Der aufrechte Mensch
Es ist zwei Jahre her, da hatte die Polizei nach einer friedlichen Demonstration den Taksim-Platz in Istanbul mit brutaler Gewalt geräumt. Sie hatte die Teilnehmer niedergeknüppelt, mit Tränengas beschossen und – Angst und Schrecken verbreitend – gnadenlos wie Vieh durch die Straßen gejagt. Von jeder weiteren Demonstration gegen die Staatsgewalt sollten sie ein für alle Mal abgehalten, jeder Demonstrant als Terrorist behandelt werden.
Doch wer ist ein Terrorist? Jemand, der mit angedrohter oder tatsächlicher Gewalt Angst und Schrecken verbreitet, um Menschen zu einer bestimmten Verhaltensweise zu zwingen. Nach der eigenen Wortwahl war hier also die Staatsmacht selbst der wahre Terrorist.
In Deutschland geht die Staatsmacht gegen friedliche Demonstranten gegenwärtig etwas geschickter vor. Das Attackieren mit brutaler Gewalt hat man an die neue SA der roten (link-) extremen Antifa delegiert, die, teilweise von Steuergeldern unterstützt, den Terror wieder auf die Straße trägt. Die Machthaber selbst diffamieren die friedlichen Demonstranten, die von der „politisch korrekten“ einzig zulässigen politischen Linie abweichen, als gefährliche (Rechts-) Extreme und warnen jeden, diesen Rattenfängern in den Demonstrationen zu folgen. Der Terror nimmt hier also nur psychische Formen an.
Doch wer ist ein (Rechts-) Extremist? Jemand, der eine Staatsform vertritt, in der nur eine einzige politisch korrekte politische Richtung herrschen darf, und alle abweichenden Meinungen mit seelischem und körperlichem Terror verfolgt werden, um die Menschen zu einer bestimmten Verhaltensweise zu zwingen. Nach der eigenen Wortwahl sind also die Machthaber selbst die wahren (Rechts-) Extremisten.
In Istanbul stand damals am Abend auf dem leer gefegten Taksim-Platz auf einmal ein junger Mann. Er forderte nichts. Er stand einfach nur da, still, gerade, die Hände in den Hosentaschen, mit erhobenem Haupt und ernstem Gesicht schaute er unverwandt auf ein Porträt von Atatürk, des Gründers eines von der Religion getrennten, säkularen türkischen Staates, das groß an der Fassade des seit Jahren geschlossenen Atatürk-Kulturzentrums hing. Er stand so stundenlang unbeweglich, aufrecht da. Die Polizei, auf ihn aufmerksam geworden, unschlüssig, durchsuchte seinen Rucksack, was er ungerührt und ohne seine Haltung zu ändern geschehen ließ. Sie fand nichts Verdächtiges. Über Facebook und Twitter verbreitete sich rasch die Nachricht von „Duran Adam“, dem „stehenden Mann“, wie es wörtlich heißt, besser: dem Mann, der einfach dasteht. Andere schlossen sich ihm an, in Istanbul, Ankara und anderen türkischen Städten, sogar in New York. Es war der türkische Choreograf Erdem Gündüz. Er wurde, wie der Spiegel schrieb, zur Ikone des Aufstands, des Aufstands der freien Individualität gegen die Gewaltherrschaft des Kollektivs, das von wenigen Autoritäten dominiert wird.
Obwohl bei uns der Vorrang der freien Individualität in den allgemeinen Menschenrechten und den Grundrechten der Verfassung verankert ist, beansprucht in der politischen Realität auch hier der Staat mit seinen alle Lebensbereiche regulierenden Gesetzen noch immer Vorrang vor der Selbstbestimmung des einzelnen Menschen. Da diese traditionelle Praxis mit medialer Dauerberieselung als „demokratische Selbstbestimmung“ ausgegeben wird, wird das Bewusstsein des Menschen eingelullt und der noch nicht stark ausgebildete Freiheitsimpuls der Individualität in den Freizeitimpuls des abhängig Arbeitenden abgebogen.
Ist der Mensch vom Impuls der individuellen Freiheit und Selbstbestimmung durchdrungen, wünscht er ihn auch den Anderen. Freiheit ist die Freiheit aller und führt so die Gleichheit im Gefolge. Die Herrschaft einer Gruppe über alle Anderen – gleichgültig wie sie künstlich begründet wird – ist nur möglich, wenn die Herrschenden diese freiheitliche Gesinnung nicht haben, wenn sie noch ganz im traditionellen Gemeinschaftsbewusstsein des Einheitsstaates leben, der von wenigen Auserwählten geführt werden müsse. Sie sind noch nicht auf der Höhe der neueren europäischen Bewusstseinsentwicklung angekommen, die mit dem inneren Erfassen des Höheren im Menschen verbunden ist. Sie sind Zurückgebliebene, deren Ego sich in der Macht über Andere, in der Bestimmung ihrer Lebensweise erlebt und verstärkt, sich daher mit allen Mitteln an die Macht klammert und die Strukturen verteidigt, die sie gewährleisten.
Auch in Europa brauchen wir noch „Duran Adam“, den Mann, der einfach dasteht, still, aufrecht, wie eine Säule, die die innere Aufrechte der sich selbst ergreifenden, ihrer eigenen geistigen Potenz und Unabhängigkeit bewussten freien Individualität ausdrückt, eine Ikone des Protestes gegen die Diktatur eines geistlosen Politikproletariats, das sich den Staat, die rechtliche Verfasstheit aller, gleichsam zur privaten Beute gemacht hat und mit den Phrasen von „Demokratie“ und „Freiheit“ die wahre Selbstbestimmung und Freiheit des Menschen ausschaltet. Auch in Europa brauchen wir viele, die ihm nacheifern, in Berlin, London, Dublin, Warschau und Brüssel, in Paris, Rom, Madrid, Lissabon, Athen und auch in Moskau.
Vgl.:
https://fassadenkratzer.wordpress.com/2013/07/27/duran-adam-der-mann-der-einfach-dasteht/