Das Konzept von Regionalwährungen - Kritik und Paukenschlag

Robert, Donnerstag, 05.11.2015, 21:42 (vor 3743 Tagen)3256 Views
bearbeitet von unbekannt, Freitag, 06.11.2015, 16:30

Das Konzept von Regionalwährungen - Kritik und Paukenschlag

Hallo

Ich bin zwar auch kein „Kollektivist", will das hier aber mal zur Diskussion stellen,


Das Konzept von Regionalwährungen ist geldtheoretisch falsch und bringt nachweislich weder zusätzliche Wohlstandseffekte (auch wenn es die Betreiber behaupten) noch macht es unabhängiger vom heutigen System, auch wenn es auf den ersten Blick so „schein(t)".

Es suggeriert z.B,. dass Geld ein reines Tauschmittel sein kann
( = falsches Tauschparadigma). Unsere arbeitsteilige/ausdifferenzierte „unpersönliche" anonymisierte Wirtschaft funktioniert aber nur durch viele zeitlich aufgefächerte Schuldner-/Gläubiger-Kontrakte, hinter denen private/staatliche Haftungsräume stehen, anders geht es gar nicht (mehr) in einer freien und offenen MaWi, bzw. viele Produkte u. Dienstleistungen und auch Infrastruktur würden ansonsten gar nicht existieren, welcher sich die Regiogeldbetreiber ebenfalls bedienen.

Regionalgeld ist also genau genommen noch nicht mal „komplementär", es ist einfach überflüssig und tauscht nur Euroschein gegen Regioschein aus. Mit dem Euro kann man aber MEHR „gutes" bewirken als mit Regiogelder.
Da ist ja sogar Tausch Ware gegen Ware/Dienstleistung noch effektiver und spart zudem Steuern. Im Prinzip könnte man alle diese Vereine schließen und die Energie für besseres einsetzen, wo man mehr bewirken könnte.

Der Regio führt nämlich wirtschaftlich weder zu mehr „Regionalbindung" noch zu Autarkie oder Wohlstand. Auch das ist ein Trugschluss und blendet viele wirtschaftliche Vorgänge und Gesamtzusammenhänge aus. Ganz im Gegenteil, der Euro bzw. generell (nationale/internationale) Investoren schaffen MEHR regionalen Wohlstand in strukturschwachen Gebieten als irgendein buntes Spielgeld-Zettelchen das erreichen könnte.

Diese Investoren nehmen zwar Rendite, schaffen dafür aber Arbeitsplätze/Einkommen bzw. schaffen Geldkreisläufe, wodurch der regionale Handel ebenfalls profitiert, ansonsten würde noch nicht mal der regionale Bäcker oder Bauer oder sonst jemand überleben (vlt. auf niedrigstem Existenzniveau). Die ganze Kaufkraft der Regionen kommt von den Euro-Einkommen der Lohnbezieher aus der eigenen Region oder von außerhalb - auch von staatlichen Transfer-Leistungen. Wenn es hingegen strukturschwache Gebiete gibt, dann bleiben die auch schwach, es sei denn, der Staat führt Ausgleichs-/Transferzahlungen durch.

Regionale Vielfalt und Spenden von Unternehmen und Privatleuten gab es auch vor den Regionalgeldern, weshalb es den deutschen Regionen in Deutschland auch gut geht (falls die Menschen nicht abwandern, weil sie in die Städte wollen). Doch die Regionalgeldvereine suggerieren den Leuten, dass Euro-Unternehmer ( über 99% in Deutschland sind übrigens KMUs) weniger nachhaltig sind für die Regionen (die bösen Euros fließen weg), auch wenn sie es nicht direkt aussprechen.

Der Regio kann hier und da Kaufkraftbindung schaffen
(Gutscheinprinzip) - ja, indem ein Unternehmer anderen Unternehmen den Umsatz wegnimmt, doch das kann man als Unternehmer auch mit dem Euro oder mit Sammelpunkte u.ä. erreichen, und als Haushalt, indem ich bewusst hier und da mit dem Euro einkaufen gehe, also anstatt zu einer Kette wie Aldi zu einem regionalem Händler oder regionalen Bauern. Und will ich regionale Sparkassen oder Ökobanken oder direkt soziale Projekte unterstützen (Kinderzirkus u.ä.), mache ich das direkt mit Eurospenden, ohne den Regionalgeldverein zu bezahlen (Chiemgauer hat immerhin 40% Kosten).

Es bringt auch wenig (außer populistisch), mit Kritik am heutigen
(Banken-)system oder am „bösen Zins" bzw. generell mit einer gewissen Überheblichkeit, weil in den Kreisen zu beobachten ist, die Legitimität der Regionalwährung begründen zu wollen, wie man versucht. Das führt zu Zirkelschlüssen macht es aber nicht schlüssiger und glaubwürdiger, es sei denn, man will am GLAUBEN festhalten.
Es sagt lediglich aus, dass Reformbedarf am heutigen Bankensystem besteht, mehr nicht. Mit einer schnöden und oberflächlichen Zinskritik zum Beispiel kommt man hier aber nicht weiter

Hier fehlt den Regionalgeldern leider die Kritikfähigkeit, eigene Standpunkte sachlich zu hinterfragen (Verifizieren, Falsifizieren). Aber es ist das übliche Dilemma, mit Ideologischen Möchtegern-Weltverbesserern kann man oftmals aus meiner Erfahrung nicht neutral und wertfrei diskutieren, ohne dass die moralinsauer anlaufen.

Zumal würden sie ihre Daseinsberechtigung verlieren. Denen geht es da nicht anders als anderen Vertretern im heutigen System, sie verteidigen eine ideologische Burg ein „Marketing"-Spendenprojekt. :-)

Es ist und bleibt ein Spiel einiger missionarischer Vereinsbetreiber, die sich über die Form des „allgemeinnützigen" Vereines an„scheinend" zusätzlich ihr Hobby finanzieren lassen (die s.g. „Kostendeckung"). Was sich unter Kostendeckung verbirgt, ist den Regionalgeldbetreibern frei überlassen. Es geht doch letztlich auch nur um das Werben von Fördergeldern (um die begehrten Euronen), nur das man der Sache einen neuen verheißungsvollen ideologischen Anstrich verpasst. Doch wie gesagt, könnte man die Euronen direkt spenden, wie es andere KMU auch machen.

Die Benutzer dieser Regio-Scheine nehmen natürlich direkt (indirekt) weiterhin am kapitalistischen System teil und glauben, dass sie der Region etwas gutes tun, was aber falsch ist. Natürlich verschweigen die Vereinsbetreiber (wissentlich oder unwissentlich) die großen Zusammenhänge des Geldsystems und die Komplexität der Probleme Es sind praktisch immer wieder die gleichen Sprachmuster, die man auf diesen Webseiten liest. Das Niveau ist ähnlich wie die DDR-Propaganda, die auch so plump und monoton wie die Produkte war.

Margrit Kennedy et al. haben bei allem Respekt (imho bewusst) hier viel Schaden angerichtet bzgl. des geldtheoretischen Wissens und der Aufklärung und haben mit einfachen Denk- und Verbalmustern versucht, Anhänger zu missionieren (Josefspfennig, Geldumlauftheorie u. ä. Unsinn). Heute drücken sich die Betreiber zwar semantisch etwas „geschickter" aus, bzw. verkaufen sich etwas besser, es ändert aber prinzipiell nichts daran, dass hier das Wunschdenken mehr der Vater der Gedanken sind und mehr EINbildung und VERbildung als Bildung vorherrscht.

Wirtschaftliche und damit verbundene soziale Probleme sind heute aber sehr komplex und lassen sich mit monetären „Graswurzelbewegungen" dieser Art nicht mehr lösen sondern nur noch zentral bzw. gesamtpolitisch lösen. Es sind nur „Schein"-Lösungen, in denen - zum Teil auch mit monokausalen Erklärungen über die heutigen Probleme - viel reingedichtet wird (der „böse Zins/ das böse fiat-money ist Schuld, dem Geld muss man Beine machen, die bösen Euros fließen aus den Regionen ab etc.).
Es ist wie gesagt ein Marketingprojekt, um selbst an Fördergelder (die begehrten Euronen) zu kommen, mehr nicht. Dagegen ist erst mal nichts einzuwenden, nur die Legitimation und Versprechungen dahinter sind falsch und imho auch geschickt täuschend.

Will man aber tatsächlich kooperativ und autark produzieren, bzw. sich „unabhängig" vom Euro machen, dann braucht es kein Regiogeld bzw. lauter bunte Spielgeldscheinchen, sondern wenn überhaupt ein überregionales sich über viele Wertschöpfungsketten ausdehnendes (digitales) Zahlungsmittel/Schuldentilgungsmittel mit einem dazugehörigen Clearingsystem, mit breiter Akzeptanz und Vertrauen, und wo eine soziale Übereinkunft hergestellt würde, auf Renditen und Wettbewerb zu verzichten, was ich aber bezweifle.

Die heutige (auch internationale) Akzeptanz von anonymen Geld leitet sich zudem aus privaten u. staatlichen Haftungsräumen ab.

Praktisch können aber auch Euro-Unternehmer viel Soziales bewirken, indem sie ihre Gewinne wieder in soziale Projekte re-investieren, was übrigens auch gar nicht mal so wenige KMUs machen, ohne sich in solche „geldltheoretischen Tarnprojekte" zu begeben, die man den Bürgermeistern der Region aufschwatzt.
Da die selbst natürlich kaum Ahnung von Geldtheorie haben, sagen die auch nicht Nein. Schaden kann es sowieso nicht, ist immerhin ein bisschen zusätzliche Werbung für die Region

Die Mehrzahl der Menschen, die nicht alles kritiklos hinnehmen
(nicht alles was gut gemeint ist, ist gut) durchschauen das Regionalgeldprojekt natürlich - dank des Internets, und spenden ihre Euronen direkt in ein Projekt. Von daher ist der Zulauf nach 15 Jahren immer noch bescheiden geblieben. Aber immerhin hat man 0,000000001 % ( oder eine Null weniger?) zum Regionalgeld missioniert. :-) Da spende ich Geld lieber den Vereinen, die nicht mit falschen Ideologien daherkommen.

Beim Chiemgauer sind es gerade mal (angeblich! ob es stimmt, sei dahingestellt) 7 Mio. Euro Umsatz (von knapp 3 Billionen Gesamt-BIP in Deutschland), die man aber auch mit dem Euro in der Region gemacht hätte. Es wurde ergo einfach nur ausgetauscht. Die 7 Mio. wären also ohne Chiemgauer nicht verloren gegangen, es war nur ein Umsatzverteilung von Unternehmen A nach B.

Man hat es aber geschafft, die Leute mit Halbwahrheiten zu überreden und teilnehmenden Unternehmern schadet es nicht, den anderen ein paar Umsätze „abzuluchsen". Das machen andere mit ihren Kundebindungsprogrammen ja auch.

Doch wie gesagt, könnten die Euro-Besitzer die Geld„kreisläufe" auch mit den Euros erzeugen, indem sie regional einkaufen gehen. Gesamtwirtschaftlich gibt es aber wie schon gesagt keine vollständigen „Kreisläufe" und schon gar nicht in großen offenen Volkswirtschaften. Es gibt nur intertemporale Verrechnungen /Saldierungen von Leistungen bzw. von Gläubiger/Schuldnerkontrakten, anders geht es gar nicht.

Albern und vor allem verbrauchertäuschend wird es dann, wenn man darauf gar eine „UMLAUFgebühr" /Schwundgebühr nimmt. Denn jemand, der diese Spielzettel eintauscht, will sie bestimmt nicht unter dem Kopfkissen verstecken sondern hat damit vor, einzukaufen, was er aber auch mit dem Euro kann. Warum bezeichnet man es also nicht gleich ehrlich als Vereinsgebühr.

Hier wird dem Verbraucher suggeriert und fälschlicherweise erklärt, dass
unsere Wirtschaft am „nicht fließenden Geld" krankt. Das ist aber Unsinn. „Nicht- fließendes Geld ist nur ein Symptom nach einem credit boom (vor allem mit faulen und gehebelten Krediten und internationalen Ungleichgewichten, zu einem großen Teil der Deregulierung der Finanzmärkte geschuldet), also wenn vorher schon einiges schief gelaufen ist. Das lässt sich aber nicht „reparieren, indem man dem Geld nun „Beine macht" bzw. auf falsche Geldtheorien zurückgreift.

Dass sogar ein Zentralbanker (Bernard A. Lietaer) diesen geldtheoretischen Unsinn der Regionalgelder mal propagiert hat, wundert mich gar nicht mehr. Wie wir wissen, hängen viele Zentralbanker fälschlicherweise immer noch der veralteten Neoklassik an, welche Geld als Tauschmittel („Umlauf-Ding") und „neutralen Schleier" über der Realwirtschaft betrachtet.

Das hat natürlich auch ideologische/politische Gründe. Wir haben ja gesehen, wie spät z B. die Bundesbank auf den Trichter gekommen ist, dass Banken keine Geld verleihen sondern im Kreditprozess entstehen lassen, und dass es keine „multiple Geldschöpfung" gibt, und diese Fehler erst vor ein paar Jahren auf ihrer Homepage mit dem Schülerheft revidiert hat.

Ein Schelm übrigens, wer hier böses bei denkt, dass zum Beispiel bewusst Aufklärung verschleiert wurde.

Dazu auch ein passender Kommentar, dem ich aufgeschnappt habe:

[...]Regionalgeld sind apologetisch. Es ist ein Konzept grün-alternativer Besserverdiener und realitätsfremder linker Sektierer...Hinzu kommen Probleme
mit regionalem Neo-Nationalismus, Träumerei von Autarkie und Protektionismus, Monopolbildung, skurriler Mittelalter-Schwärmerei.
Yuppies und Waldorfschüler, die sich im realen Kapitalismus kuschelig einrichten wollen.[...] Notgeld in schwierigen Zeiten wie 1923 oder in Argentinien 2002 ff. ist etwas anderes als dieses deutsche Regio-Konzept...[...]

Gruß

Quelle: https://www.facebook.com/groups/Geldpolitik/permalink/1054161301280748/

Andere Kritiken hier.

http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/regiogeld-ein-waehrungsmodell-ist-gescheitert-...

https://www.bundesbank.de/Redaktion/DE/Themen/2013/2013_06_26_teuer_und_maennlich_regio...

http://www.streifzuege.org/2009/sackgasse-regionalwaehrung

http://www.frankshalbwissen.de/2010/05/01/kritik-regionalgeld-chiemgauer-elbtaler/


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