Reformpädagogik in der Grundschule

Hyperion @, Sonntag, 27.09.2015, 22:15 vor 3773 Tagen 4716 Views

Hallo zusammen,

mein Kind wurde dieses Jahr eingeschult. Nun hat es sein Arbeitsheft (es handelt sich um "Bausteine" von Diesterweg) mitgebracht, mit der "Hausaufgabe", seinen Eltern das Vorwort zur Lektüre vorzulegen.

Dort werden die Eltern beispielsweise aufgefordert, Schreibfehler des Kindes nicht zu korrigieren. Wenn das Kind z.B. "ICH HAP OICH LIP" schreibt, soll man sich am Inhalt erfreuen und sich nicht über die Rechtschreibung aufregen.

Aufgeregt habe ich mich dann aber doch: Allerdings nicht über die Fehler meines Kindes, sondern über die Rechtschreibfehler im Vorwort. Nur eine knappe Seite, trotzdem vier Fehler, die selbst ich nicht überlesen konnte.

Meine erste Reaktion war, die Fehler anzustreichen.

Aber nun denke ich mir: ist das vielleicht nur ein Test? Will die Lehrerin nur feststellen, welche Eltern entspannt über Fehler hinwegschauen können und welche Eltern die Erbsen zählenden Querulanten sind? Und sind vielleicht statt vier Fehlern zehn Fehler im Text versteckt? Dann hätte ich mich zusätzlich noch als inkompetent erwiesen.

Bin gespannt wie ein Flitzebogen, was da noch auf mich wartet.

Nee, das ist kein Test für dich :-)

Christian @, Dortmund, Sonntag, 27.09.2015, 22:44 vor 3773 Tagen @ Hyperion 4215 Views

Hi Hyperion,

die wollen dich nicht testen. Die können nur nicht anders. Lehrer sind doch auch nur Menschen <img src=" />

Im Ernst: Die Methode "Lesen durch Schreiben" ist verdammt umstritten und höchstwahrscheinlich nicht für jedes Kind Heilsbringer. Siehe zum Beispiel hier: Artikel im Spüon zu Lesen durch Schreiben.

Aber nur, weil man in der Schule deines Kindes diesen Weg geht, heißt dies ja nicht, dass du ihm blind folgen musst. Du darfst dein Kind doch dabei unterstützen, zum Schreiben und Lesen zu finden. Man muss ja nicht darauf hinweisen, was es alles falsch geschrieben hat. Du kannst ihm ja auch lobend zur Seite stehen - aber gleichzeitig auch darauf hinweisen, wie "die Großen" es schreiben würden. Also den Text oder die Wörter, die es geschrieben hat, noch mal in korrekter Rechtschreibung schreiben und das gemeinsam lesen. So handhaben wir es zumindest...

Schule ist ohnehin überbewertet. Verantwortlich sind alleine wir, was aus unserem Nachwuchs wird. Vertrau keinem Lehrer <img src=" />

--
Und weil der Mensch ein Mensch ist,
drum braucht er was zu essen, bitte sehr!
Es macht ihn ein Geschwätz nicht satt,
das schafft kein Essen her.

Mein Kleiner ist jetzt in der 2. Klasse

papi @, Sonntag, 27.09.2015, 22:54 vor 3773 Tagen @ Hyperion 4015 Views

und noch immer wird dort "Lautschrift" praktiziert. Frei nach
dem Motto, man solle froh sein, dass die Kinder überhaupt
schreiben und ihnen durch "übertriebene" Korrekturen nicht die
Motivation nehmen. Die Quote an Kindern mit Migrationshintergrund
(wozu ich meinen Sohn ebenfalls zähle), liegt bei mindestens 50%,
wobei wir hier von der 3. Generation reden. Ob das der Grund für
diese - für mein Verständnis eigenartige - Methode ist, Kindern
die Vaterlandssprache beizubringen, weiss ich nicht.

Viele Grüße
papi (Bielefeld)

Ausmaß der allgemeinen Verdummung ist erschreckend

software-engineer @, Sonntag, 27.09.2015, 23:37 vor 3773 Tagen @ Hyperion 4189 Views

bearbeitet von unbekannt, Sonntag, 27.09.2015, 23:51

"Die Presse" wird in Österreich als eine "Qualitäts-Zeitung" betrachtet. Die Online-Ausgabe enthält jedoch so viele und häufig abstruse Rechtschreibfehler, dass ich mich oft gefragt habe, ob diejenigen, welche diese "Artikel" schreiben, wirklich Deutsch als Muttersprache haben:

[image]

Es scheint aber nicht nur ein sprachliches Problem zu sein. Viele Fehler scheinen aus einer drastisch verkürzten Aufmerksamkeitsspanne zu resultieren: Wenn etwa ein Satz mit einem Subjekt beginnt und der Schreiber sich dann am Ende des Satzes beim Prädikat nicht mehr an das Subjekt erinnert, entstehen solche Fehler.

Viele Menschen leiden m.E. an einer gesellschaftlich induzierten Demenz, die nur deshalb nicht bemerkt wird, weil ein Großteil der Bevölkerung daran leidet und diese deshalb als normal angesehen wird. Die Ursachen sind vielfältig: Ungeeignete Ernährung, übermäßiger Medien- und Fernsehkonsum, Unterforderung von Kindern durch gezielte Massenverdummung, usw.

Natürlich ist die Motivation in der Pädagogik ein wichtiger Faktor. Aber die Pseudopädagogen reduzieren alles auf die Motivation und vergessen wesentliche kulturelle Parameter.

Das Ausmaß der allgemeinen Verdummung ist den meisten gar nicht bewusst. Wenn man es sich aber einmal vor Augen führt, ist es erschreckend ...

--
Wenn man beim Programmieren Fehler macht, dann meckert der Compiler.

Dem Himmel sei Dank für einen Rat eines Volksschuldirektors

helmut-1 @, Siebenbürgen, Sonntag, 27.09.2015, 23:38 vor 3773 Tagen @ Hyperion 3996 Views

und auch dafür, dass ich auf diesen Mann gehört habe.

Ich bin aus Deutschland nicht weg, weil ich nichts mehr zu essen hatte, dazu war damals in den 90er Jahren das Problem mit den Ausländern mit Sicherheit nicht im Vordergrund. Aber die Abwärtstendenz in den Schulen war bereits erkennbar.

Der Volksschuldirektor der Grundschule, wo mein Junge eingeschult worden wäre, gab mir den Rat: Wenn Du was Gescheites für Dein Kind tun willst, dann such Dir eine vernünftige deutsche Auslandsschule.

Genau das habe ich getan, und so bin ich in Siebenbürgen gelandet. Er war zusammen mit den anderen 25 Kindern einer unter den 5 oder 7, die deutsche Wurzeln (und damit die Sprachmöglichkeit zuhause) hatten, die andern waren Rumänen und noch zwei Ungarn. Trotzdem wurden alle Fächer in deutscher Sprache gelehrt, - und wenn da grammatikalische oder orthographische Fehler gemacht wurden, dann gabs eben schlechte Noten. Ohne Ausnahme oder Nachsicht.

Wenns manche gab, die das nur schwer kapierten, dann mußten die eben zur Nachhilfe. Gegen cash natürlich. Deshalb waren die Eltern auch sehr daran interessiert, dass ihre Kindlein zuhause neben den Hausaufgaben brav lernten und nicht auf der Straße herumlungerten.Geht sonst ganz schön ins Geld.

Um ehrlich zu sein, - mit dem musikalischen Engagement sowie dem Tennis und dem Handball war der Junge zu 100% ausgelastet, da gabs keine Zeit für was anderes.

Später, auf dem humanistischen Gymnasium, da gab es ein oder zwei Jahre, wo der Jüngling 5 Sprachen parallel in den Fächern hatte. Rumänisch als Staatssprache sowieso, Deutsch, Englisch und Französisch, und noch Latein.

Und alles wurde benotet, da gabs keine "Kurse" mit irgendwelchen Punkten, da gabs für jedes mündliche Abfragen an der Tafel eine Note, für jede schriftliche Arbeit, und oftmals auch für gestellte Hausaufgaben. Und aus der Summe dieser Noten resultierte dann die Gesamtnote am Ende des Schuljahres. Wenn das nicht reichte, dann gabs ggf. eine Wiederholungsprüfung vor Beginn des neuen Schuljahres, und wenn die auch nicht geschafft wurde, dann wurde eben die Klasse wiederholt.

Gott, wie rückständig, wird mancher sagen. Aber ich war damit zufrieden. Klar gibts noch qualitativ bessere Möglichkeiten für die Kinder, auch in Deutschland, - aber die konnte ich mir finanziell einfach nicht leisten.

Erinnere mich noch, da wir im Elternbeirat waren, als wir eine Konferenz hatten, wo darüber entschieden werden sollte, ob ein Junge von der Schule verwiesen wird, weil er nur noch gestört hatte. Der Vater- ein höheres Tier - hatte keine Zeit für den Jungen, dadurch war der durch den Wind, und die Mutter hielt permanent den kompletten Regenschirm über den Jungen, - stritt vehement ab, dass ihr Liebling Böses tun könnte.

Man stelle sich mal so eine Diskussion in D vor, - da würde man wahrscheinlich als Elternbeirat vors Jugendgericht kommen.....

Also, - es ist nicht die Ideallösung in Siebenbürgen auf den Schulen, - zumal da akuter Lehrermangel herrscht. Aber es ist auf jedenfall besser als das, was seit vielen Jahren in Deutschland oder Österreich geboten wird.

Da gab es letzthin einen ganz interessanten "Frontbericht".

Fokus @, Montag, 28.09.2015, 00:51 vor 3773 Tagen @ software-engineer 3623 Views

Die Reporterin sagte darin:
"Wir stehen hier an der deutsch-ungarischen Grenze." [[euklid]]
[[la-ola]]

Nicht nur das

Kaladhor @, Münsterland, Montag, 28.09.2015, 09:25 vor 3772 Tagen @ Hyperion 2975 Views

Ich selbst halte von diesem "Schreiben wie man spricht" (so hieß das ganz am Anfang mal) rein gar nichts. Das verwirrt die Kinder doch schlussendlich nur. In der Fahrschule lernt man das Autofahren ja auch nicht zuerst so, wie man es nicht machen sollte und erst danach dann richtig.

Letztlich ist das aber auch nur ein Symptom für eine zutiefst fehlgeleitete Pädagogik.

Kann sich noch wer erinnern, warum diese unseelige Rechtschreibreform durchgeführt wurde? Ich meine mich zu erinnern, dass es wegen der zunehmenden "Rechtschreibschwäche" der Kinder gemacht wurde. Dass diese "Rechtschreibschwäche" im Grunde genommen ein hausgemachtes Problem war, wurde dabei geflissentlich ausgeblendet. Was passiert denn jedes Jahr nach den Sommerferien? Da wird erst mal im großen Stil Geld bei den Eltern eingesammelt, darunter auch Kopiergeld.... sowas gab es damals während meiner Schulzeit nicht! Wir haben von den Tafeln abgeschrieben bis der Stift geglüht hat. Seitenweise, nein Heft-/Blockweise, mussten wir mitschreiben, da gab es alle Jubeljahre mal eine Kopie. Und das Tolle? Wir haben kaum Rechtschreibfehler gemacht, kaum Grammatikfehler, kaum Orthographiefehler. Aber diesen Zusammenhang wollte man anscheinend nicht erkennen. Ok, dafür hatten wir nicht schon von der 1. Klasse an Englisch-Unterricht.....aber mal ernsthaft, geschadet hat das auch nicht.

Heute werden die Kinder verwirrt, kaum korrigiert, ach, und auf so "Nebensächlichkeiten" wie eine saubere Handschrift wird auch keinerlei Wert mehr gelegt. Wenn ich mir die Kinder heute ansehe, die nach zehn Jahren die Schulpflicht hinter sich lassen, die haben eine Handschrift wie ein Arzt, sind aber mit ihren Grundfertigkeiten - Schreiben, Rechnen, Lesen - auf dem Stand eines Viertklässlers von 1980.

Gruß
Kaladhor

--
Ich bin nicht links, ich bin nicht rechts, ich kann noch selber denken!

Lesen und Schreiben

Rybezahl, Montag, 28.09.2015, 10:57 vor 3772 Tagen @ Christian 2801 Views

bearbeitet von unbekannt, Montag, 28.09.2015, 11:03

Aber nur, weil man in der Schule deines Kindes diesen Weg geht, heißt
dies ja nicht, dass du ihm blind folgen musst. Du darfst dein Kind doch
dabei unterstützen, zum Schreiben und Lesen zu finden. Man muss ja nicht
darauf hinweisen, was es alles falsch geschrieben hat. Du kannst ihm ja
auch lobend zur Seite stehen - aber gleichzeitig auch darauf hinweisen, wie
"die Großen" es schreiben würden. Also den Text oder die Wörter, die es
geschrieben hat, noch mal in korrekter Rechtschreibung schreiben und das
gemeinsam lesen. So handhaben wir es zumindest...

Schule ist ohnehin überbewertet. Verantwortlich sind alleine wir, was aus
unserem Nachwuchs wird. Vertrau keinem Lehrer <img src=" />

Kinder werden durch das Leseverhalten der Eltern zum Lesen motiviert. Das ist meine eigene Erfahrung. Wer viel (korrekt Lektoriertes) liest, lernt auch richtig schreiben.

--
Dieses Schreiben wurde elektronisch erstellt und enthält deshalb keine Unterschrift.

Freud'sche Fehlleistung?

software-engineer @, Montag, 28.09.2015, 11:06 vor 3772 Tagen @ Fokus 2791 Views

Die Reporterin sagte darin:
"Wir stehen hier an der deutsch-ungarischen Grenze." [[euklid]]
[[la-ola]]

Vielleicht war das aber auch (zum Teil) eine Freud'sche Fehlleistung?

--
Wenn man beim Programmieren Fehler macht, dann meckert der Compiler.

Freudsche Fehlleistung?

Fokus @, Montag, 28.09.2015, 11:09 vor 3772 Tagen @ software-engineer 2817 Views

Die Reporterin sagte darin:
"Wir stehen hier an der deutsch-ungarischen Grenze." [[euklid]]
[[la-ola]]


Vielleicht war das aber auch (zum Teil) eine Freud'sche Fehlleistung?

Ich glaube, das lag/liegt evtl. tiefer. [[freude]]

Das mag ein wenig beeinflussen,

Kaladhor @, Münsterland, Montag, 28.09.2015, 11:59 vor 3772 Tagen @ Rybezahl 2638 Views

jedoch bin ich der Meinung, man sollte das frühere Motto "Von der Hand in den Kopf" vielleicht mal wieder verstärkt umsetzen.

Wer viel schreibt, macht zum einen im Laufe der Zeit weniger Fehler und zum anderen wird auch die Lesekompetenz gesteigert. Das mag sich vielleicht anachronistisch anhören in der heutigen, computerschwangeren Zeit, jedoch sind viele Schulabgänger heutzutage nicht mal mehr in der Lage, kleinere Texte (mit vielleicht vier bis sechs Sätzen!) nahezu fehlerfrei zu verfassen.

Wenn man etwas wirklich lernen möchte (oder muss), funktioniert das auf Dauer einfach nicht, in dem man in der Passivität(einfach nur Lesen) verbleibt. Man muss auch selber aktiv werden und schreiben, schreiben, schreiben. Aber genau das wird in den Schulen mehr und mehr "abgeschafft", da jeder noch so kleine Mist als Kopie verteilt wird.

Noch viel schlimmer wird es aber im Bereich Mathematik.... ich habe letztens mal einen Blick in das Mathematik-Buch meiner zweitältesten Tochter geworfen (8. Klasse). Nach meiner Definition ist das kein Mathebuch mehr, sondern vielmehr ein Lesebuch. Kaum Zahlen oder geometrische Zeichnungen, nur noch Text und irgendwelche Fotos. Wie soll man mit solch minderwertigen Material eigentlich noch lernen?

Gruß
Kaladhor

--
Ich bin nicht links, ich bin nicht rechts, ich kann noch selber denken!

Richtig

Rybezahl, Montag, 28.09.2015, 12:17 vor 3772 Tagen @ Kaladhor 2598 Views

bearbeitet von unbekannt, Montag, 28.09.2015, 12:22

jedoch bin ich der Meinung, man sollte das frühere Motto "Von der Hand in
den Kopf" vielleicht mal wieder verstärkt umsetzen.

Wer viel schreibt, macht zum einen im Laufe der Zeit weniger Fehler und
zum anderen wird auch die Lesekompetenz gesteigert. Das mag sich vielleicht
anachronistisch anhören in der heutigen, computerschwangeren Zeit, jedoch
sind viele Schulabgänger heutzutage nicht mal mehr in der Lage, kleinere
Texte (mit vielleicht vier bis sechs Sätzen!) nahezu fehlerfrei zu
verfassen.

Etwas anderes wollte ich auch nicht behaupten. Selbstverständlich muss beides (lesen und schreiben) praktiziert werden. Durch das Lesen von z.B. Romanen wird die "richtige" Rechtschreibung (natürlich nur eine Sache der Übereinkunft, aber was soll's) besser erlernt. Da sich aber vorzüglich über Facebook & Co. ausgetauscht wird, und dort keine Rechtschreibkorrektur vorhanden ist... ist die "Übereinkunft" eine verhunzte Variante der staatlich verordneten Rechtschreibung. Das zeigt sich dann auch später in den Lernmaterialien, is' klaa, ne?
Und dass immer weniger Eltern Bücher lesen, das ist der Sache auch nicht unbedingt förderlich. Kinder mit bücherlesenden Eltern neigen eher dazu, auch endlich ein Buch lesen können zu wollen (behaupte ich einfach mal -> Nachahmungsverhalten).

Gruss!

--
Dieses Schreiben wurde elektronisch erstellt und enthält deshalb keine Unterschrift.

Tiefenpsychologie

software-engineer @, Montag, 28.09.2015, 13:33 vor 3772 Tagen @ Fokus 2588 Views

Ich glaube, das lag/liegt evtl. tiefer. [[freude]]

Freud'sche Fehlleistungen kommen immer aus der Tiefe (d.h. Tiefenbewusstsein). Deswegen gibt es ja den Ausdruck "Tiefenpsychologie"

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Wenn man beim Programmieren Fehler macht, dann meckert der Compiler.

Schule und Rechtschreibung

Leserzuschrift @, Montag, 28.09.2015, 13:59 vor 3772 Tagen @ Hyperion 2930 Views

Hallo Hyperion,

gleiches Problem haben auch wir mit unserem Kind in der Grundschule gehabt! Auch uns wurde unmissverständlich mitgeteilt: "wir dürfen unser Kind in der Rechtschreibung nicht korrigieren"! Diese Methode ist der reine Wahnsinn!
hier lesen:
http://www.stern.de/familie/schule/ueber-die-zunehmend-schlechte-rechtschreibung-bei-ki...

Ehrlich gesagt, war uns das total egal, was der Lehrer uns versuchte im herrischen Ton zu befehlen.

Ich fasse zusammen.
Unser Kind zeigte uns stolz sein erstes Geschriebenes im 1.Schuljahr. Es freute sich wie ein Schneekönig! Wir hingegen waren total entsetzt, wütend und traurig!

Was tun in solch einer Situation? Nun, erstmal haben wir unser Kind gelobt!
Nachdem wir schauspielerisch seine Werke lobend bewundert haben, sagten wir unserem Kind (nach 3. oder 4. Text, weil direkt mit 1.Text wäre zu hart gewesen), dass die Erwachsenen eine andere "richtigere" Schreibweise haben.

Wir erklärten es unserem Kind so, dass es eine Schreibweise gibt,die "richtig richtig" sei, weil unser Kind natürlich ständig sagte, "Herr xy hat aber gesagt, das ist alles richtig, was ich geschrieben habe". Die Neugier kam dann aber bei ihm durch und so zeigt ich ihm, welche Wörter "richtig richtig" geschrieben werden.

So kam es dann schnell, dass unser Kind schon von sich aus fragte, wenn es seine Arbeiten zu Hause vorlegte, dass wir ihm die "richtig richtigen" Wörter bitte aufschreiben.

Alles, aber auch alles was unser Kind seit der 1. Klasse geschrieben hat, egal ob Textaufgaben später in Mathe, Diktate, Antworten in Reli oder Sachkunde, alles ließen wir ihn korrigieren! Die falschen Wörter musste es dann immer 5 mal aufschreiben!

Wir haben unserem Kind etwas später auch einen Duden (Grundschulwörterbuch) gekauft, gegen den Willen des Klassenlehrers! Dieser wurde nämlich sehr ausfallend und laut, als ich ihn in der 1. Klasse einige Wochen nach Beginn der Grundschulzeit anrief und ihn um Rat gebeten habe, wie wir unserem Kind den helfen könnten, die Rechtschreibung direkt richtig anzuwenden. Wie gesagt, der Klassenlehrer wurde ungehalten und sehr laut am Telefon und untersagte mir regelrecht unserem Kind unter die Arme zu greifen. Auf die Frage, ob es denn geeignete Literatur für Eltern u. Kind für zu Hause geben würde, wurde er noch ausfallender.

Die Reaktion des Lehrers ließ uns aber noch dickköpfiger werden! Und so zogen wir unser Programm durch, nämlich alles was unser Kind zu Hause vorlegte wurde korrigiert.

Uns wurde längst nicht alles gezeigt, was in der Schule gearbeitet wurde. Das lag aber nicht an unserem Kind, sondern am Lehrer bzw. Schule, weil die überwiegenden Arbeiten u. Hefte dort in den jeweiligen Fächern der Kinder bleiben mussten. Sie dürfen also nicht alles mit nach Hause nehmen. z.B. bekamen die Kinder wöchentlich einen sogenannten "Wochenplan". In diesem Wochenplan mussten verschiedenste Aufgaben erledigt werden und Texte geschrieben werden. Dieser Wochenplan musste dann, wenn fertig, den Eltern zu Unterschrift vorgelegt werden. Alle Fehler die wir finden konnten, wurden ausradiert und korrigiert von unserem Kind. Und alle falschgeschriebenen Wörter, wie schon erwähnt, musste unser Kind dann auf einem sep. Blatt 5 x neu schreiben. Gleiches wurde bei den Tests gemacht, hier haben wir allerdings nicht in den Tests radiert sondern auf sep. Blatt wurden die falschen Wörter von unserem Kind korrekt 5 x aufgeschrieben.
(Die Tests wurden übrigens immer nur zur Unterschrift vorgelegt, wir durften diese nie behalten! Erst kurz vor der Entlassung in der 4. Klasse wurden uns alle Tests u. Arbeiten des Kindes augehändigt).

Ich und viele andere Eltern sind der festen Überzeugung (und das waren auch die Infos, die wir erhielten, als wir zu dieser Thematik recherchierten z.B. Link oben Stern TV),
dass die Kinder, wenn man die Wörter falsch stehen lassen würde, dies Wörter auch immer wieder und wieder falsch schreiben. Das prägt sich ins Hirn! Und irgendwann, wenn die Kinder gezwungen sind eine korrekte Rechtschreibung anzuwenden, haben die Kinder immer das "falsche" Wort im Kopf! So war es bei mir (ich habe nach alte Regel gelernt und trotzdem hat man ja immer mal ein Wort, welches man gern falsch schreibt), so ist es bei anderen.

Jedenfalls sind wir der Meinung, dass durch die viele intensive Mühe,Geduld, Ruhe und Unterstützung zu Hause, das Kind die richtige Schreibweise besser lernt. Es ist halt nur mit viel Mühe, manchmal Tränchen, Arbeit und vorallem Geduld und Ruhe verbunden!
Für viele Eltern ist dies vielleicht auch schwer umzusetzen, falls beide Berufstätig o.ä. sind. Es ist aber zum Wohle des Kindes!!! Das sollte man nie vergessen!
Auch wenn es noch so ärgerlich ist und eine Frechheit von Schule, Regierung u. Politik ist, so mit unseren Kindern zu verfahren, man sollte immer daran denken, es geht um die Zukunft des eigenen Kindes, deshalb sollte man versuchen eine Lösung zu finden! Und die Lösung sah für uns halt so aus, dass wir den Scherbenhaufen, welcher von DENEN DA OBEN angerichtet wurde, selbst zu kehren haben, leider, es geht ja erstmal ums eigene Kind!

Wenn Sie das hier alles so lesen, stellen Sie sich sicherlich die Frage, warum wir unser Kind denn nicht auf eine andere Schule versetzt haben.
Ja, genau mit dieser Frage haben wir uns natürlich auch intensiv beschäftigt. Weil es mich am Rande der Verzweiflung gebracht hat!

ES war sowieso schon schwer, weil das Gerücht umging, dass unsere Grundschule im Ort geschlossen werden sollte. Was auch geschah. Außerdem wollten wir unser Kind auf eine "bessere" Schule einschulen, eine Schule mit gutem Ruf etc.
So haben wir uns also für die "bessere gute"Schule entschieden, die auch noch in einem Kreis lag und mit öffentlichen Verkehrsmitteln etc. nicht zu erreichen ist.
Deshalb haben wir unser Kind jeden Tag mit dem Auto hingebracht und abgeholt. (Da denkt man, man tut das Beste und Richtige.... und dann kommt das böse erwachen!)

Jedenfalls nach intensiver Recherche stellten wir fest,
dass die "noch"Grundschule im Ort die einzige Schule in der Gegend war, die noch nach der Rechtschreibfibel lehrte!
Alle, aber auch alle anderen Schulen lehren nach "Lautschrift"! Wir wären auch bereit gewesen noch weiter zu fahren, aber es gibt schlichtweg keine Schule in näheren und weiteren Umgebung, die noch nach den alten Regeln lehrt, es sei denn, wir wären täglich mind. eine Stunde hin und und eine Stunde zurück gefahren und hätten uns noch in den Stau gestellt. Irgendwann gibts dann auch mal eine Grenze!

Einige werden sich jetzt wahrscheinlich hier fragen, warum wir das nicht von Anfang an wussten.
Nun, in der Theorie siehts immer anders aus als in der Praxis! Natürlich wussten wir, dass dort nach der "Lautschrift" gelehrt wird. Uns wurde aber immer gesagt, dass dies überhaupt kein Problem sei, auch von anderen Eltern! Auch das Informationsangebot der Schule war überdurchschnittlich was Unterrichtsinhalte u. Lehrmethodik betraf! Ich kann nur sagen, hinterher ist man immer klüger!
Dennoch war diese Schule eine gute Entscheidung...bis auf die Lehrmethode in der Rechtschreibung! Hinzu kommt, dass wir nur ein Kind haben. Das macht's auch nicht einfacher, weil einfach keine Erfahrungswerte vorliegen.
Man kann sich noch so intensiv im Voraus mit Dingen beschäftigen, hinterher kommt's oft anders als man denkt, leider!

Jetzt geht unser Kind mit einem sehr guten Zeugnis an eine weiterführende Schule (5. Klasse). Die Rechtschreibung hakt noch hier und da minimal, aber wir haben ja unsere festen Regeln, und daran wird auch festgehalten!

Was ich noch erwähnen möchte ist, dass die Rechtschreibung in den Deutschtests in der Grundschule erst ab ca. 3. Klasse bewertet wurde. Das ging quasi von heute auf morgen!
Bei allen anderen Tests wurden die falschen Wörter nie vom Lehrer angemeckert! Was ich nicht verstanden habe!
Auch wurde im 2. Halbjahr des 4. Schuljahres in den Deutschtests (Brief, Zeitungsartikel, Geschichte) keine Korrektur der Rechtschreibung seitens des Lehrers mehr durchgeführt, es ging nur noch nach dem Inhalt!
Eine merkwürdige, in meinen Augen nicht zufriedenstellende Methode!

Also, was kann man als Eltern tun?
Vorher gut informieren, welche Schule nach welchen Rechtschreibregeln lehrt!
Sich einfach über die Lehrmethode hinwegsetzen und mit dem Kind zu Hause geduldig seine eigene Methode erarbeiten, was ich für zwingend notwendig halte.
Oder...
Schule wechseln, falls es noch Schule gibt, die nach alte Methode lehrt! Würde dieser Schule auf jedenfall immer den Vorzug geben!
Und das AllerAller Wichtigste!!!...lasst Euer Kind viele viele Bücher lesen! Lesen, lesen lesen! Wenn es nicht gern lesen sollte, solange suchen, bis man ein passendes Buch/Geschichte findet! Andere Kinder fragen, was z.Z. angesagt ist! Das wollen die Kinder dann auch meistens lesen! Und das Kind vorallem zu Hause vorlesen lassen!
Z.B. wenn man Kind abends ins Bett bringt, einfach dazu setzen oder legen und Kind aus Buch vorlesen lassen!
Es gibt mitlerweile Bücher für 1. u. 2. Klässler! Schöne Geschichten in großen Buchstaben, kurze Sätze mit Bebilderung. Lesen und laut vorlesen lassen und hinterher sein!

Übrigens! Immer mehr Germanistikstudenten haben irre Probleme mit der Rechtschreibung, weil sie nach der "Lautschrift" gelernt haben. Das Problem ist an den Unis bekannt!

Ich finde diese Art von Experimenten an Kindern unverantwortlich und abartig! Nun ist ja aktuell im Gespräch, die Schreibschrift abzuschaffen (bzw. eine "vereinfachte" zu lehren). Finland hat es schon getan!
http://www.fr-online.de/kultur/finnland-schreibschrift-pflicht-abgeschafft,1472786,2955...

Wie gesagt, am Besten, man lässt sich alles zeigen, was die Kinder in der Schule erarbeitet haben, um dann entsprechend eingreifen zu können und ""nicht"" auf die Lehrer oder Texte irgendwelcher Arbeitshefte hören!
Ich vertraue da immer ganz auf meine innere Stimme!
Und die hat damals gesagt, so geht das nicht! Daran muss gearbeitet werden.

Eines ist jedenfalls sicher (und mit dieser Meinung stehe ich Gott sei Dank nicht alleine da), dass die Eltern den Kindern in der Rechtschreibung nach Lautschrift Hilfestellung geben sollten!

Am Allerbesten ist es eigentlich, auszuwandern. Aber das ist ein anderes Thema.

Sorry, für den langen Text, aber das sind nunmal unsere Erfahrungen und Eindrücke.

Herzliche Grüße und Toi Toi Toi :-)

Ein stiller Leser


ps: Danke das es Euch gibt! Lese Euch schon seit vielen Jahren täglich und gerade in hiesiger Zeit bin ich sehr froh, noch Meinungen, Worte und Dinge zu lesen, worüber woanders gar nicht berichtet wird (werden darf).
Weiter so!
Lasst Euch nicht kleinkriegen! <img src=" />

Danke für die Ausführlichkeit

helmut-1 @, Siebenbürgen, Montag, 28.09.2015, 19:32 vor 3772 Tagen @ Leserzuschrift 2593 Views

Hat mich an vieles erinnert, was auch mir passiert ist.

Ein paar Anmerkungen:

(Die Tests wurden übrigens immer nur zur Unterschrift vorgelegt, wir durften diese nie behalten! Erst kurz vor der Entlassung in der 4. Klasse wurden uns alle Tests u. Arbeiten des Kindes augehändigt).

War auch bei uns nicht anders, - deshalb habe ich sämtliche Arbeiten, die ich unterschrieben habe, vor der Rückgabe immer kopiert.

Das prägt sich ins Hirn!

Schon deshalb, weil die meisten Kinder ein visuelles Merkvermögen haben.

Und das AllerAller Wichtigste!!!...lasst Euer Kind viele viele Bücher lesen! Lesen, lesen lesen! Wenn es nicht gern lesen sollte, solange suchen, bis man ein passendes Buch/Geschichte findet!

Dieses Problem geht parallel zum Ansteigen des Internets und der PC-Verwendung. Hier gilt es, die feine Gratwanderung zu schaffen, dass sich das Kind nicht ausgegrenzt fühlt, weil man ihm die PC-Tätigkeit beschneidet, genauso aber die Bücherwelt schmackhaft macht. Da müssen beide Elternteile an einem Strang ziehen. Ich habs nicht geschafft, weil meine Frau immer "aufgeweicht" hat.


Wie gesagt, am Besten, man lässt sich alles zeigen, was die Kinder in der Schule erarbeitet haben, um dann entsprechend eingreifen zu können und ""nicht"" auf die Lehrer oder Texte irgendwelcher Arbeitshefte hören!

Genau das ist das Richtige. Auch ich hab meinem Sprößling Übungen aufgegeben, z.B. im üben von der richtigen Verwendung der Präpositionen. Als er schon älter und in der Oberstufe im Gymnasium war, mußte er mir aus dem Internet gewisse Referate herausarbeiten, - z.B. über die Winde (dadurch weiß er, was der Unterschied zwischen einem Hurrikan und einem Taifun ist, resp. wie sowas entsteht, u.a.m.), oder auch über die Überwinterung der heimischen Säugetiere in Feld und Wald.

Als er das in der Schule als eine Art Zusatzarbeit in den entsprechenden Fächern abgegeben hat, wurde das gar nicht registriert, vom Lehrer auch nicht kommentiert (oder gar gelobt) oder gar benotet. Wo käme man denn hin, wenn man plötzlich mehr wissen könnte als die anderen....

Am Allerbesten ist es eigentlich, auszuwandern.

Nun, dazu habe ich ja schon meinen Senf weiter oben gegeben.

Noch ein persönliches Erlebnis: In Stuttgart - Hohenheim war während meines Studiums eine Deutsch-Dozentin, die mir eine schlechte Note gegeben hat, weil ich andere Meinung war als sie. Das war 1974. Da wurde bereits versucht, mir klarzumachen, dass man das wechselbezügliche Fürwort abgeschafft hätte. Man würde heute nur mehr "sich" begrüßen, und nicht mehr "einander".

Während ich auf der Ing.Schule in Wien mal eine Wette gegen unsern Deutschlehrer gewonnen hatte (es handelte sich um die Schreibweise eines Fremdwortes), bekam ich wg. dieser Meinung der Dozentin eine schlechtere Deutschnote. Hirnrissigkeiten sind also keine neuzeitliche Erfindung, das gabs schon früher. Damals aber waren es Einzelfälle.

Irritation mit Methode

Leserzuschrift @, Dienstag, 29.09.2015, 12:17 vor 3771 Tagen @ Hyperion 2749 Views

Hallo,
erstes Diktat aus dem Sprachbuch in der zweiten Klasse morgen:
Kürbissuppe
Der Herbst ist da. Die Kinder decken den Tisch. Frau Meier bringt die Suppe. Alle essen. Die Suppe ist heiß. Die Suppe ist gut.
Die Teller sind bald ganz leer.

„Natürlich“ haben wir ansonsten Lautschrift, aber wer das „richtig!“ schreibt, kriegt eine gute Note, laut meinem Sohn.
Nach ein paar Mal abschreiben, hab ich heut diktiert. Einziger Fehler: Im ersten Satz hat er das D klein geschrieben, „weil da doch nach Kürbissuppe kein Punkt ist.“ Kluges Kerlchen! Von mir gabs ein Lob für das Erkennen der „Regel“ und die Erklärung zur Überschrift.

Zu Anfang der Schreiberei letztes Jahr hab ich ihm erklärt, dass man zwar viele Buchstaben hören kann und man also so schon schreiben lernt. Weil aba alle Leut nich jedes Word imma gans richtich sprechn unt man manches auch nur ganz schwer hört, hat man sich eine Schrift für alle ausgedacht und da gibt es dann verschiedene Regeln, mit denen man dann erkennen kann, wie mans „richtig“ schreibt.
Leider hapert es in der Schule ( Lehrplan) an der Vermittlung von Regeln. Das Einzige war letztes Jahr mal ein Übungsblatt zu der, die, das und der daraus folgenden Großschreibung. Derart unbeleckt bietet der obige Text Überraschung um Überraschung.
Und das ist, was mich ärgert: Denn aus solchen Überraschungen erwachsen Verunsicherungen.
WENN Kind dann trotz der „Husch, husch Vermittlung“ ( alles immer viel zu kurz und Durcheinander) tatsächlich Regelhaftes erkennt, kommt schon wieder irgendeine Irritationsaufgabe.
Diese waren im ersten Schuljahr so vielfältig, dass ich irgendwann meinem Sohn erklärte: „ Das machen die, um die Kinder aus zu tricksen. Da darf man nicht denken, dass man dumm ist oder nichts versteht, sondern dann muss man raus finden, was der Trick ist.“
Z.B.: letzte Woche:
Aufgabe: Verbessere! Finde zwei Lösungen

5 plus 6 = 11 7 plus 8 =13 9 plus 5 = 19

Wer da jetzt, was natürlich wäre, erst mal nur die erste Aufgabe anschaut, wird unglücklich werden und zweifelt, ob er richtig rechnen kann und was er denn nun überhaupt machen soll.

Sämtliche Pisastudien, gemacht zur „Irritation“ der geplagten Eltern, spiegeln das Ergebnis solcher Lehrmethoden und die Aufforderung das Kind zu „retten“.
Was IM SYSTEM nur schwer und ansatzweise geht, außer man macht sich zum Systemling und macht dann zusätzlich zu Hause Schulzimmerprogramm.
Da muss man Entscheidungen treffen mit allen Konsequenzen in DIESE oder eine ANDERE Richtung.

Mit freundlichen Grüßen, Sigrid

Ob Schulrat (!) Juergen Reichens "Lesen durch Schreiben" zur Reformpaedagogik gehoert, darf man bezweifeln ...

CrisisMaven ⌂ @, Freitag, 16.10.2015, 18:18 vor 3754 Tagen @ Hyperion 2521 Views

bearbeitet von unbekannt, Freitag, 16.10.2015, 19:07

... denn es waere leicht nachzuweisen, dass eine Methode, die wahrhaft reformpaedagogisch waere, es nicht in den staatlichen Schulalltag schaffen kann. Da ist im Zweifel zuviel Emanzipation "drin".

Fehlerfrei Lesen lernt man in einer Woche!

mein Kind wurde dieses Jahr eingeschult. Nun hat es sein Arbeitsheft (es handelt sich um "Bausteine" von Diesterweg) mitgebracht, mit der "Hausaufgabe", seinen Eltern das Vorwort zur Lektüre vorzulegen.

Das wird bei manchen Eltern heutzutage schwierig [[zwinker]] ...

Dort werden die Eltern beispielsweise aufgefordert, Schreibfehler des Kindes nicht zu korrigieren.

Nicht gaenzlich falsch, uebrigens. Aber aus einem anderen Grunde: denn dies verankert den Fehler zusaetzlich neuronal im Hirn des Kindes. Wer sein Kind beim Sprechen lernen dauernd korrigiert, statt diese anfaenglichen (!) Fehler zu ignorieren (! - sofern der Sinn klar ist, sonst nachfragen!), der/die erzieht sich nachweislich Kinder mit verzoegertem Mutterspracherwerb.

Da beim Sprechen zum Glueck Automatismen wirksam werden, die sich einer paedagogischen Einflussnahme von aussen so gut wie vollstaendig entziehen, korrigiert sich das aber dennoch mit der Zeit. (Nicht so [einfach] beim Schriftspracherwerb.)

"Korrigieren", aufgepasst, heisst: das Kind passt seinen Sprachgebrauch an den seiner Bezugspersonen an, wenn diese ihren Soziolekt ungezwungen sprechen. Sprechen diese Dialekt, so ist es der Dialekt, der perfekt beherrscht wird!

Wie man am Schwyzerduetsch schoen sieht, ist eine abweichende "Aussprache" nicht etwa ein Problem beim Schriftspracherwerb. Von den Eigenheiten der schweizer Sprache (und der Schweiz im allgemeinen) ganz abgesehen (selbiges gilt fuer Oesterreich oder die deutschsprachigen Enklaven in z.B. Belgien, Luxemburg, Kanada, USA, Afrika etc.). Sonst koennte kein Englaender je schreiben lernen, kaum ein Franzose oder Letzeburger, und ein Chinese oder Japaner schon gleich gar nicht ...

Wenn das Kind z.B. "ICH HAP OICH LIP" schreibt, soll man sich am Inhalt erfreuen und sich nicht über die Rechtschreibung aufregen.

Eigentlich richtig - bei einem Kind, das sich z.B. mit drei Jahren selbst das Schreiben beibringt (was ihm dann leider oft ausgeredet wird, mit dem Argument, dass das spaeter in der Schule stoeren wuerde - in der Tat stoert das, u.a. die Allmacht der staatlichen Lehrkraft!).

Aber man muss sich fragen, wenn man so argumentiert, ob man den Sinn des Schreibens verstanden hat. Ist es nicht sinnvoll, anzunehmen, dass die kognitive Entwicklungs-Reihenfolge beim Spracherwerb hin zur Sprachbeherrschung sein sollte:

A) Sprechen koennen,

B) Lesen koennen

und danach, als Letztes,

C) (richtig Recht-) Schreiben koennen???

Warum ist Reichen nicht den entscheidenden Schritt weiter gegangen und hat noch die Methode fuer Eltern Neugeborener entwickelt, die da hiesse "Sprechen durch Schreiben"???

Schliesslich ist die Koordination der Arm- und Fingermuskeln wesentlich leichter zu "begreifen" als das Erlernen der Glottiskoordination.

Aufgeregt habe ich mich dann aber doch: Allerdings nicht über die Fehler meines Kindes, sondern über die Rechtschreibfehler im Vorwort. Nur eine knappe Seite, trotzdem vier Fehler, die selbst ich nicht überlesen konnte.

Ja, saemtliche zur Verwendung an Schulen freigegebenen Buecher strotzen nur so von Fehlern. Fast keine Seite fehlerfrei und fast auf jeder dritten eine wissenschaftlich falsche, unhaltbare oder missverstaendliche Aussage. Und von wem wohl werden solche Buecher geschrieben???

Es ist mit erzieherischen Grundsaetzen nicht zu vereinbaren, sein Kind einer solchen Verbildungsumgebung auszusetzen, ja, wuerden die Jugendaemter genuegend Kapazitaeten haben, wuerden sie saemtlichen Eltern, die ihre Kinder an staatlichen Schulen unterrichten lassen, das Erziehungsrecht entziehen!

Aber nun denke ich mir: ist das vielleicht nur ein Test?

Ja, nennt man in der DV "Bananenprodukt", d.h. man hofft, da die bereits eine Elite unter den staatlichen Lehrkraeften darstellenden Verfasser solcher staatlich zugelassener Schullehrbuecher nicht fehlerfrei schreiben koennen (vom Denken ganz abgesehen), dass sich unter den Schul-Eltern ein paar noch finden moegen, die Rechtschreibung oder Prozentrechnung beherrschen.

Da es aber den Beruf des Schriftsetzers nicht mehr gibt, ist selbst das ein Vabanque-Spiel.

Gib' einen beliebigen Text an zehn Akademiker zur Korrektur und ... es kommen (in der Regel) mehr Fehler hinzu, als insgesamt gefunden werden.

Will die Lehrerin nur feststellen, welche Eltern entspannt über Fehler hinwegschauen können und welche Eltern die Erbsen zählenden Querulanten sind?

Hm, wenn eine Lehrkraft schon mit den ihr anvertrauten Kindern ueberlastet ist?

Und sind vielleicht statt vier Fehlern zehn Fehler im Text versteckt?

Siehe oben! [[freude]] Ich waere da vorsichtig.

Bin gespannt wie ein Flitzebogen, was da noch auf mich wartet.

Ein Kind, das nach seiner Pensionierung seine Liebe zur Literatur entdeckt und dann auch Orthographie erlernt, zumal sich bis dahin die Rechtschreibreform der Realitaet angepasst haben wird ...

Ich wuenschte, ich koennte mich auf einen Lebensabend freuen, in dem ich mal noch basale Kulturfaehigkeiten hinzugewinnen duerfte ...

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Um nicht alles wiederkaeuen zu muessen:

Zum Essenlernen durch Kacken

Zur Legathenie etc.

http://www.dasgelbeforum.net/forum_entry.php?id=201257

http://www.dasgelbeforum.net/forum_entry.php?id=201236

Zu Paedagogik und Didaktik im allgemeinen:

Den Lerneifer muss man erst separat ertoeten

Vor vielen Jahren haben die Niederlande festgestellt, dass Schueler zuhause besser lernen als in der Schule ...

Bildung im allgemeinen

Motivation und Lernerfolg

Bloss kein Hauptschulabschluss ... sonst keine Lehrstelle ...

Esspaesse nicht vergessen

Das Grundproblem ist, dass Reformpaedagogik immer schon die unglaublichsten Scharlatane anzog. Paederastie ist nur eine der Facetten.

Dass viele Reformpaedagogen ratlos sind, sieht man gut daran, dass Maria Montessori eine Paedagogik fuer's Kindergartenalter geschaffen hat (eine sehr gute, wenn man mal von der theosophisch belasteten "Kosmischen Erziehung" absieht), man aber jede Menge weiterfuehrende Schulen sieht, die meinen, mit Montessori werben zu muessen. Montessori geht aber im Wesentlichen nicht ueber den Schriftspracherwerb und das Rechnen hinaus.

Freinet wiederum ist keine Methode an sich, von der Schuldruckerei abgesehen, sondern lebt vom je eigenen Inhalt, den man entweder vor Ort und "in sich" hat ... oder eben nicht.

Und so koennte man vieles durchhecheln an Reformansaetzen (Steiner/Waldorf ist noch mal was ganz eigenes und keine Reformpaedagogik, im Uebrigen), aber das grundsaetzliche bleibt: entweder man stuetzt sich auf Neurologie und Entwicklungswissenschaft, oder man bleibt ein Scharlatan.

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Mit 40 DM pro Kopf begann die Marktwirtschaft, mit 400.000 Euro Schulden pro Kopf wird sie enden.
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