Hallo,
mein pers. Eindruck zur Lage des sehr ländlichen Portugals im Alto Alentejo (die Situation in den Städten oder anderen Regionen Portugals kenne ich nicht)
ist nach wie vor folgender:
Industrie gab es schon immer wenig, und wenn, dann meist Zulieferer, die vor Jahren aufgrund der noch günstigeren Lohnkosten nach Osteuropa gezogen sind.
Insofern hat die Region eher eine generelle Strukturkrise, die eigentlich für alle recht erträglich ist, solange sie sich nicht in finanzielle Wagnisse gestürzt hatten (billiges Geld mit der Euro-Einführung) und mal schnell einen Neubau finanziert haben oder ihre Mobilität verbessert haben.
Ohnehin ist der Bestand an Fahrzeugen in Portugal pro Person höher als in Deutschland und Altfahrzeuge sieht man dort auch nicht, und das trotz der immens hohen KFZ-Einfuhrsteuern, die jedes Auto zum Luxusgut erklärt.
Die Menschen klagen, daß alles teurer geworden ist. Die vielen Arbeitslosen schlagen sich mit "privaten" Jobs durch, verdienen dabei sicher nicht schlechter (bzw. genauso wenig) als im Angestelltenverhältnis. Die Arbeitnehmerrechte gegenüber dem Arbeitgeber sind stärker als z.B. in Deutschland. Insofern besteht auch eher eine Neigung zur Schwarzarbeit bzw. verhaltener Neueinstellung.
Auf dem Land im Verbund mit Familie, Haus/Wohnungseigentum, Garten kommt man sicherlich zurecht, auch als Rentner (ca. 350 Euro Durchschnittsrente), problematisch wird es allerdings, wenn viel Krankheit hinzukommt, da vieles aus eigener Tasche bezahlt werden muß.
Berufs-Chancen sind auf dem Land mäßig, etwas Handwerk, Waldwirtschaft, Transport und Logistik, Korkindustrie, Landwirtschaft, Weinbau u. a., etwas Tourismus.
Allerdings merke ich auch, daß einiges im Aufbruch ist. - (und nur mal so am Rande erwähnt) wer sich für moderne, kreative Architektur interessiert, der findet sicher mehr gute Objekte in Portugal als in Deutschland (es gibt ja auch prozentual mehr Reiche).
Ich kenne etliche Portugiesen, deren Angehörige z.T. im Ausland arbeiten, aber nicht erst seit der Krise, sondern eher schon seit Jahrzehnten, meist in Frankreich, Lux. z.T. Deutschland. Die Menschen sind eigentlich sehr heimatverbunden und sehen neben den vielen wirtschaftlichen Problemen auch durchaus die Vorteile ihres Landes (Landschaft, Familie, Wetter, intakte Ökologie und sehr gute Grundnahrungsmittel), was den Entschluß, aus wirtschaftl. Gründen auszureisen, natürlich hemmt.
Aufgrund der nicht vorhandenen Fremdsprachenkenntnisse werden dann natürlich portug. sprechende Länder bevorzugt, also z.B. Angola, Brasilien, Mozambique, Frankreich auch, da franz. früher zumindest 1. Fremdsprache auf den Schulen war, und für ein Portugiesen sicher leichter zu lernen ist als germ. Sprachen.
Nach meinem pers. Eindruck, der keinesfalls repräsentativ ist, hat man es mit weitaus weniger Bestimmungen und Bürokratie in Portug. zu tun, auch wenn diese falls notwendig recht nervig sein kann. Insgesamt kommt es mir so vor, als wäre man freier als z.B. in Deutschland.
Portugals große Resource ist eigentlich Landschaft, Boden und Klima und diesbezüglich hat sich die Wettbewerbsfähigkeit des Landes auch stark verbessert. Oft fehlte nur das Marketing, also umgekehrt z.B. zu den franz. landw. Produkten, die meistens ein deutlich besseres Marketing als Qualität haben. Hier würde ich die portug. Verhältnisse umgekehrt beurteilen.
Insofern könnte es auch eine hervorragende Investition sein in portug. Rotweine zu investieren statt seine Knete am Aktienmarkt zu streuen.
Auch ist anzumerken, daß Portugal im letzten Jahr den höchsten jemals gemessenen Exportwert erreichte. Traurig dagegen auch die Tatsache, daß Portugal sich nicht selbst ernährt (Lebensmittelimporte), vielleicht aufgrund der sehr hohen Wald- und Brachflächen im Verbund mit Landflucht.
Ich bin natürlich voreingenommen in meiner Beurteilung, schließlich genieße ich das Land für etliche Monate im Jahr und brauche dort nicht mein Geld verdienen.
Aufgrund der Einkommensteuer-Tabelle Portugals wäre es auch unzweckmäßig dort meinen 1. Wohnsitz zu haben, da bleibe ich lieber dort veranlagt, wo ich auch steuerlich ausgebildet wurde.
Allerdings als ich die baulichen und steuerlichen Hürden Spaniens (Malle) vor ein paar Tagen gelesen hatte, dachte ich so bei mir: Gut, daß ich dort nicht gelandet bin.
Noch etwas: Die Portugiesen vergleichen in ihrer Presse recht oft ihre Verhältnisse mit denen von Spanien oder Griechenland. Sie sind davon überzeugt, daß sie besser sind. - abgesehen davon halte ich sie auch für recht leidensfähig und es kommen auf sie so gut wie keine Kosten für Migration hinzu, wie in etlichen anderen Ländern.
Langfristig sind deren Folgekosten z.B. für Deutschland kaum kalkulierbar. Dafür scheint sich einiges im Bildungssektor Portugals zum Besseren zu wenden.
- und zu guter Letzt: Die Immo-Preise für Lissabon halte ich immer noch für sehr niedrig.
- und ob Portugal die Kurve kriegt, halte ich nicht für wichtig. Schließlich dürften alle europ. Länder einschl. der BRD im Laufe der Zeit abkacken.
Da finde ich andere Aspekte bedeutungsvoller.
Die Sparmaßnahmen, die die Mitte-Rechts-Regierung den Bürgern auferlegt hat, halte ich auch für gerechtfertigt. Gerade die jüngere portug. Generation war doch allzu bereit dem billigen nachgeschmissenem Geld Wünsche folgen zu lassen. Da tut Mäßigung und Anerkennung von Realitäten ganz gut - auch wenn Südeuropäer das irgendwie anders sehen oder ist es eher eine Frage der Generation und polit. Grundüberzeugung?
Gruß Dieter