Ich und mein digitales double

Ostfriese, Mittwoch, 04.11.2015, 19:35 (vor 3744 Tagen)2136 Views
bearbeitet von unbekannt, Mittwoch, 04.11.2015, 19:50

Hallo ins Forum,

allen potamischen, thalassischen und ozeanischen Reiche ist gemein, dass sie für die überwiegende Beherrschung der materiellen Ströme stehen, die also vorwiegend etwas Gegenständliches beinhalteten.

In den letzten Jahrzehnten ist für die Vereinigten Staaten von Amerika die Kontrolle der Informationstechnologie mit den zugehörigen Datenströmen aus allen möglichen Quellen die entscheidende und wichtigste Aufgabe innerhalb ihres Imperialismus geworden. Das Imperium definiert sich durch die Beherrschung der immateriellen Ströme – wie in der Organisation „Spectre“: Information ist alles. Das heißt nicht, dass das Gegenständliche in der Neuen Welt nicht wichtig ist. Der Inhaber dieser Technologie – ob er will oder nicht – ist der Herrscher der Welt. Die Veröffentlichungen des Schriftstellers, der ein solches Imperium ein „Paradies“ nannte, muss ich noch etwas näher studieren. Das bezieht sich insbesondere auf die Anwendbarkeit auf den Menschen. Die Datenmengen, die meine digitalen Spuren in allen Bereichen des heutigen Lebens hinterlassen, bilden einen neuen Inhalt in Form eines digitalen zweiten Ich‘s von mir – es existiert das digitale double von mir.

Das ist mir so richtig bewusst geworden durch einen Bericht, der zeigte, wie Preise im Internet für die Kunden in Abhängigkeit ihres digitalen double, von Raum und Zeit gebildet wurden.

Die Instanzen der Machtordnung und die ökonomischen Unternehmen innerhalb des Machtkreislaufes sind natürlich aus vielerlei Gründen an dem digitalen Zweiten interessiert. Google, Facebook und die anderen Netzwerke liefern weitere wertvolle Dienste. Ich denke, dass die Zentralmacht auf der Grundlage einer Ordnung mit Hilfe ihrer Instanzen durch die Kontrolle des digitalen double mich – und damit meine Person – beherrschen kann. Bei dieser Beherrschung spielen die Medien, Werbung und die Kommunikationsindustrie eine tragende Rolle. Das digitale double, das unabhängig von Raum und Zeit sozusagen entterritorialisiert und entzeitlicht über den Tod hinaus existiert, tritt also gegenüber meiner Person immer mehr in den Vordergrund. Es ist heute schon zum Teil verkaufsfähig. Ist es vermietbar oder beleihbar? Was geschieht nach dem Tode eines Menschen mit seinem digitalen double? Ist es vererbbar? Fragen über Fragen, deren Antworten vielleicht nur der Wind kennt und schon verweht hat.

Natürlich „existiert“ der IS real als ein Konstrukt des Imperiums und als Anlageprodukt. Viel interessanter ist die Frage, ob es den Instanzen der Zentralmachtordnung gelingt, das von ihr geschaffene digitale double des IS in der hyperrealen Ebene mit dem von ihr geschaffene meinigen zur Kongruenz zu bringen. Dann hat die Ordnung endgültig Macht über mich ergriffen und braucht meinen Widerstand nicht mehr zu fürchten. Jetzt fehlt nur noch, die Hyperrealität selbst zur Realität zu erklären. Das reale Erste ist mit dem digitalen Zweiten identisch in der schönen Neuen Welt – dem „Paradies“ auf Erden!

Diese Betrachtungen können auf die Erscheinungen der Völkerwanderung und des kapitalistischen Konsums angewendet werden. Was macht der Konsum, abseits seiner debitistischen Bedeutung mit uns? Wir gleiten stattdessen ins Kleinklein des Unterflächlichen ab, statt Diskussionen im Oberflächlichen der Metaebene zu führen. Das Wort „oberflächlich“ ruft ja leider auch nur negative Assoziationen und Konnotationen hervor.

Ich frage mich, was die Sprache der Medien, Kommunikation und Werbung über das digitale double mit meiner Person macht. Ich sehe bei mir auch schon eine Veränderung des Raum/Zeithorizontes zu mehr Dehnung hin: Abschied vor allem von der visuellen Medienwelt. Ich verzichte gern auf ein Setup meines digitalen double im Auftrage des Machtsystems, das mich nur in einen sinnlosen Angstporn versetzen will, um besser Macht über mich ausüben zu können. Meine Positionen verrücken raumzeitlich. Werde ich dann selbst verrückt, wie die Möwen, die in Norddeutschland schon auf dem Rücken fliegen, weil sie das Elend der Unternehmen nicht mehr sehen können, die in den Uthlanden jede Menge Kilo Watt produzieren und diese unterirdisch in den Süden zur dortigen Erleuchtung schicken wollen?

Ein wenig Ironie und Grüße müssen sein.

Johann


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