Das energieautarke Haus

also @, Montag, 03.08.2015, 18:39 vor 3824 Tagen 5034 Views

Vor einiger Zeit beschäftigte ich mich mit der Technik eines energieautarken Hauses. Der Sinn eines solchen Wohnhauses soll sein die vollständige Unabhängigkeit von der Energieversorgung mit Öl, Gas oder Strom. Viele Angebote, Beschreibungen und Einladungen zur Besichtigung solcher Häuser haben mich erreicht. Einige dieser Druckschriften weisen hin auf lange Modellversuche, um auch dem normalen Verbraucher mit kleinem Geldbeutel so ein energieautarkes Haus anbieten zu können. Es wird hingewiesen auf die intensiven Forschungsarbeiten eines namhaften Instituts und die wichtigen Erfahrungen, die aus diesen Forschungen gewonnen werden konnten.

Da packte mich ein Déjà-vu. Ich kannte das, ich habe das kennengelernt, doch nie hatte ich mein Erlebnis mit dem Adjektiv "energieautark" verbunden. Es gibt Gegenden, da war es völlig normal in einem energieautarken Haus zu leben, ohne dieses Wort überhaupt zu kennen.

Aufgewachsen bin ich ganz im Süden, dort wo die deutsche Sprache endet. Das Dorf liegt in einer Seehöhe von 2200 Meter. Da meine Eltern ihren Beruf in diesem Dorf nicht ausüben konnten und es im Winter auch nicht mehr erreichbar war, lebten wir Kinder zu dieser Zeit im Haus unserer Großeltern. Gebaut wurde dieses Haus von meinen Vorfahren in den Jahren 1780 bis 1790. Weil in dieser Höhe nur mehr Lärchen wachsen, besteht auch das Haus nur aus diesem Holz. Dicke Lärchenstämme wurden zu Vierkanthölzern gehackt und mit Leinöl mehrfach imprägniert. Auf den Balken wurde eine Lage Hanf gepackt und der nächste Stamm wurde mit langen Holznägeln an den unteren Stamm genagelt. Die verbleibenden Fugen an der Außenseite wurden mit Lehm gefüllt und mit Kalk bestrichen. So ergab sich dieses typische Aussehen der Häuser, die vom UV-Licht geschwärzten Stämme und die weißen Streifen dazwischen. Das Holz wurde geschlagen im Winter zum richtigen Mondschein und es wurde im Laufe der Jahrhunderte hart wie Bein. Sogar der Rauchfang in der Küche war aus Holz, weil dieses Holz nicht brennt. Will man es mit der Motorsäge schneiden, springen aus diesen 300 Jahre alten Holzbalken Funken, keine Schneide hält diesem Holz stand. Die Sprossenfenster sind in Bauchhöhe und nur sehr klein, etwa 40x40 cm. Die Grundfläche des Hauses beträgt ca. 120m² und besteht nur aus einer Etage. Darauf ist das Dach gesetzt, gedeckt mit Lärchenschindeln in 3 Lagen. Das Dach ragt soweit herunter, dass man die hölzerne Regenrinne im Stehen ausputzen kann. Der Boden ist aufgebaut aus Lärchenbalken, die auf großen Steinen lagern. Die Hohlräume sind verfüllt mit Hanf, darauf sind dicke Lärchenbretter lose gelegt. Das Ergeschoss besteht aus Küche, einem Schlafzimmer für alle Bewohner, einer Werkstätte, einer Speisekammer und dem Stall. Der Vorraum geht durchs ganze Haus, so das sich der Rauch aus der Küche in diesem Windzug schnell verflüchtigt. Die Türen sind sehr niedrig aber so schwer, dass wir Kinder sie nicht zu Öffnen vermochten. Ein Keller war wegen des felsigen Untergrunds wohl nicht möglich. Das Haus war an einem Stromnetz angeschlossen. Von einem privaten Kraftwerk eines Bauern führten 2 blanke Drähte auf die Dächer einiger dieser Häuser. Doch zur kältesten Zeit fror der Bach zu und die kleine Turbine stellte ihre Arbeit bis zum Frühjahr ein. Von November bis Anfang April gab es keinen Strom.

Im Sommer wurde das Almheu eingefahren und durch eine Luke in den Dachboden gestopft. Durch dessen Boden führte ein Loch hinunter in den Stall. Der Stall, in dem 3 Kühe, ein Stier, ein Pferd und ein paar Ziegen standen, war direkt neben dem Schlafzimmer. Es war das Privileg von uns Kindern, die Betten an der Holzwand zum Stall zu benützen. Von dort herüber kam eine so wohlige Wärme, wie es keine moderne Heizung vermag. Das Schnaufen der Viecher war das Geräusch zum Einschlafen, kein aufziehbares PlastikBlimBlim kann soviel Geborgenheit verbreiten. Wenn es schneite, 1.5 bis 2 Meter waren keine Seltenheit, dann ragte der Schnee bis unter die Regenrinne und das Dach war hoch mit Schnee bedeckt. Nur die Türen wurden freigeschaufelt und vor den Fenstern wurde der Schnee entfernt. An solchen Tagen roch das Heu vom Dachboden herunter besonders gut. Der Holzboden und der dicke Hanfpolster darunter speicherten die Wärme wie ein Kachelofen. Das Anlehnen an die Holzbalken der Außenwand war angenehm warm und es roch nach Lärchenharz. An vielen Tagen hatte es draußen -20°C und in der Nacht, wenn der eisige Wind von der Alm herunterblies, war es wohl noch kälter. Uns war es nie kalt, niemals war es stickig oder zu warm. Das Raumklima war optimal. Das Heu, der Hanf, die kleinen Fenster, die niedrigen Türen, das offene Feuer in der Küche, die Lärchenbretter am Boden und Balken in den Wänden, das alles spielte zusammen und ergänzte sich auf eine perfekte Art und Weise. Der Geruch, eine Mischung aus Lärchenholz und Heu, steigerte nur unser Wohlbefinden. Ein rundum Wohlbefinden ohne Strom, ohne Gas, ohne Öl und ohne Heizung.

Vor etwa 20 Jahren wurde das Haus abgetragen und 1:1 in einem Heimatmuseum wieder aufgebaut. Touristen gehen nun dort ein und aus, aber keiner von ihnen denkt daran, dass das ein energieautarkes Haus gewesen ist. Ein Haus, weitaus komfortabler und wohltuender als jedes moderne Haus, die ich später bewohnt habe. Nun wird wohl jemand fragen - Komfort? Was ist mit dem Komfort? Wir hatten mehr als wir brauchten, ich hatte es nur vergessen.

also

Welcome back ... danke fuer die hervorragende Darstellung! (oT)

CrisisMaven ⌂ @, Montag, 03.08.2015, 18:47 vor 3824 Tagen @ also 2680 Views

- kein Text -

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Mit 40 DM pro Kopf begann die Marktwirtschaft, mit 400.000 Euro Schulden pro Kopf wird sie enden.
Atomkraft | in English

Gratulation, dass Du in so einem Haus aufwachsen durftest!

Albrecht @, Montag, 03.08.2015, 20:39 vor 3824 Tagen @ also 3283 Views

Hallo also,

Gratulation, dass Du in so einem Haus aufwachsen durftest!
Ich bin immer noch auf der Suche nach diesem Wohnerlebnis.
Wer ein neues Haus bauen will, kann sich evt. mit diesem Hersteller ein Haus aus purem Holz mit annähernd dem von Dir beschriebenem Wohlfühlklima bauen.

Holz100 - Häuser aus purem Holz

Der "Erfinder" hat auch eine Reihe von sehr interessanten Büchern geschrieben, die Dich vielleicht interessieren:
Bücherliste von Erwin Thoma


Gruß
Albrecht

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SCHEITERT DER €URO, ENDET DIE KNECHTSCHAFT!

Die Großen hören auf zu herrschen, wenn die Kleinen aufhören zu kriechen.
Friedrich von Schiller (1759 - 1805)

Danke für das 1. Link, ich lasse mir Infomaterial kommen (oT)

bude @, Dienstag, 04.08.2015, 12:29 vor 3824 Tagen @ Albrecht 1997 Views

- kein Text -

Danke für die Informationen!

also @, Dienstag, 04.08.2015, 13:30 vor 3824 Tagen @ Albrecht 2367 Views

Ich wurde als Telematiker im Laufe der Zeit infiziert von dieser abgefahrenen Smartphone Gesellschaft, die ihre Religion "Geschwindigkeit" und "Alles Neue ist Besser" lebt. Das frisst sich hinein in fast alle Lebenslagen. Gespräche mit den Experten vom Bau über U-Werte, Wärmedämmung, konfigurierbare Premium-Fenster mit 3-fach-Isolierverglasung erklären mir die neuen Errungenschaften der Forschung. Das Erreichen der Klimaziele nach "Energy Performance Directive" durch Wärmebedarfsberechnung nach DIN 4701 werden zum Projekt. Dabei hatte ich den Höhepunkt noch gar nicht erreicht. Kollektoren, Akkumulatoren, Wechselrichter, Wärmepumpen und dazu einen Nest Server von Google mit cloud access, da bekommt man als Cyberjunkie doch feuchte Hände vor Erregung. Was für ein Haus! Wie ein Raumschiff wird es dastehen mit riesiger Fensterfront und Plastikpaneele und es wird mich unabhängig machen Dank neuester Technologien. Der Experte vom Bau nickte eifrig und sagte: Ja, Sie verstehen die Zeichen der Zeit.

So tickte ich! Das ist grotesk, eine Art von digitaler Demenz im letzten Stadium. In keinem der Gespräche mit den Experten wurde auf das Wissen unserer Vorfahren verwiesen, in allen Gesprächen standen die Resultate "neuerer Forschungen" als Referenz im Vordergrund. Da hat es bei mir geklickt und diese Erkenntnis änderte alle Pläne.

Meine neuen Experten werden sein ein Zimmermann, der mit mir eines dieser alten Häuser besichtigen wird und dieses Wissen umsetzen kann. Ein paar Bauern, die mir das Lärchenholz liefern können und einen Hanfbauern werde ich auch noch finden. Damit bin ich am richtigen Weg, dessen bin ich mir nun sicher. Wenn sich ein Haus in über 2000 Metern Seehöhe in dieser rauen Umgebung fast 300 Jahre lang derart bewährt hat, dass es mir und meinen Geschwistern als Wohlfühloase in Erinnerung geblieben ist, dann genügt das als Beweis. Wie schon geschrieben, ich hatte es nur vergessen. Freilich werde ich mir keinen Stier als Radiator ins Schlafzimmer stellen, aber ist das Haus erst fertig, dann kann ich immer noch einen kleinen Rest mit Technik auffetten. Viel wird wohl nicht notwendig werden.

also

ENEV lässt grüssen

eastman @, Paltz, Dienstag, 04.08.2015, 13:50 vor 3824 Tagen @ also 2260 Views

Hallo also,

ich freue mich so richtig mit Dir und bin ganz auf Deiner Seite. Leider vermute ich, Du wirst an Wärmeschutznachweisen und ENEV-Konformität für Neubauten verzweifeln, die lassen eben nur die zweifelhafte U-Wert-Berechnung gelten. Ich wünsche Dir nichts Besseres, dass ich mich irre und dass doch hier jeder vernünftig bauen darf, wie es möchte ...

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Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.

Excellente Beschreibung Analogie: Niedersachsenhaus

aliter @, Montag, 03.08.2015, 22:44 vor 3824 Tagen @ also 3073 Views

Danke für die sehr ansprechende Beschreibung. Auch ich bin als Stadtkind "verschickt" worden und durfte mal in ländliche-einfachen Bauern-Häusern (Handpunpe in der KÜche etc) Ferien machen. Für ein Kind unschlagbar schön.
Allerdings ist bezüglich der Energieautarkie leider ein Denkfehler eingeschlichen: Ein Mensch produziert ca 80 W Wärme eine Kuh vermutlich ca 800, deren 8 zuzüglich 2 Pferden und etlichen Schweinen insgesamt mindesten 15 kW, das reicht bestens um ein Holzhaus auch im Bergwinter gut zu wärmen.
Grundsätzlich waren die Landwirtschaftsgebäude auf ähnlichem Prinzip aufgebaut. Hier in der Küstenebene mit i.d.R. milden Wintern und gemeinsamer Tier/Menschen-Diele brauchte vermutlich kaum geheizt zu werden.
Zur Bauphysik: Die monolithische Wandkonstruktion aus 20 cm dickem Massivholz ist sicher fantastisch, hat gute Dämmwerte und nicht die Problem von Schimmel bei fehlerhafter Dämmung. Nebenher kann man auch einen dicken Nagel in die Wand schlagen. Ob diese Häuser am Markt angeboten werden und unsere hypertrophen Vorschriften das zulassen weiss ich nicht.

Es sind glaube ich ca. 1 Watt/kg bei 37° Körpertemperatur (oT)

Leser68 @, Dienstag, 04.08.2015, 13:17 vor 3824 Tagen @ aliter 2067 Views

- kein Text -

Mit dem Vieh verschwand auch die Wärme

Amos, Dienstag, 04.08.2015, 14:34 vor 3824 Tagen @ also 2514 Views

bearbeitet von Amos, Dienstag, 04.08.2015, 14:43

Servus also,

ich habe ebenfalls in so einem Hof, der 1698 erbaut wurde, meine Jugendjahre verbracht.
Die Jahreszahl haben die Zimmerer mit einer Art Einlegetechnik in der Holzwand verblockt.
Die Tannenstämme wurden von Hand meisterhaft bearbeitet und hielten 1945 sogar den Granateinschlägen stand. Die Granatmunition steckt noch heute in der Wand.
Der Hof ist noch heute eine Wohlfühloase und nachdem die Landwirtschaft und damit auch der Misthaufen aufgegeben wurde, verschwanden auch die vielen Fliegen, die mich immer genervt haben.

Aliter hat jedoch 100 % recht, mit dem Vieh verschwand auch die Wärme.

Auch auf 700 m im Voralpenland gibt es sehr kalte Winter. Selbst nachdem die Wärmedämmung wo immer möglich mit Naturdämmstoffen verbessert wurde, muss der Kachelofen viel mehr beheizt werden als früher mit vollem Stall.

Ich bin kein Experte, würde aber behaupten die Holzwände speichern die Wärme nicht so gut wie die 80 cm dicken Doppelziegelwände, mit denen einige Bauherrn hier im Ort ihre Häuser gebaut haben.

Zu den kleinen Fenstern muss ich sagen, dass es mir persönlich dadurch in der Stube nach wie vor zu viel zu dunkel ist, aber größere Fenster wären einfach nicht so schön.

Viele Grüße
amos

Wunderschöne alte Bauernhöfe zum Anfassen

Amos, Dienstag, 04.08.2015, 16:08 vor 3823 Tagen @ also 2635 Views

bearbeitet von Amos, Dienstag, 04.08.2015, 16:18

Das hatte ich noch vergessen: Allen, die wissen wollen, was frühere Generationen ohne Strom und Diesel schafften, empfehle ich einen Besuch der Glentleiten.

http://www.glentleiten.de/index.phtml?NavID=1874.2&La=1

Viele Grüße
amos

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