Das energieautarke Haus
Vor einiger Zeit beschäftigte ich mich mit der Technik eines energieautarken Hauses. Der Sinn eines solchen Wohnhauses soll sein die vollständige Unabhängigkeit von der Energieversorgung mit Öl, Gas oder Strom. Viele Angebote, Beschreibungen und Einladungen zur Besichtigung solcher Häuser haben mich erreicht. Einige dieser Druckschriften weisen hin auf lange Modellversuche, um auch dem normalen Verbraucher mit kleinem Geldbeutel so ein energieautarkes Haus anbieten zu können. Es wird hingewiesen auf die intensiven Forschungsarbeiten eines namhaften Instituts und die wichtigen Erfahrungen, die aus diesen Forschungen gewonnen werden konnten.
Da packte mich ein Déjà -vu. Ich kannte das, ich habe das kennengelernt, doch nie hatte ich mein Erlebnis mit dem Adjektiv "energieautark" verbunden. Es gibt Gegenden, da war es völlig normal in einem energieautarken Haus zu leben, ohne dieses Wort überhaupt zu kennen.
Aufgewachsen bin ich ganz im Süden, dort wo die deutsche Sprache endet. Das Dorf liegt in einer Seehöhe von 2200 Meter. Da meine Eltern ihren Beruf in diesem Dorf nicht ausüben konnten und es im Winter auch nicht mehr erreichbar war, lebten wir Kinder zu dieser Zeit im Haus unserer Großeltern. Gebaut wurde dieses Haus von meinen Vorfahren in den Jahren 1780 bis 1790. Weil in dieser Höhe nur mehr Lärchen wachsen, besteht auch das Haus nur aus diesem Holz. Dicke Lärchenstämme wurden zu Vierkanthölzern gehackt und mit Leinöl mehrfach imprägniert. Auf den Balken wurde eine Lage Hanf gepackt und der nächste Stamm wurde mit langen Holznägeln an den unteren Stamm genagelt. Die verbleibenden Fugen an der Außenseite wurden mit Lehm gefüllt und mit Kalk bestrichen. So ergab sich dieses typische Aussehen der Häuser, die vom UV-Licht geschwärzten Stämme und die weißen Streifen dazwischen. Das Holz wurde geschlagen im Winter zum richtigen Mondschein und es wurde im Laufe der Jahrhunderte hart wie Bein. Sogar der Rauchfang in der Küche war aus Holz, weil dieses Holz nicht brennt. Will man es mit der Motorsäge schneiden, springen aus diesen 300 Jahre alten Holzbalken Funken, keine Schneide hält diesem Holz stand. Die Sprossenfenster sind in Bauchhöhe und nur sehr klein, etwa 40x40 cm. Die Grundfläche des Hauses beträgt ca. 120m² und besteht nur aus einer Etage. Darauf ist das Dach gesetzt, gedeckt mit Lärchenschindeln in 3 Lagen. Das Dach ragt soweit herunter, dass man die hölzerne Regenrinne im Stehen ausputzen kann. Der Boden ist aufgebaut aus Lärchenbalken, die auf großen Steinen lagern. Die Hohlräume sind verfüllt mit Hanf, darauf sind dicke Lärchenbretter lose gelegt. Das Ergeschoss besteht aus Küche, einem Schlafzimmer für alle Bewohner, einer Werkstätte, einer Speisekammer und dem Stall. Der Vorraum geht durchs ganze Haus, so das sich der Rauch aus der Küche in diesem Windzug schnell verflüchtigt. Die Türen sind sehr niedrig aber so schwer, dass wir Kinder sie nicht zu Öffnen vermochten. Ein Keller war wegen des felsigen Untergrunds wohl nicht möglich. Das Haus war an einem Stromnetz angeschlossen. Von einem privaten Kraftwerk eines Bauern führten 2 blanke Drähte auf die Dächer einiger dieser Häuser. Doch zur kältesten Zeit fror der Bach zu und die kleine Turbine stellte ihre Arbeit bis zum Frühjahr ein. Von November bis Anfang April gab es keinen Strom.
Im Sommer wurde das Almheu eingefahren und durch eine Luke in den Dachboden gestopft. Durch dessen Boden führte ein Loch hinunter in den Stall. Der Stall, in dem 3 Kühe, ein Stier, ein Pferd und ein paar Ziegen standen, war direkt neben dem Schlafzimmer. Es war das Privileg von uns Kindern, die Betten an der Holzwand zum Stall zu benützen. Von dort herüber kam eine so wohlige Wärme, wie es keine moderne Heizung vermag. Das Schnaufen der Viecher war das Geräusch zum Einschlafen, kein aufziehbares PlastikBlimBlim kann soviel Geborgenheit verbreiten. Wenn es schneite, 1.5 bis 2 Meter waren keine Seltenheit, dann ragte der Schnee bis unter die Regenrinne und das Dach war hoch mit Schnee bedeckt. Nur die Türen wurden freigeschaufelt und vor den Fenstern wurde der Schnee entfernt. An solchen Tagen roch das Heu vom Dachboden herunter besonders gut. Der Holzboden und der dicke Hanfpolster darunter speicherten die Wärme wie ein Kachelofen. Das Anlehnen an die Holzbalken der Außenwand war angenehm warm und es roch nach Lärchenharz. An vielen Tagen hatte es draußen -20°C und in der Nacht, wenn der eisige Wind von der Alm herunterblies, war es wohl noch kälter. Uns war es nie kalt, niemals war es stickig oder zu warm. Das Raumklima war optimal. Das Heu, der Hanf, die kleinen Fenster, die niedrigen Türen, das offene Feuer in der Küche, die Lärchenbretter am Boden und Balken in den Wänden, das alles spielte zusammen und ergänzte sich auf eine perfekte Art und Weise. Der Geruch, eine Mischung aus Lärchenholz und Heu, steigerte nur unser Wohlbefinden. Ein rundum Wohlbefinden ohne Strom, ohne Gas, ohne Öl und ohne Heizung.
Vor etwa 20 Jahren wurde das Haus abgetragen und 1:1 in einem Heimatmuseum wieder aufgebaut. Touristen gehen nun dort ein und aus, aber keiner von ihnen denkt daran, dass das ein energieautarkes Haus gewesen ist. Ein Haus, weitaus komfortabler und wohltuender als jedes moderne Haus, die ich später bewohnt habe. Nun wird wohl jemand fragen - Komfort? Was ist mit dem Komfort? Wir hatten mehr als wir brauchten, ich hatte es nur vergessen.
also