Die kroatischen Serben, so wird erwartet, würden Schutz bei ihren Landsleuten in Bosnien suchen.

Ob die „Lastenteilung“ in der EU vorankommt, steht derweil in den europäischen Sternen. Kanther hat auf diplomatischem Wege die spanische Regierung – derzeit in der EU-Präsidentschaft – aufgefordert, nach der papierenen Absichtserklärung des Juni-Gipfels von Cannes jetzt nicht lockerzulassen. Dankbar verzeichnet das Bonner Innenministerium „Interessengleichheit“ mit den Niederlanden und Österreich.

Über Frankreich verliert niemand in Bonn ein Wort. Der Zweibund im Kern Europas steht über allen anderen Interessen. So werden auch die Nadelstiche aus Paris – und London – mit Schweigen quittiert, die schmerzhaft an die andere Lesart europäischer Lastenteilung im Balkan-Konflikt erinnern: „Vergessen wir doch nicht, daß die französischen oder britischen Blauhelme im früheren Jugoslawien auch eine humanitäre Aufgabe haben, nämlich die Zivilbevölkerung zu schützen und zum Bleiben zu ermutigen. Das ist auch ein Beitrag zur Lösung des Flüchtlingsproblems.“

Bertolt Brecht, frei übersetzt : Stell dir vor, es ist Krieg in Europa, und die Deutschen gehen nicht hin. Trotzdem kommt der Krieg zu ihnen – in Gestalt Hunderttausender Flüchtlinge.

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