Das "neoliberale" Manifest.

BillHicks ⌂ @, Wien, Freitag, 13.11.2015, 12:26 vor 3732 Tagen 5698 Views

I. Die Fleißigen und die Faulen


a.) Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaften ist die Geschichte der Ökonomie. (Kulturvergleich ignorieren wir.)

b.) Die Geschichte der Ökonomie ist die Geschichte des gesunden Menschenverstandes. (Beziehungen und Emotionen ignorieren wir.)

c.) Gesunder Menschenverstand ist gleichbedeutend mit der Einsicht, dass mehr besser ist als weniger, billiger besser ist als teurer und effizienter besser ist als ineffizienter. (Was Menschen tatsächlich motiviert, ignorieren wir.)

d.) Die Gesellschaft, die die Geschichte der Ökonomie begreift, also nach dem gesunden Menschenverstand handelt, ist die ökonomische Gesellschaft.

e.) In der ökonomischen Gesellschaft kann es nur Fairness geben.

f.) Die ökonomische Gesellschaft ist eine individualisierte Gesellschaft. Es gibt keinen "Klassenkampf", etwa zwischen Habenden und Habenichtse, sondern nur den individuellen Kampf gegen den eigenen inneren Schweinehund.

g.) Derjenige, der den inneren Schweinehund überwunden hat und fleißig ist, ist erfolgreich. Diejenigen, die den Kampf gegen den inneren Schweinehund verloren haben, können auch nicht erfolgreich sein.

h.) Die ökonomische Gesellschaft ist deshalb in nur zwei Klassen getrennt: die Fleißigen und die Faulen. Die Fleißigen sind erfolgreich, die Faulen sind es nicht.

i.) Die ökonomische Gesellschaft weiß, dass jeder staatliche Eingriff immer entgegen dem gesunden Menschenverstand ist und deshalb abzulehnen ist. Was könnte ein staatlicher Eingriff in der individualisierten Gesellschaft auch anderes bewirken als die Umverteilung von den Fleißigen zu den Faulen? Eine solche Umverteilung ist unfair und deshalb abzulehnen.

k.) Wer diese einfachen Zusammenhänge nicht versteht oder gar anders lautende politische Forderungen formuliert, der ist entweder faul und möchte den Wohlstand der Fleißigen stehlen oder aber er ist dumm, vermutlich aber beides: faul und dumm.


II. Wirtschaftstheorie auf Basis des gesunden Menschenverstandes

a.) Der Staat hat in der Theorie der ökonomischen Gesellschaft keinen Platz. Ein Staatsbegriff wird nicht benötigt. Jeder staatliche Eingriff ist per Definition unfair und daher abzulehnen. 
(Zwischen öffentlichem und privatem Recht unterscheiden wir nicht. Den Umstand, dass es ein Privatrecht - "(Vertrags-)Freiheit und Gleichheit (vor dem Recht)" - ohne ein es etablierendes öffentliches Recht (Herrschaftsrecht, Durchsetzung von rechtmäßigen Ansprüchen) gar nicht geben kann ignorieren wir ebenso erfolgreich.)

b.) Der Markt war immer schon da und wird immer da sein. 
(Dass auf Märkten öffentliche und/oder private Akteuere privatrechtliche Verträge schließen, die öffentlich wirksam durchsetzbar sein müssen, ignorieren wir.)

c.) Die Marktliquidität auf Märkten nehmen wir als unendlich an. Aktien beispielsweise sind schon allein deshalb so grandios, weil sie einerseits Dividende zahlen und andererseits jederzeit in beliebigem Volumen - ohne jede Bewegung des Preises - zu Liquidität gemacht werden können. Man kann endlich mal den Kuchen essen und ihn gleichzeitig behalten! 
(Dass Marktliquidität von einem Händlersystem erst erzeugt werden muss und gerade nicht als unendlich angenommen werden kann oder etwa ein "freies Gut" ist, ist zwar in jeder Krise sichtbar, aber wir ignorieren das erfolgreich.)

d.) Eigentum und Besitz sind ein und dasselbe. 
(Die juristische Wirklichkeit, dass Besitz die Herrschaft über eine Sache und Eigentum ein Recht - und KEINE Sache - ist ignorieren wir. Nein, wirklich ignorieren tun wir es nicht, aber wir verstehen es einfach nicht.)

e.) Geld ist ein Schleier über der Realwirtschaft. Die Realwirtschaft tauscht Besitz an Sachen. 
(Die Wirtschaftswirklichkeit der juristischen Person "Unternehmen" als (verschuldete) Vermögensmasse, die die eigene Vermögensmasse versuchen muss zu mehren, kann außen vor bleiben.)

f.) Banken existieren nicht. 
(Dass sie in der Wirtschaftswirklichkeit existieren und heute öffentlich regulierte öffentliche oder private Körperschaften sind, ignorieren wir)

g.) Vernünftig und verantwortungsvoll wirtschaften tut nur derjenige, der ganz ohne Schulden ist. Jeder, der nicht von Anfang an immer mehr einnimmt als ausgibt ist faul oder dumm oder beides. 
(Dass die Einnahmen des einen die Ausgaben des anderen sind ignorieren wir.)

h.) Diejenigen, die Schulden haben, haben schlecht gewirtschaftet.
 (Dass es ohne Schulden nicht nur keine Guthaben sondern auch keinen Kapitalstock mit einem Preis größer Null geben könnte verstehen wir nicht und ignorieren wir deshalb lieber.)

i.) Wenn Staaten Schulden haben, so haben sie schlecht gewirtschaftet. 
(Die unterschiedliche Solvenz von Staaten und insbesondere der Zusammenhang mit der jeweiligen juristischen und fiskalischen Infrastruktur, die ein funktionierendes öffentliches Recht erst hervorbringen kann, welches dann wiederum ein Privatrecht und damit private Wirtschaftstätigkeit überhaupt ermöglichen kann, ignorieren wir. Den Einfluss einer Zentralbank auf staatliche Liquidität verstehen wir ebenfalls nicht und ignorieren ihn daher.)

k.) Gesamtwirtschaftliche Zusammenhänge existieren nicht. Weder auf nationaler noch auf internationaler Ebene!
 (Nein, wirklich nicht! Alle Wirtschaftssubjekte müssen zu allen Zeiten immer mehr einnehmen als ausgeben! Im Einzelnen: 1. Unternehmen müssen dringend immer Netto-Sparer sein, sonst schaffen sie keine Arbeitsplätze und wandern aus! 2. Der staatliche Haushalt muss dringend immer Überschüsse zeigen, mindestens aber muss die schwarze Null stehen! 3. Private Haushalte müssen selbstverständlich privat Geldvermögen ansparen. Sonst sind sie faul und dumm! 4. Exportüberschüsse sind das einzig vernünftige wirtschaftspolitische Ziel! Ganz ehrlich!)

m.) In ökonomischen Gesellschaften entstehen über die Zeit ganz automatisch immer mehr faule Nichtskönner, die damit immer weniger Fleißigen und Tüchtigen gegenüber stehen. Zu guter Letzt bleibt nur ein einziger Fleißiger übrig, der damit endlich beweist, dass alle anderen - vermutlich genetisch bedingt - faule Nichtskönner sind, die immer schon diesem einen Fleißigen seinen hart erarbeiteten Reichtum feige stehlen wollten.

n.) Die Aufgabe eines jeden Menschen mit gesundem Menschenverstand ist es, den Reichtum des einen Fleißigen mit Zähnen und Klauen - schon der Fairness halber - zu verteidigen. Falls sich der eine Fleißige noch nicht ganz herauskristallisiert hat, so ist darauf hin zu wirken, dass ihm keine weiteren Steine in den Weg gelegt werden und allfällig vorhandene Steine zunehmend aus dem Weg geräumt werden und sich dieser eine Fleißige endlich herauskristallisieren kann, sodass wir ihn nach seiner Erfolgsstrategie befragen und demütig von ihm lernen können und uns damit selbst auf den Weg machen können um dieser eine Fleißige zu werden!

Viel Erfolg!

--
BillHicks

..realized that all matter is merely energy condensed to a slow vibration – that we are all one consciousness experiencing itself subjectively. There's no such thing as death, life is only a dream, and we're the imagination of ourselves.

Wunderbar! Meine liebsten Thesen zu: "Die Fleißigen und die Faulen" oder "Die Erfolgreichen und Loser"

Kostan @, Montag, 16.11.2015, 13:53 vor 3729 Tagen @ BillHicks 4373 Views

hi Bill Hicks,
eine gute Übersetzung wichtiger Ökonomieliteratur in verständliche Worte! <img src=" />

Was mir am besten gefällt in I. Die Fleißigen und die Faulen

e.) In der ökonomischen Gesellschaft kann es nur Fairness geben.

f.) Die ökonomische Gesellschaft ist eine individualisierte Gesellschaft. Es gibt keinen "Klassenkampf", etwa zwischen Habenden und Habenichtse, sondern nur den individuellen Kampf gegen den eigenen inneren Schweinehund.

g.) Derjenige, der den inneren Schweinehund überwunden hat und fleißig ist, ist erfolgreich. Diejenigen, die den Kampf gegen den inneren Schweinehund verloren haben, können auch nicht erfolgreich sein.

lg
Kostan

Sehr schöner Text (oT)

Orlando ⌂ @, Dienstag, 17.11.2015, 00:29 vor 3729 Tagen @ BillHicks 5237 Views

- kein Text -

Taugliche gesellschaftliche Gegenentwürfe ...

Zarathustra, Dienstag, 17.11.2015, 09:45 vor 3728 Tagen @ Orlando 4128 Views

... wurden bis dato jedoch nicht gefunden, sondern lediglich andere, ebenso dem Untergang geweihte.

Si tacuisses, Philosophus mansisses

Mephistopheles @, Datschiburg, Dienstag, 17.11.2015, 11:53 vor 3728 Tagen @ Zarathustra 4084 Views

... wurden bis dato jedoch nicht gefunden, sondern lediglich andere, ebenso
dem Untergang geweihte.

--
Wenn wir nicht das Institut des Eigentums wiederherstellen, können wir nicht umhin, das Institut der Sklaverei wiederherzustellen, es gibt keinen dritten Weg. Hillaire Belloc

Köstliches Destillat bester Ernte Gelber Toplagen (oT)

Kurt @, Dienstag, 17.11.2015, 11:08 vor 3728 Tagen @ BillHicks 4104 Views

Dankesehr

--
Für das verantwortlich zu sein, was ich sage, ist eine Sache.
Aber dafür verantwortlich zu sein, was jeder, der in meinem Leben vorkommt,
sagt oder tut, ist eine ganz andere Sache.

Es gibt noch einen Ausweg! Einen Einzigen!

Mephistopheles @, Datschiburg, Dienstag, 17.11.2015, 11:40 vor 3728 Tagen @ BillHicks 4142 Views

bearbeitet von unbekannt, Dienstag, 17.11.2015, 11:44

n.) Die Aufgabe eines jeden Menschen mit gesundem Menschenverstand ist es,
den Reichtum des einen Fleißigen mit Zähnen und Klauen - schon der
Fairness halber - zu verteidigen. Falls sich der eine Fleißige noch nicht
ganz herauskristallisiert hat, so ist darauf hin zu wirken, dass ihm keine
weiteren Steine in den Weg gelegt werden und allfällig vorhandene Steine
zunehmend aus dem Weg geräumt werden und sich dieser eine Fleißige
endlich herauskristallisieren kann, sodass wir ihn nach seiner
Erfolgsstrategie befragen und demütig von ihm lernen können und uns damit
selbst auf den Weg machen können um dieser eine Fleißige zu werden!

o.) Aber auch der Fleißigste ist sterblich, und nach seinem Tode wird er von höheren Mächten gewogen und nach seinen guten Taten bewertet.
Also muss der Fleißige ausreichend gute Taten vollbringen, am besten natürlich durch seine Frau, die ihn ohnehin um Jahrzehnte überlebt, indem er von seinem Vermögen abläßt, dass er sich durch seinen Fleiß erworben hat, und es den Armen gibt.
Da die Armen aber gleichzeitig nicht nur arm, sondern auch faul und dumm sind, ist ihnen damit nicht geholfen, da sie dieses Geschenk nur sinnlos verschwenden. Also gibt der Fleißige es den Religionen, die am besten wissen, wie damit umzugehen ist, und sichert sich damit gleichzeitig auch kompetente Fürsprache im Jenseits.


PS: Daher natürlich auch die Wiedergeburt der Religionen in allen postsozialistischen Gesellschaften, nachdem man es endlich aufgegeben hat, vom Staat das allgemeine Heil zu erwarten.

Gruß Mephistopheles

--
Wenn wir nicht das Institut des Eigentums wiederherstellen, können wir nicht umhin, das Institut der Sklaverei wiederherzustellen, es gibt keinen dritten Weg. Hillaire Belloc

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