Yellen - "Zinswende noch dieses Jahr"

onycro @, Freitag, 25.09.2015, 10:31 vor 3777 Tagen 3095 Views

Sehr geschätzte Forumsteilnehmer,
Yanet Yellen hat auf einer Rede (24.09.2015 in Philip Gamble Memorial Lecture, University of Massachusetts, Amherst, Amhearst, Massachusetts) eine Stellungnahme zur künftigen Zinserhöhung getroffen. Sie sprach davon die Zinsen noch in diesem Jahr erhöhen zu wollen.

Dazu Original: "[...] it will likely be appropriate to raise the target range for the federal funds rate sometime later this year [...]"Quelle
Sinngemäß Deutsch: "Es wird wird es wahrscheinlich angemessen sein, den Leitzins irgendwann später dieses Jahr zu erhöhen."
So etwas ähnliches hat Sie übrigens schon am 10. Juli in Cleveland gesagt [Quelle].

Nun meine Frage an Euch: Ist diese Ankündigung ernst zu nehmen? Ist es wahrscheinlich das die Fed den Leitzins hebt? Mit welchen wirtschaftlichen bzw. börslichen Einflüssen kann man dadurch rechnen, wenn das Szenario eintreffen würde?

Beste Grüße
onycro

Sie sagte, es waere "angemessen" ...

CrisisMaven ⌂ @, Freitag, 25.09.2015, 10:33 vor 3777 Tagen @ onycro 2714 Views

... das heisst ja, gerade, dass sie es nicht machen will.

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Mit 40 DM pro Kopf begann die Marktwirtschaft, mit 400.000 Euro Schulden pro Kopf wird sie enden.
Atomkraft | in English

Sie will vielleicht, kann es aber wohl nicht. Die Welt ist eine Welt der intensiven wechselseitigen Abhängigkeiten geworden.

BillHicks ⌂ @, Wien, Freitag, 25.09.2015, 10:59 vor 3777 Tagen @ CrisisMaven 2462 Views

Hallo CM,

... das heisst ja, gerade, dass sie es nicht machen will.

sie will vielleicht, aber sie kann nicht (oder sie glaubt nicht zu können). Die FED hat zwar de jure nur ein Mandat für die US-Wirtschaft, muss sich faktisch aber mit der Lage der ganzen Welt auseinandersetzen, weil der Dollar-Geldmarkt die Finanzierungsquelle für (mehr oder weniger) die ganze Welt ist.

Aus dem jüngsten FOMC Bericht: “Recent global economic and financial developments may restrain economic activity somewhat and are likely to put further downward pressure on inflation in the near term.” (meine Hervorhebung)

Wie das mit dem jüngsten BIS quarterly review zusammenhängt, hier lang.

Beste Grüße

--
BillHicks

..realized that all matter is merely energy condensed to a slow vibration – that we are all one consciousness experiencing itself subjectively. There's no such thing as death, life is only a dream, and we're the imagination of ourselves.

Ich frage mich was ganz anderes noch ...

CrisisMaven ⌂ @, Freitag, 25.09.2015, 11:20 vor 3777 Tagen @ BillHicks 2801 Views

bearbeitet von unbekannt, Samstag, 26.09.2015, 18:49

Danke fuer den BIZ-Link!

Dass Zinsen die Waehrungskurse und -austauschverhaeltnisse beeinflussen, hat ja die Schweizer Nationalbank auch irgendwie bemerkt.

Was ich aber mit Erstaunen festzustellen meine, sind zwei Dinge:

a) von 5% auf 6% sind 20%, oder von 6% auf 5% 18% Schwankung

aber

b) von 0% auf 1% (und umgekehrt) weigert sich mein Taschenrechner zu rechnen. Aus dem Mathematik-Unterricht ahne ich, da war was ...

Das Problem, das Yellen mit ihrer zugegeben eingeschraenkten oekonomischen tertiaeren Bildung hat, die sie aber nur durch Durchlaufen der Primarschule und der Prozentrechnung sowie der Zinseszinsrechnung in der 5. oder 6. Klassenstufe erlangen konnte, ist, dass eine auch nur minimale Steigerung der Zinsen, eine Zinswende, zu einem Crash der bereits zuvor zu Niedrig- und Null-Zinsen begebenen Staatsanleihen fuehren muesste.

Dieser Crash ist zweierlei:

1) ganz normal sinken Festverzinsliche, wenn die Zinsen steigen, und zwar im Verhaeltnis zu ihrem absoluten Zins-Coupon wie hinsichtlich ihrer Restlaufzeit (nicht, dass ich dies einem Foristen erklaeren muesste, aber Mitlesern manchmal schon). Da Niedrigstzinsen dazu verleiten, Langlaeufer zu begeben, sinken diese umso mehr, reagieren aber auf auch geringe Zinserhoehungen umso empfindlicher.

2) Da aber solche Anleihen auch nur deshalb existieren, nicht, weil sie jemals zurueckgezahlt werden, sondern einzig und allein, weil sie durch Ausgabe jeweils neuer, meist hoeherer, Anleihen-Umfaenge ueberwaelzt werden, diese Ueberwaelzungen aber unmoeglich sind, wenn die wieder gestiegenen Zinsen Belastungen erfordern fuer den Zinsendienst, die eindeutig ueber der Leistungsfaehigkeit der begebenden Staaten liegen, wird es auch zu dieser Ueberwalzung von niedrigst zu "normal" verzinsten Anleihen nicht mehr kommen koennen.

Eigentlich kann die Fed, ebenso wie EZB und BoJ etc., nur noch "auf ewig" die Zinsen

I) da belassen, wo sie jetzt sind

II) ggf. sogar noch unter Null druecken

und

III) dazu parallel versuchen, das Bargeld abzuschaffen, da nur so II) durchfuehrbar ist.

Es ist wie mit einem Auto: der vorausschauende Fahrer tankt rechtzeitig, verliert dadurch aber Zeit. Andere Fahrer koennen etwas schneller etwas weiter fahren, bleiben dann aber unwiderruflich auf der Strecke liegen.

Danach ist Zu-Fuss-Gehen angesagt. Zu-Fuss-Gehen ist fuer Automobilisten das Aequivalent von Tauschwirtschaft fuer Geld-Oekonomen.

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Mit 40 DM pro Kopf begann die Marktwirtschaft, mit 400.000 Euro Schulden pro Kopf wird sie enden.
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ZeroHedge: "Why US Rates Can Never Rise: In 1 Awkward Chart" - warum die US-Zinsen nie wieder steigen koennen ...

CrisisMaven ⌂ @, Samstag, 26.09.2015, 18:48 vor 3775 Tagen @ CrisisMaven 2070 Views

bearbeitet von unbekannt, Samstag, 26.09.2015, 18:51

b) von 0% auf 1% (und umgekehrt) weigert sich mein Taschenrechner zu rechnen. Aus dem Mathematik-Unterricht ahne ich, da war was ...

Why US Rates Can Never Rise: In 1 Awkward Chart

Siehe Infografik "United Nations of Debt"

"... the US is second only to Japan on the list of countries with the worst debt to central government revenue ratios."

(Die USA haben nach Japan das schlechteste Verhaeltnis von Schulden zu Einnahmen.)

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Das Pulver ist nun verschossen, wieder einmal .. (edit.)

Beo2 @, NRW Witten, Freitag, 25.09.2015, 12:13 vor 3777 Tagen @ BillHicks 2681 Views

bearbeitet von unbekannt, Freitag, 25.09.2015, 12:22

Sie will vielleicht, kann es aber wohl nicht. Die Welt ist eine Welt der intensiven wechselseitigen Abhängigkeiten geworden.

... das heisst ja, gerade, dass sie es nicht machen will.

sie will vielleicht, aber sie kann nicht (oder sie glaubt nicht zu können).

Richtig .. sie kann es nicht, ohne die Realwirtschaft (insbesondere im Inland) abzuwürgen. Nicht nur kann sie nicht den Leitzins erhöhen, sie kann auch nicht die ständige, überproportionale Ausweitung der Geldmenge (M1), das QE, beenden .. überproportional zum (ausbleibenden) BIP-Wachstum. Das wäre gleich der Beginn einer Rezession. Die westlichen Realwirtschaften befinden sich ohnehin schon seit Jahrzehnten tendenziell in einer Rezession, d.h. in stetig sinkenden Wachstumsraten und stetig sinkender Inflation (was einer tendenziellen Deflation gleichkommt), welche nur mit ständiger überproportionaler Ausweitung der Geldmenge durch Senkung des Leitzinses gebremst, aber nicht aufgehalten oder gar "umgedreht" wird.

Und sie kann es schon seit langer Zeit nicht:
https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/7/7f/Leitzinsen.png

Diese Graphik gibt sehr schön einen "durchschnittlichen Lebenszyklus" des heutigen Wirtschaftssystems wider, welches ein "immer wiederkehrendes" ist bzw. war. Dieser Zyklus beträgt im günstigsten Fall etwa 3 Generationen.

Nun ist das Pulver verschossen; ein Leitzins tiefer als Null geht nicht. Nun helfen nur noch negative, immer weiter sinkende Guthabenzinsen oder aber das Hubschrauber-Geld (ohne Leitzins). Dies alles trifft übrigens nicht nur auf die FED zu, sondern auch auf die EZB und alle anderen "mächtigen" Zentralbanken (außer vielleicht der in Russland).

Die Gründe dafür sind sehr wohl nachvollziehbar .. allerdings ein anderes, ziemlich großes Thema. Nur so viel an dieser Stelle: Geld- und "die übrige" Wirtschaftspolitik sind quasi naturgesetzlich und untrennbar miteinander verbunden und gehören deshalb in eine Hand .. am besten gleich in die Hand des "angeblichen Souveräns".

Geldpolitik ist untrennbar ein Teil der Wirtschaftspolitik und hat Auswirkungen bis in alle Ecken und Winkeln der Wirtschaft, des politischen Systems und der Bürgergesellschaft. Geld- und (die übrige) Wirtschaftspolitik MÜSSEN eng, um nicht zu sagen: aufs engste!, aufeinander bezogen und miteinander koordiniert sein. Das erfordert allerdings ein ganz anderes Lenkungs- und Politiksystem sowie andere gesetzliche Rahmenbedingungen bzw. Grundlagen.

Die restlichen Tage dieses Systems, welches auch schon (trotz regelmäßig auftretenden Kollapses), sehr sehr alt ist, sind nun (wieder einmal) leicht absehbar.

Gruß, Beo2

Ich bin gegen Geld- und Wirtschaftspolitik ...

CrisisMaven ⌂ @, Freitag, 25.09.2015, 12:35 vor 3777 Tagen @ Beo2 2380 Views

Geldpolitik ist untrennbar ein Teil der Wirtschaftspolitik und hat Auswirkungen bis in alle Ecken und Winkeln der Wirtschaft, des politischen Systems und der Bürgergesellschaft. Geld- und (die übrige) Wirtschaftspolitik MÜSSEN eng, um nicht zu sagen: aufs engste!, aufeinander bezogen und miteinander koordiniert sein. Das erfordert allerdings ein ganz anderes Lenkungs- und Politiksystem sowie andere gesetzliche Rahmenbedingungen bzw. Grundlagen.

... und zwar aus den von @BillHicks vor langem schon gegebenen Gruenden.

Aber wir werden das loesen, sobald die Thermodynamik unter Kontrolle des Souveraens gestellt wurde ...

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Krasse Verwechslung des Themas! (edit.)

Beo2 @, NRW Witten, Freitag, 25.09.2015, 12:46 vor 3777 Tagen @ CrisisMaven 2307 Views

bearbeitet von unbekannt, Freitag, 25.09.2015, 12:59

Aber wir werden das loesen, sobald die Thermodynamik unter Kontrolle des Souveraens gestellt wurde ...

So kommt es halt immer, wenn sich Fachidioten bei Themen, von denen sie nichts verstehen, zu Wort melden. Falls Du es immer noch nicht bemerkt hast: Das Thema war gerade VOLKS'WIRTSCHAFT!
Und übrigens, VOLK in dem Begriff Volkswirtschaft bedeutet: der Souverän.

Sicher alles spanische Dörfer für Dich! In der Sache kannst Du offensichtlich nichts beitragen.

Gruß, Beo2

Genau das meinte ich doch!

CrisisMaven ⌂ @, Freitag, 25.09.2015, 13:14 vor 3777 Tagen @ Beo2 2219 Views

So kommt es halt immer, wenn sich Fachidioten bei Themen, von denen sie nichts verstehen, zu Wort melden.

Die Thematik versteht halt nicht jeder.

Wobei ich jetzt nicht gar so weit gegangen waere, die Vorsilbe "Fach-" zu verwenden.

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Nachtrag ...

Beo2 @, NRW Witten, Freitag, 25.09.2015, 19:00 vor 3776 Tagen @ Beo2 2071 Views

bearbeitet von unbekannt, Freitag, 25.09.2015, 19:27

Sie will vielleicht, kann es aber wohl nicht. Die Welt ist eine Welt der intensiven wechselseitigen Abhängigkeiten geworden.

Diese Abhängigkeiten sind nicht "geworden", sondern dem Wirtschaften mittels Geld schlichtweg immanent, vom Anbeginn an.

... das heisst ja, gerade, dass sie es nicht machen will.

sie will vielleicht, aber sie kann nicht (oder sie glaubt nicht zu können).

Und sie kann es schon seit langer Zeit nicht:

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/7/7f/Leitzinsen.png

Diese Graphik gibt sehr schön einen "durchschnittlichen Lebenszyklus" des heutigen Wirtschaftssystems wider, welches ein "immer wiederkehrendes" ist bzw. war. Dieser Zyklus beträgt im günstigsten Fall etwa 3 Generationen.

Zu beachten wäre allerdings noch, dass die Fallhöhe, aus der das System immer wieder herunter krachte, m.M.n. immer größer wurde .. abzulesen an der Anzahl der Toten. Das bedeutet, dass wir uns auch diesmal "auf einiges" (fast Unvollstellbare) gefasst machen sollten.
Wenn nämlich das heutige System kollabiert, begräbt es unter sich nicht nur eine riesige Anzahl von Menschen, sondern die heutige Zivilisation schlechthin, wie wir sie noch kennen.

Die Natur und die Erde wird gewiss ihren Senf bzw. Haufen noch oben drauftun. Der überlebende Rest der Menschheit wird wieder gaaanz von vorne anfangen müssen .. möglicherweise sogar mit der Steinzeit. Das wäre der Beginn eines viel größeren, übergeordneten Zyklus.

Gruß, Beo2

Am Ende stand sie vor dem Zusammenbruch und wurde von Rettungssanitätern betreut

Jermak @, Freitag, 25.09.2015, 12:56 vor 3777 Tagen @ onycro 2605 Views

bearbeitet von unbekannt, Freitag, 25.09.2015, 13:26

"Near the end of her remarks, Yellen faltered, losing her place and pausing several times before finishing. In a statement, the Fed said that the Fed Chairwoman was seen by EMT staff when she left the stage.
“Chair Yellen felt dehydrated at the end of a long speech under bright lights,” a Fed spokesman said.
“As a precaution, she was seen by EMT staff on-site at U-Mass Amhert. She felt fine afterward and has continued with her schedule Thursday evening,” the spokesman said."

Das wäre dem alten Greenspan nie passiert ...


Klar, hat nichts mit möglicher FED-Entscheidung zu tun. Oder vielleicht doch ein Omen, daß sie zum n-ten Mal umfallen wird? Im übertragenen Sinn .....

Bericht von Marketwatch

Angeblich dehydriert

Rybezahl, Freitag, 25.09.2015, 16:46 vor 3776 Tagen @ Jermak 2167 Views

Nur im ausreichend hydrierten Zustand kann der Gastgeber, Redner oder Lehrer auch die nötige Konzentration aufbringen, die wesentlichen Dinge der Wirtschaft zu vermitteln:

https://www.youtube.com/watch?v=vFnpZm5vESQ
(Jean Claude Juncker; 01:15 Min.)

--
Dieses Schreiben wurde elektronisch erstellt und enthält deshalb keine Unterschrift.

Auf der anderen Seite beklagt sie, dass man die Zinsen nicht weit ins Negative druecken kann

CalBaer @, Freitag, 25.09.2015, 17:55 vor 3776 Tagen @ onycro 2110 Views

... wegen dem Bargeld. Also wenn sie die Zinsen erhoehen will, wieso plagt sie dann dieses "serious problem"?

But the federal funds rate and other nominal interest rates cannot go much below zero, since holding cash is always an alternative to investing in securities...
This limitation is a potentially serious problem because severe downturns such as the Great Recession may require pushing real interest rates far below zero for an extended period to restore full employment at a satisfactory pace

http://www.federalreserve.gov/newsevents/speech/yellen20150924a.htm

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