Wirtschaftssystem, das nicht grundsätzlich auf Schulden aufbaut?

software-engineer @, Mittwoch, 12.08.2015, 13:11 vor 3815 Tagen 3476 Views

Ich möchte einmal eine grundsätzliche Frage zur Diskussion stellen: Ist ein funktionierendes und stabiles Wirtschaftssystem vorstellbar, in dem Schulden und deren weitverzweigte Derivate nicht eine wesentliche Komponente dieses Systems darstellen?

Hat ein solches System historisch jemals in einer "entwickelten" Gesellschaft existiert (abgesehen von primitiven Tauschhandel-Gesellschaften)?

Oder sind Schulden eine inhärente Struktur-Komponente des Geldes?

Beispiele dafür

nvf33 @, Mittwoch, 12.08.2015, 13:34 vor 3815 Tagen @ software-engineer 3365 Views

Ich möchte einmal eine grundsätzliche Frage zur Diskussion stellen: Ist
ein funktionierendes und stabiles Wirtschaftssystem vorstellbar, in dem
Schulden und deren weitverzweigte Derivate nicht eine wesentliche
Komponente dieses Systems darstellen?

Hat ein solches System historisch jemals in einer "entwickelten"
Gesellschaft existiert (abgesehen von primitiven
Tauschhandel-Gesellschaften)?

Oder sind Schulden eine inhärente Struktur-Komponente des Geldes?

Im Buch von Johannes Juergenson "Die lukrativen Lügen der Wissenschaft" sind weiter hinten einige beschrieben, wenn man dem glauben mag.

Ich denke der Knackpunkt liegt aber darin, wie man das Spannungsverhältnis eines Versprechens auf eine bessere Zukunft mit der Gegenwart verbindet.
Damit das sinnvoll funktioniert, bedarf es einer Vertrauensgrundlage.
Wer Vertrauen und Versprechen wirklich ernst nimmt, braucht kein externes Konzept wie Schulden. Das Bedürfnis nach Ausgleich tragen die Wirtschaftsakteure dabei dann in ihrem Charakter.
Das Problem ist, dass man Vertrauen sehr leicht mißbrauchen und nur sehr schwer aufbauen kann.

Üblicherweise bedarf es einer massiven existentiellen Krise, damit sich eine Mehrheit zu echtem Vertrauen findet. Das gab es in D schonmal in den 1930er Jahren, wenn man den Ausführungen von Hjalmar Schacht in "1933 oder wie eine Demokratie stirbt" glauben mag (der war damals Reichsbankpräsident).

Die Regionalgeldinitiativen sind ein heutiges Beispiel für Schritte in eine ähnliche Richtung: z.B.
www.chiemgauer.info/
www.elbtaler.de/

Grüße
nvf33 (Neuling hier, Hallo also an alle).

Dazu bitte...

Kurt @, Mittwoch, 12.08.2015, 14:34 vor 3815 Tagen @ software-engineer 3039 Views

alle Beiträge im Umkreis von 2,50 m um den Suchbegriff "Hinterbänkler-Meme" studieren, und sich anschließend bitte zum Hauptstudium zurückmelden. Letzteres beginnt je nach den Vorkenntnissen nach etwa vierzehn Semestern.

vG Kurt

--
Für das verantwortlich zu sein, was ich sage, ist eine Sache.
Aber dafür verantwortlich zu sein, was jeder, der in meinem Leben vorkommt,
sagt oder tut, ist eine ganz andere Sache.

klar!

SFA @, Mittwoch, 12.08.2015, 14:41 vor 3815 Tagen @ software-engineer 2942 Views

Ich möchte einmal eine grundsätzliche Frage zur Diskussion stellen: Ist
ein funktionierendes und stabiles Wirtschaftssystem vorstellbar, in dem
Schulden und deren weitverzweigte Derivate nicht eine wesentliche
Komponente dieses Systems darstellen?

Kar. Einfach nicht zulassen, dass Schulden möglich sind. Ergo: Geld verleihen nur, wenn man hinter dem Projekt steht, und immer mit Abschreibung rechnen.
Wäre daher stabil, weil die Menschen sich vorher überlgen, ob sie Geld zu einer Unternehmung transferieren, weil sie dahinterstehen, oder nur weil sie Profit erwirtschaften möchten.

Naja, und wer sich zu oft Geld für dumme Ideen leiht, der hat halt ein Problem - gibt dann halt kein Geld mehr für ihn.

Derivate sind ja eigtl. nichts anderes, nur dass Zwischengläubiger benutzt werden. Wie damals im Tempel, den Gläubigen das Geld aus der Tasche ziehen, statt Donner und Blitz gibts heute eben U2 and you :D

Stabil wäre dieses System ebenfalls, würde aber ein wenig mit dem Freiheitsgedanken Einzelner in der heutigen Zeit kollidieren.

--
“If there is evil in the world, it lies within the heart of mankind”
Knowledge - Communication - Tolerance

Interessant...

Phoenix5, Mittwoch, 12.08.2015, 16:34 vor 3815 Tagen @ SFA 2723 Views

Kar. Einfach nicht zulassen, dass Schulden möglich sind. Ergo: Geld
verleihen nur, wenn man hinter dem Projekt steht, und immer mit
Abschreibung rechnen.

..und woher kommt das "Geld" dann daher, wenn nicht aus Schulden?

Gruß
Phoenix5

Geldschöpfung

SFA @, Mittwoch, 12.08.2015, 21:34 vor 3815 Tagen @ Phoenix5 2339 Views

..und woher kommt das "Geld" dann daher, wenn nicht aus Schulden?

Das ist doch irrelevant. Ob man nun früher wegen Gold oder heute wegen BIP, Tauschmittel ist schnell generiert. Indianer haben auch nur Glaskugeln getauscht. Die Frage war doch, wie man den Schuldenzuwachs vermeidet.

Gruß
Phoenix5


Gruß

SFA

--
“If there is evil in the world, it lies within the heart of mankind”
Knowledge - Communication - Tolerance

Geld muss gültig sein, sonst wird gewörgelt

Silke, Donnerstag, 13.08.2015, 18:22 vor 3814 Tagen @ SFA 1862 Views

bearbeitet von Silke, Donnerstag, 13.08.2015, 19:05

Lieber SFA,

..und woher kommt das "Geld" dann daher, wenn nicht aus Schulden?

Aus Schuldenakzeptanz folgen erst einmal nur Zahlungsmittel.
Ich kann was, Du kannst was...das können wir gegenseitig aufrechnen, wenn wir meinen, uns was zu schulden ... aber in was (Preis/Wertrelation)?

Leider im Debitismus in dem, das ich und Du brauchen, um Sanktionen zu entgehen...vulgo StZM/GZM.
Das ist der zentrale Punkt, um den die Macht kreist.

Sonst könnten wir einfach nur tauschen. Du hast einen Pflaumenbaum, ich kann einen Sack Getreide ertauschen ->Pflaumenkuchen.
Aber halt...Du musst ja für deinen Landbesitz samt Pflaumenbaum Grundssteuer zahlen... in komischen Bits und Bytes...
Also wird das nichts mit unserem Tausch.
Bringst Du nicht die Bits, bist Du sehr bald nicht mehr Untereigentümer des Pflaumenbaumes samt seiner Früchte.

Das ist doch irrelevant. Ob man nun früher wegen Gold oder heute wegen
BIP, Tauschmittel ist schnell generiert. Indianer haben auch nur Glaskugeln
getauscht. Die Frage war doch, wie man den Schuldenzuwachs vermeidet.

Vergiss mal ganz fix die Tauscherei.
Hier geht es um knallharte Machtausübung, um Vergewaltigung...privare=Raub.

Leider garnicht. Die Macht ist nicht gewillt zu leisten...sie fordert nur = Steuern = Schulden von irgendwem, der sich als Nachschuldner rekrutieren lässt/lassen muss.
Woraus werden die Steuern bedient?
Dass irgendwelche Trottel stolz darauf sind, ab dem
https://de.wikipedia.org/wiki/Steuerzahlergedenktag
meinen, für sich zu wirtschaften?
Nein - sie generieren Nachschuldner im großen Ponzi-Spiel

Hör auf mit träumen.
Knock, knock,...Neo

Liebe Grüße
Silke

Wie wärs mal mit der Forumssuche "Debitismus"? Immerhin ein Grundpfeiler dieses Forums

Phoenix5, Freitag, 14.08.2015, 00:10 vor 3814 Tagen @ SFA 1742 Views

Geld war noch nie ein Tauschmittel und kann auch nie eines sein. Und wenn dir die Suche in der Sammlung zu mühsam ist bzw. die Bücher der Experten auf diesem Gebiet zu detailliert, habe ich mich bemüht den debitistischen Grundkonsens auf 45 Seiten zusammenzufassen. Du musst nur auf meine Signatur runterscrollen.

Gruß
Phoenix5

Beispiel

Eugippius @, Mittwoch, 12.08.2015, 14:58 vor 3815 Tagen @ software-engineer 3032 Views

Ist ein funktionierendes und stabiles Wirtschaftssystem vorstellbar, in dem
Schulden und deren weitverzweigte Derivate nicht eine wesentliche
Komponente dieses Systems darstellen?

z.B. hier Link

Ist aber nicht mehr aktuell, vermutlich auch wegen der genannten Eigenschaft.

Unmöglich;-)

Heinz @, Donnerstag, 13.08.2015, 09:33 vor 3814 Tagen @ software-engineer 2100 Views

Schulden haben nichts mit dem Wirtschaftssystem zu tun, sondern sind ein Teil der politischen Ordnung, des Rechtssystems. Zumindest ist das im Kapitalismus so. 99,8% der Menschheitsgeschichte, gab es Wirtschaftssysteme ohne Schulden. Der Oikos nach Aristoteles war nach dem Ideal einer sich selbst erhaltenden, gegenüber der Außenwelt relativ abgeschlossenen autonomen Einheit konstruiert. Diese Wirtschaftsweise war bis in die frühe Neuzeit die vorherrschende Wirtschaftsform in Europa. Sofern die Produktion und die Distribution der Produkte lokal ist, braucht kein Wirtschaftssystem Schulden. Anders sieht es aus, wenn diese extensiv sind. Selbst das ist das für das Funktionieren des Wirtschaftssystems nicht unbedingt erforderlich, wie das Beispiel der SU zeigt, oder aber auch jeder internationale Konzern. (Es macht nicht viel Sinn, auch wenn eine interne Leistungsverrechnung existiert, wenn die linke Hosentasche, der rechten etwas schuldet.) Schulden waren erst im Außenverhältnis der SU bzw. sind erst dann relevant, wenn der Warenverkehr die Systemgrenzen überschreitet. Bei der Produktion sind nur die Kosten interessant. Spielt die Produktion diese wieder rein oder nicht. Wenn nicht, dann wirtschafte ich nicht, sondern habe ich ein Hobby. Und das ist nicht nur in der vom Menschen bestimmten Wirtschaft so, sondern gilt grundsätzlich für alle Lebewesen. Ein Lebewesen, dass bei der Nahrungssuche mehr verbraucht, als bei dieser aufnimmt, ist über kurz oder lang tot. Die Natur als solche führt keine Buchhaltung und lässt auch nicht anschreiben. Allenfalls ist bei den Menschen etwas anderes, der ist fähig, die Produktionskosten jemanden anderen im Form von Schulden aufzubürden. Das hat aber nix mit der Wirtschaft als solches zu tun, sondern gehört in den Bereich der Politik, der Ideologie oder der militärischen Zwangsgewalt. Es wurde in diesem Forum oft über die ursprüngliche Form der Schuld gesprochen. Und eine Theorie ist die einer Abgabenschuld. Wenn wir dieser Theorie folgen, dann ist klar ersichtlich, dass das diese Schuld nichts mit der Produktion als solches zu tun haben kann, sondern nur damit, wer sich den Surplus aneignet.

--
Tyger Tyger, burning bright,
In the forests of the night;
What immortal hand or eye,
Dare frame thy fearful symmetry?

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