OT: Mit Blick auf Samarkand - Eine Metapher?

Leserzuschrift, Dienstag, 22.09.2015, 17:32 (vor 3777 Tagen)1764 Views

Werte Forengemeinde,

zu der ich mich als jahrelanger Leser zähle, ich möchte hier auf den
Autor Matthias Politycki und dessen 2013 erschienenes Buch „Samarkand“ aufmerksam
machen.
Dies ist nicht nur ein literarischer Abenteuerroman, der Autor verfügt m. E. nach über
profundes geopolitisches Wissen, worauf er seine Phantasien gründet, sondern auch ein
Szenario, welches aus den momentan immer chaotischeren Geschehnissen resultieren könnte. Das war für mich vor zwei Jahren so noch nicht denkbar!

Seit einem Jahr habe ich immer wieder den Impuls im Gelben auf diese Erzählung aufmerksam zu machen, aber erst jetzt im Zuge der vermutlich anstehenden tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderungen in Deutschland und Europa konnte ich mich überwinden einige markante Stellen aus dem Buch hier zu zitieren.
Nehmt es als Leseproben und, wo es in Resonanz geht, lasse man sich in die Atmosphäre einer auch laut Brzezinski (USA-Die einzige Weltmacht) wichtigsten geostrategischen Regionen entführen.
Sowohl die eindrücklichen Beschreibungen der dortigen Landschaften, der etwas mystische Beigeschmack des Handlungsstrangs, als auch der futuristische Abriss geopolitischer Entwicklung, in der die USA sich letztlich zu einem kleinen Karibikstaat degradiert hat, haben mich inspirierend unterhalten.

Gute „Unterhaltung“!

Robert


„Irgendwann während der Neujahrsnacht 26/27 war es auch im Hamburger Schanzenviertel
richtig losgegangen...“

„Es war wahr, Kaufner konnte es bestätigen. Vor wenigen Tagen hatten sie offizielle Hilfe von der Türkei angefordert, es war lediglich eine Frage der Zeit, bis reguläre Truppen einmarschieren würden. Zum Wohle Deutschlands, versicherte Kaufner, höchstoffiziell herbeigerufen von Bundeskanzler Yalcin.
Ob die Türkei auch gegen ihre Glaubensbrüder in Stellung gehen würden, die in Frankreich vorrückten?“
„...angeblich war Paris bereits gefallen, der Kalif habe Europa von der iberischen Halbinsel bis zur Seine befreit. Befreit! Der Taxifahrer machte keinen Hehl daraus, dass ihm das gefiel, er war Usbeke, also kein Freund der Türken: Die hätten sich seit eh und je als Herrenrasse aufgeführt unter den Turkvölkern, keiner diesseits der Roten Wüste wolle mit ihnen gemeinsame Sache machen.“

„Es wurde immer komplizierter. Bald würde man gar nicht mehr wissen, wer genau wo gegen wen kämpfte. Weil ihn der Taxifahrer in seiner Siegessicherheit ärgerte- was bildete er sich ein, Usbekistan war doch mit dem Westen verbündet! Und nicht etwa mit dem Kalifen!- eröffnete ihm Kaufner, daß der Angriff der Russen mittlerweile an allen Abschnitten der Front zurückgeschlagen und auch in Hamburg wieder die alte Demarkationslinie an der Alster erreicht wurde. Das nämlich war der letzte Stand der Kriegshandlungen gewesen, bevor er sich in sein neues Einsatzgebiet abgesetzt hatte.“

„...noch nie habe sie einen Deutschen kennengelernt, ihr Bruder habe ihr erzählt, daß es bald keine mehr geben werde, warum Kaufner nichts erzähle? Von seiner Heimat, da sei doch schon so lange Krieg.
Heimat? Das Wort hatte Kaufner in den letzten Jahren nur noch von Fundamentalisten, gleich welcher Provenienz, gehört.“

„Wie der Krieg „und all das“ in Deutshland überhaupt losgegangen sei?
Noch in der Wahlnacht war es losgegangen, das stand fest, selbst wenn sich Kaufner, wie er jetzt merkte, nicht mehr so genau an Einzelheiten erinnerte. Die Nationale Einheitsfront und die rußlanddeutsche Wahrheit, natürlich auch die Partei der Bibelfesten, die Freistaatlichen und wie sie alle hießen, deren Anhänger sich da blitzschnell zusammenrotteten, sie hatten einen Bundeskanzler Yalcin nicht hinnehemen wollen.“

„...vor allem in den Südstaaten der EU, überall nach demselben Muster, als hätten Millionen von Schläfern nur auf das Zeichen gewartet, das sie in Marsch setzte: von der Stiefelspitze Italiens aus, den Klein- und Kleinststaaten des Balkans, der iberischen Halbinsel, und immer nach Norden, in die Mitte Europas. Waren das überhaupt noch Anhänger irgendwelcher Parteien gewesen, Mitglieder irgendwelcher Gruppierungen? Oder vielmehr die versammelten Verdammten der Zeitläufe, die sich nun überall „gegen das System“ erhoben, wie man es bei Radio Freies Europa hörte? Ein Volks- und Völkeraufstand, der sich rasend schnell zur Völkerwanderung entwickelt hatte.“

„... er habe im ersten Moment gedacht es wäre die NATO. Da wäre die Sache anders gelaufen.
Die NATO? Hier? (Samarkand)
Eine ganze Kompanie, die man einfach vergessen habe, lachte der Verwandte des Verwandten: ein letztes Überbleibsel vom Krieg gegen den Iran....“

„Wer denn die NATO mittlerweile befehlige, seitdem sich die USA aus dem Bündnis zurückgezogen hatten? Machte der Verwandte einen Witz: Noch Brüssel? Oder schon der Kalif?“

„...zwischendurch ein Video von der Westfront, angeblich wurde es schon seit Wochen gezeigt: Trier gefallen, Saarbrücken gefallen, Straßburg gefallen. Der Kalif stand am Rhein, tatsächlich. Am anderen Ufer die türkische Armee, von Verbänden der Bundeswehr logistisch unterstütz. Der Kommentator sprach von der alten Siegfriedlinie, auf der sich die Türken rechtsrheineisch verschanzt hätten, sie heißt jetzt Atatürklinie. Erstaunlicherweis setze der Kalif nicht über, blase nicht zum Generalangriff. Ob er die Türken erst einmal in Kleinasien angreifen wolle?“


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