Martin van Creveld: Nordirland vs. Hama in Syrien

Ostfriese, Dienstag, 17.11.2015, 17:17 (vor 3731 Tagen) @ Michael Krause4906 Views

Van Crefeld vergleicht die Lage in Syrien mit dem 30 jährigen Krieg. Aus
einem Bürgerkrieg ist mittlerweile ein internationaler Krisenherd
geworden, in dem zuerst Iran und Russland gegen den Westen und Saudi
Arabien und die Golfstaaten stand. Dann sahen die Kurden ihre Chance und
zogen die Türkei mit in den Konflikt. Jetzt soll auch der Westen aktiv in
den Konflikt hineingezogen werden. Nachdem gestern Döpfner noch den elder
statesman spielte und von Kampf sprach, wird heute sein Feldwebel Herzinger
deutlich. Es müssten Bodentruppen her. Auch Herzinger hatte seinerzeit
natürlich genauso wie Döpfner seinen Wehrbeitrag verweigert (geboren in
FFM studierte er in Berlin). Das ehemalige Nachrichten Magazin weiß auch
schon, dass die Drahtzieher des Anschlags von Paris in Syrien sitzen. Nein,
dieser Konflikt wird uns noch lange begleiten und sein Ausgang und die
Folgen sind unklar.

http://www.martin-van-creveld.com/?p=433


Hallo Michael,

ich hänge mich mal an Dein Posting, um interessierte Leser auf den Beitrag

https://zeitschrift-ip.dgap.org/de/article/getFullPDF/11934

von Martin van Creveld in IP – Zeitschrift für internationale Politik aus dem Monat April 2006 hinzuweisen. Darin geht es um unterschiedliche Vorgehensweisen der Staaten gegen Aufstandsbewegungen – „Die Grausamkeit des ehemaligen Präsidenten Syriens, Hafiz al-Assad, oder die Zurückhaltung der Briten in Nordirland“. Vielleicht liest es ja jemand.

Bloody Sunday in Londonderry

Ohne auf die lange Geschichte des Konfliktes einzugehen, gewannen die Briten die Auseinandersetzung, weil sie ein „Übermaß an Disziplin“ zeigten: Schutz der Bevölkerung, Gesetzestreue, keine Willkür, keine Provokationen und keine schweren Waffen. Kriminelle Methoden, der Tod unbeteiligter Zivilisten, Hinterhältigkeit und Brutalität sollten nur der anderen Seite, nie den britischen Soldaten angerechnet werden. Das Durchhaltevermögen der Armee mit Disziplin, Zurückhaltung und unerschöpflicher Geduld war unbegrenzt und erreichte das Ziel einer einigermaßen stabilen Befriedung Nordirlands.

Massenmord in Hama

Ohne auch hier auf die Hintergründe des Konfliktes in Syrien unter Hafis al-Assad einzugehen, kam es Anfang der 80iger Jahre des letzten Jahrhunderts zum Aufstand der Muslimbrüder in Hama. Vom 2. Februar an ließ er die Stadt mit seiner Bevölkerung vernichten. Diese schrecklichen, barbarischen, grausamen, unmenschlichen Taten, die schon Niccolo Machiavelli in „Der Fürst“ zur Rettung des Staates empfohlen hatte, ermöglichten seine Herrschaft bis 1998.

Für seinen Sohn Baschar Hafiz al-Assad als seinem Nachfolger gilt der berühmte Satz von Karl Marx: „Hegel bemerkt irgendwo, dass alle großen weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen sich so zu sagen zweimal ereignen. Er hat vergessen hinzuzufügen: das eine Mal als große Tragödie, das andre Mal als lumpige Farce.“ Die letzten zwei Wörter müssen natürlich angemessen ersetzt werden – ich kenne sie nicht.

Der Weg des alten Assads verbietet sich von selbst – Machiavelli kann nicht der Lehrmeister für das Handeln im Hinblick auf die heutigen Ereignisse sein. Es ist völlig klar, dass nur die britische Methode beschritten werden kann. Dazu brauchen wir sehr viel Zeit, Geduld, Ruhe, Gelassenheit, Gewissheit und Festigkeit in das, was Europa ausmacht, Disziplin und Selbstkontrolle, keine Demoralisierung und keine Willkür.

Das Auftreten der Bundeskanzlerin mit ihrem Kabinett heute Abend im Stadion zu Hannover ist das genaue Gegenteil von dem – es ist ein wohl überlegtes Zeichen der Provokation.

Verstehen lässt sich das alles nur, wenn es uns gelingt, die Ideen von Jean Baudrillard mit denen des Debitismus in Verbindung zu bringen.

Gruß

Ostfriese


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