ARD/Das Letzte zur Lage in Portugal: Die Doofen in der "Ersten Reihe" merkeln doch nix...

Reffke @, Freitag, 14.08.2015, 14:11 vor 3814 Tagen 5759 Views

bearbeitet von unbekannt, Freitag, 14.08.2015, 14:31

Die Börsenexperten der ARD, das sich neuerdings "Das Erste" nennt, haben gerade einen Propaganda-Artikel zur Lage in Portugal online: unter "Anlagestrategie" [[zwinker]]
Portugal lässt die Krise hinter sich
Der europäische Musterschüler

Ein kleiner, nicht unbedeutender Absatz zum Schluß lautet:
Ein Problem bleibt die hohe Verschuldung des Landes. Die Staatsschuld kletterte von 111 auf rund 130 Prozent des BIP und ist eine der höchsten in Europa. Nur Griechenland ist noch höher verschuldet.

Die Ratingagentur S&P bemängelt die nach wie vor hohe Arbeitslosenquote von 13 Prozent. Die Quote wäre wohl noch höher, würden nicht so viele junge Portugiesen ins Ausland, am liebsten nach Deutschland, abwandern, um dort Arbeit zu finden.
... achso [[zwinker]]
Dagegen sahen sich die Kollegen vom Magazin "Plusminus" gezwungen, das €U-Konfetti (Direktive von "ganz oben"!?) diskret wieder einzusammeln:
Aufschwung in Portugal?
In deutschen Talkshows muss Portugal häufig als Gegenbeispiel für Griechenland herhalten. Dort gehe es deutlich aufwärts, weil man die Vorgaben der Troika umgesetzt habe. Aber stimmt das wirklich?
O-Ton:
»Es gibt keine Arbeit, weder für mich noch für Andere.«
»Meine Frau ist arbeitslos und ich arbeite nur ein paar Stunden.«
»Meine Rente reicht hinten und vorne nicht. Ich kann weder Miete noch Essen bezahlen.«
Der Chef des Bundeskanzleramtes, Peter Altmaier, ist überzeugt:
»Dass wir heute überall in Europa Wachstum haben, mit Ausnahme von Griechenland, auch in Portugal, Spanien, Irland, ist ein Beweis dafür, dass die Strategie richtig war.«
http://www.daserste.de/information/wirtschaft-boerse/plusminus/sendung/12082015-plusmin...

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Die Lüge ist wahrer als die Wahrheit, weil die Wahrheit so verlogen ist. André Heller
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==> Fundgrube zur Lage: www.paulcraigroberts.org

Ein persönl. voreingenommener Eindruck

Dieter, Freitag, 14.08.2015, 18:21 vor 3814 Tagen @ Reffke 4388 Views

bearbeitet von Dieter, Freitag, 14.08.2015, 18:30

Hallo,
mein pers. Eindruck zur Lage des sehr ländlichen Portugals im Alto Alentejo (die Situation in den Städten oder anderen Regionen Portugals kenne ich nicht)
ist nach wie vor folgender:

Industrie gab es schon immer wenig, und wenn, dann meist Zulieferer, die vor Jahren aufgrund der noch günstigeren Lohnkosten nach Osteuropa gezogen sind.

Insofern hat die Region eher eine generelle Strukturkrise, die eigentlich für alle recht erträglich ist, solange sie sich nicht in finanzielle Wagnisse gestürzt hatten (billiges Geld mit der Euro-Einführung) und mal schnell einen Neubau finanziert haben oder ihre Mobilität verbessert haben.

Ohnehin ist der Bestand an Fahrzeugen in Portugal pro Person höher als in Deutschland und Altfahrzeuge sieht man dort auch nicht, und das trotz der immens hohen KFZ-Einfuhrsteuern, die jedes Auto zum Luxusgut erklärt.

Die Menschen klagen, daß alles teurer geworden ist. Die vielen Arbeitslosen schlagen sich mit "privaten" Jobs durch, verdienen dabei sicher nicht schlechter (bzw. genauso wenig) als im Angestelltenverhältnis. Die Arbeitnehmerrechte gegenüber dem Arbeitgeber sind stärker als z.B. in Deutschland. Insofern besteht auch eher eine Neigung zur Schwarzarbeit bzw. verhaltener Neueinstellung.

Auf dem Land im Verbund mit Familie, Haus/Wohnungseigentum, Garten kommt man sicherlich zurecht, auch als Rentner (ca. 350 Euro Durchschnittsrente), problematisch wird es allerdings, wenn viel Krankheit hinzukommt, da vieles aus eigener Tasche bezahlt werden muß.

Berufs-Chancen sind auf dem Land mäßig, etwas Handwerk, Waldwirtschaft, Transport und Logistik, Korkindustrie, Landwirtschaft, Weinbau u. a., etwas Tourismus.
Allerdings merke ich auch, daß einiges im Aufbruch ist. - (und nur mal so am Rande erwähnt) wer sich für moderne, kreative Architektur interessiert, der findet sicher mehr gute Objekte in Portugal als in Deutschland (es gibt ja auch prozentual mehr Reiche).

Ich kenne etliche Portugiesen, deren Angehörige z.T. im Ausland arbeiten, aber nicht erst seit der Krise, sondern eher schon seit Jahrzehnten, meist in Frankreich, Lux. z.T. Deutschland. Die Menschen sind eigentlich sehr heimatverbunden und sehen neben den vielen wirtschaftlichen Problemen auch durchaus die Vorteile ihres Landes (Landschaft, Familie, Wetter, intakte Ökologie und sehr gute Grundnahrungsmittel), was den Entschluß, aus wirtschaftl. Gründen auszureisen, natürlich hemmt.
Aufgrund der nicht vorhandenen Fremdsprachenkenntnisse werden dann natürlich portug. sprechende Länder bevorzugt, also z.B. Angola, Brasilien, Mozambique, Frankreich auch, da franz. früher zumindest 1. Fremdsprache auf den Schulen war, und für ein Portugiesen sicher leichter zu lernen ist als germ. Sprachen.

Nach meinem pers. Eindruck, der keinesfalls repräsentativ ist, hat man es mit weitaus weniger Bestimmungen und Bürokratie in Portug. zu tun, auch wenn diese falls notwendig recht nervig sein kann. Insgesamt kommt es mir so vor, als wäre man freier als z.B. in Deutschland.

Portugals große Resource ist eigentlich Landschaft, Boden und Klima und diesbezüglich hat sich die Wettbewerbsfähigkeit des Landes auch stark verbessert. Oft fehlte nur das Marketing, also umgekehrt z.B. zu den franz. landw. Produkten, die meistens ein deutlich besseres Marketing als Qualität haben. Hier würde ich die portug. Verhältnisse umgekehrt beurteilen.
Insofern könnte es auch eine hervorragende Investition sein in portug. Rotweine zu investieren statt seine Knete am Aktienmarkt zu streuen.

Auch ist anzumerken, daß Portugal im letzten Jahr den höchsten jemals gemessenen Exportwert erreichte. Traurig dagegen auch die Tatsache, daß Portugal sich nicht selbst ernährt (Lebensmittelimporte), vielleicht aufgrund der sehr hohen Wald- und Brachflächen im Verbund mit Landflucht.

Ich bin natürlich voreingenommen in meiner Beurteilung, schließlich genieße ich das Land für etliche Monate im Jahr und brauche dort nicht mein Geld verdienen.
Aufgrund der Einkommensteuer-Tabelle Portugals wäre es auch unzweckmäßig dort meinen 1. Wohnsitz zu haben, da bleibe ich lieber dort veranlagt, wo ich auch steuerlich ausgebildet wurde.
Allerdings als ich die baulichen und steuerlichen Hürden Spaniens (Malle) vor ein paar Tagen gelesen hatte, dachte ich so bei mir: Gut, daß ich dort nicht gelandet bin.

Noch etwas: Die Portugiesen vergleichen in ihrer Presse recht oft ihre Verhältnisse mit denen von Spanien oder Griechenland. Sie sind davon überzeugt, daß sie besser sind. - abgesehen davon halte ich sie auch für recht leidensfähig und es kommen auf sie so gut wie keine Kosten für Migration hinzu, wie in etlichen anderen Ländern.
Langfristig sind deren Folgekosten z.B. für Deutschland kaum kalkulierbar. Dafür scheint sich einiges im Bildungssektor Portugals zum Besseren zu wenden.

- und zu guter Letzt: Die Immo-Preise für Lissabon halte ich immer noch für sehr niedrig.

- und ob Portugal die Kurve kriegt, halte ich nicht für wichtig. Schließlich dürften alle europ. Länder einschl. der BRD im Laufe der Zeit abkacken.

Da finde ich andere Aspekte bedeutungsvoller.

Die Sparmaßnahmen, die die Mitte-Rechts-Regierung den Bürgern auferlegt hat, halte ich auch für gerechtfertigt. Gerade die jüngere portug. Generation war doch allzu bereit dem billigen nachgeschmissenem Geld Wünsche folgen zu lassen. Da tut Mäßigung und Anerkennung von Realitäten ganz gut - auch wenn Südeuropäer das irgendwie anders sehen oder ist es eher eine Frage der Generation und polit. Grundüberzeugung?

Gruß Dieter

Wie sieht es mit Selbstversorgern aus? PS

Reffke @, Freitag, 14.08.2015, 18:47 vor 3814 Tagen @ Dieter 3552 Views

bearbeitet von unbekannt, Freitag, 14.08.2015, 19:00

Danke für ausführlichen Impressionen!
Wie sieht es denn mit Selbstversorgern aus?
Das federt ja sehr oft erheblich ab.
Viele müßten doch Pendler vom Lande/Küste sein oder haben sicherlich Verwandtschaft auf dem Lande/Küste oder?
Haben die Städter auch Schrebergärten?
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PS: schöne Übersicht, aber Portugal ist nicht dabei.
https://de.wikipedia.org/wiki/Kleingarten#Schreberg.C3.A4rten

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Selbstversorgung

Dieter, Freitag, 14.08.2015, 22:19 vor 3814 Tagen @ Reffke 3516 Views

Wie sieht es denn mit Selbstversorgern aus?
Das federt ja sehr oft erheblich ab.
Viele müßten doch Pendler vom Lande/Küste sein oder haben sicherlich
Verwandtschaft auf dem Lande/Küste oder?

Die Region, von der ich schilderte, ist gut 100km von Lissabon entfernt, es besteht eine Schnellbusverbindung mehrmals täglich in beide Richtungen, sodaß auch Personen der Gegend ohne Mobilität innerhalb von 2 Stunden an jedem beliebigen Ort Lissabons sein können. Es führt dazu, daß viele in Lissabon ihr Geschäft oder Arbeitsstelle haben, dort ne Mietwohnung und am Wochenende sich im Kreis der Familie am alten Eigenheim (meist älteres einfaches Haus) treffen und leben. Zu so einem Haus gehört natürlich auch ein Garten, ein Nutzgarten. Die Grundstücksgrößen sind meist mehr als ausreichend, sodaß nur so viel genutzt wird, wie benötigt wird. Geerntet werden kann praktisch 12 Monate im Jahr, zumindest solange im Sommer Pumpen Brunnenwasser fördern.

Diejenigen, die täglich vor Ort sind haben meist auch Tiere, also ggf. ein/zwei Schweine, Hühner, Enten. Dazu Hunde, die die Gemüse- und Obstflächen vor Wildschweinen, oder Hühner vor Füchsen, Mardern, z.T. auch Greifvögeln schützen sollen.

Ansonsten gehe ich davon aus, daß in der Mehrzahl der ländlichen Haushalte mind. eine Waffe und ne Angel vorhanden sind. Jagen und Angeln ist frei. Beim Jagen werden jährlich Schutzgebiete ausgewiesen, in denen nicht gejagt werden darf. Wildschwein-Treibjagd ist eher eine Veranstaltung der Dorfgemeinschaft. Die vielen Flüsse und Stauseen sind sehr fischreich, und mit einer minimalen Jahresgebühr kann jeder im ganzen Land so viel angeln wie er möchte. So etwas wie einen Angelschein gibt es nicht - und an der Küste darf ohnehin jeder angeln.

Viele machen nebenbei ihren Wein selbst und destillieren die Gartenreste zu Stärkerem, und von der Menge her meist für die Großfamilie. Der Feigenschnaps meiner Nachbarn ist z.B. ausgesprochen lecker. Viele haben Olivenbäume, die zumindest die Menge eines Jahresbedarfs an Öl abdecken. Obst fällt oft achtlos auf den Boden, weil mehr vorhanden ist, als die Großfamilie benötigt.

Problematisch ist es auf dem Land eher in Bezug auf ärztliche Versorgung. Der Weg zu den Krankenhäusern ist weit, gute ärztliche Versorgung manchmal nur mit Barem zu erreichen. Vom Staat angestellte Ärzte bekommen nur Zeitverträge. - Also das Gesundheitssystem ist beschissen, zumindest für den armen Teil der Bevölkerung.

In den Städten, bei Bevölkerungsteilen ohne familiären Anhang auf dem Lande, stelle ich mir die Situation weitaus dramatischer vor. Hier wird es oftmals echte Härten und Verzweiflung geben.

So sind meine Eindrücke innerhalb meines mir bekannten Umfeldes.

Gruß Dieter

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