Lieber CrisisMaven,
vielen Dank für Ihre Reaktion bezüglich meines Leser-Schreibens.
Vorab: An dieser Stelle möchte ich Ihnen persönlich auch noch einmal danken für Ihre kritischen Artikel zur Atomkraft (gerade als Fukushima aktuell in den Medien war), diese waren und sind immer wieder eine Bereicherung was die Gefährdungsbeurteilung anbelangt. Zur Problematik der Sicherheit der Atomkraft haben wir beide eine sehr ähnliche Sichtweise.
Ich möchte aus „Prepper-Sicht“ hier einmal auf einige Ihrer Äußerungen eingehen, vielleicht sind einige der Sichtweisen ja auch für Sie interessant.
In einem wie auch immer gearteten Krisenfall muss man sich als Erstes vor Augen führen, welche Möglichkeiten der Staat hat, in das Leben der Bürger und der Wirtschaft einzugreifen, um die Krisenzeit zu beenden. Diese Durchgriffsmöglichkeiten sind heutzutage in der BRD in den Notstandsgesetzen geregelt. Diese decken sowohl den Kriegs- als auch den Krisenfall ab. Dass der Staat, wenn es ganz hart kommt, sich über Sonderregelungen auch noch weitergehende Durchgriffsrechte verschaffen würde, darüber brauchen wir hier glaube ich nicht zu diskutieren, aber die schon existierende Notstandsgesetzgebung ist sehr weitreichend. Die Notstandsgesetzgebung setzt sich aus folgenden Komponenten/Gesetzen zusammen:
ASG => Gesetz zur Sicherstellung von Arbeitsleistungen für Zwecke der Verteidigung einschließlich des Schutzes der Zivilbevölkerung
BinSchSiV => Verordnung zur Sicherstellung des Binnenschiffsverkehrs
EltLastV => Verordnung über die Sicherstellung der Elektrizitätsversorgung
ESG => Gesetz über die Sicherstellung der Versorgung mit Erzeugnissen der Ernährungs- und Landwirtschaft sowie der Forst- und Holzwirtschaft
EVerkSiV => Verordnung zur Sicherstellung des Eisenbahnverkehrs
FpV => Verordnung zur Sicherstellung der Postversorgung der Bundeswehr durch eine Feldpost
GaslLastV => Verordnung über die Sicherstellung der Gasversorgung
LuftVerkSiV => Verordnung zur Sicherstellung des Luftverkehrs
PSV => Verordnung zur Sicherstellung des Postwesens
PTSG => Gesetz zur Sicherstellung des Postwesens und der Telekommunikation
PTZSV => Verordnung zur Sicherstellung der Post- und Telekommunikationsversorgung durch Schutzvorkehrungen und Maßnahmen des Zivilschutzes
SeeVerkSiV => Verordnung zur Sicherstellung des Seeverkehrs
StrVerkSiV => Verordnung zur Sicherstellung des Straßenverkehrs
TkSiV => Verordnung zur Sicherstellung von Telekommunikationsdienstleistungen sowie zur Einräumung von Vorrechten bei deren Inanspruchnahme
VerkSiG => Gesetz zur Sicherstellung des Verkehrs
WasSiG => Gesetz über die Sicherstellung von Leistungen auf dem Gebiet der Wasserwirtschaft für Zwecke der Verteidigung
WiSiG => Gesetz über die Sicherstellung von Leistungen auf dem Gebiet der gewerblichen Wirtschaft sowie des Geld- und Kapitalverkehrs
WiSiV => Verordnung über die Sicherstellung von Leistungen auf dem Gebiet der gewerblichen Wirtschaft
Es lohnt sich, diese Texte einmal aus dem Internet zu suchen und durchzulesen. Dafür ist ein persönlicher Zeitaufwand von einem Tag notwendig und am Ende hat man eine gute Übersicht, was von staatlicher Seite in Krisenfall an Eingriffsrechen vorhanden ist und es zeigt auch indirekt sehr schön, mit welchen Gefahrenlagen der Staat kalkuliert.
1. Notstrom für AKW`s und Krankenhäuser im SHTF-Fall (Shit hits the Fan)
Um als Erstes zur Nachkühlung in den AKW`s zurückzukommen, ist natürlich die Brennstoffversorgung für die in den AKW`s befindlichen Netzersatzanlagen interessant. Je mehr Treibstoff vorhanden ist, umso länger kann die Nachzerfallswärme beherrscht werden. Diesen Prozess muss man aufrecht erhalten, bis das normale Stromnetz (oder großflächigere Insellösungen davon) wieder betriebsbereit sind. Nun hat auf Grund der Notstandsgesetze der Staat die Möglichkeit, jeglichen Treibstoff zu beschlagnahmen. Wir sprechen hier im Krisenfall von nicht unerheblichen Mengen. Um an diese zu gelangen, müsste der Staat aber extremen logistischen und auch wieder energieintensiven Aufwand betreiben, wenn man es so weit runterbrechen würde, dass aus jedem KFZ der Treibstoff abgesaugt würde. Lohnt sich also (erst einmal) nicht. Deshalb besitzt die BRD Notreserven.
Tief im Untergrund, in riesigen Höhlen im Norden Deutschlands, lagern die größten strategischen Notreserven der Bundesrepublik: Rohöl. Alleine in Wilhelmshaven sind es zehn Millionen Kubikmeter Rohöl. Insgesamt sind es 21 Millionen Tonnen in Deutschland, davon die Hälfte fertige Produkte wie Benzin, Diesel und Heizöl. Eine Menge, die ausreicht, um die Bundesrepublik im Falle eines kompletten Lieferausfalls für mindestens 90 Tage zu versorgen. Das Rohöl wird in sogenannten Kavernen gelagert. Dort kann es über Jahre bleiben. Die Bedingungen sind ähnlich wie in der ursprünglichen Lagerstätte von Rohöl, es ist dort warm. Aufwendiger ist da schon die Lagerung der fertigen Produkte, wie Benzin, Diesel oder Heizöl. Sie werden oberirdisch in Tanks deponiert und müssen regelmäßig ausgetauscht werden. Insgesamt gibt es deutschlandweit etwa 160 Standorte, an denen die fertigen Produkte lagern. In Krisenzeiten lassen sich diese 90 Tage auch noch durch entsprechende Rationierungsmaßnahmen bzw. Privatbeschlagnahmungen ausdehnen. Bei einem deutschlandweiten Blackout würden ferner die Lieferungen aus dem europäischen Ausland die Zeitspanne extrem ausdehnen. Bei einem „down-grid“ des europäischen Verbundnetzes würden wir europaweit bei auch ca. 90 Tagen liegen. Innerhalb von 3 Monaten lässt sich viel bewegen, ich persönlich glaube da an den Weiterbestand der AKW`s. Alles darüber hinaus gehende kann man als Privatperson eh nicht „planen“, wir würden und dann in einem wirklichen Mad-Max-Szenario befinden.
Der Problematik mit der nicht mehr funktionierenden Betankung von im Krisenfall notwendigen Transport-LKW`s und sonstigen Einsatzfahrzeugen wirkt man bereits jetzt massiv entgegen. In der Vergangenheit hatte z.B. das THW sowohl eigene Lager, als auch die Möglichkeit, aus den unterirdischen Tanks der Tankstellen mittels mobiler NEA`s Treibstoffe „zu gewinnen“. Seit etlichen Monaten ist hier aber auch die Bundesregierung aktiv. Bis vor kurzem waren die Tankstellen mit fest verbauter Notstromversorgung lächerlich gering. In Berlin waren es sage und schreibe 3 Stück. Nun hat die Bundesregierung (merkwürdiger Weise seitdem die Ukraine-Krise immer mehr Intensität gewann) massivst in die Aufrüstung der Tankstellen mit NEA`s investiert. Interessanter Weise wurden hier nur Tankstellen nachgerüstet, die außerhalb von Ballungszentren liegen, nicht innerhalb. Wir sprechen hier von etlichen Tankstellen (mehr als 200), diese Info habe ich direkt von einem Planungsleiter des Projektes. Somit wurde und wird hier auch die Versorgungssicherheit von Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben und kritische Infrastrukturen erhöht. Ferner sind diverse Bundesländer direkt die Problematik angegangen.
Das Verbundvorhaben TankNotStrom hat die Auswirkungen eines langfristigen Stromausfalls für den Raum Berlin-Brandenburg erforscht. Auf der Grundlage von Analysen der Folgen wurden Hilfestellungen für die handelnden Akteure erarbeitet und innovative technische Lösungen entwickelt. Es wurde ein Management- und Logistiksystem entwickelt, das bei Stromausfällen in der Lage ist, sowohl die Kraftstoffversorgung für Notstromaggregate als auch für die Fahrzeuge der Einsatz- und Rettungskräfte zu ermöglichen. Über ein autarkes Kommunikationssystem werden die Füllstände der Notstromaggregate an den TankNotStrom-Leitstand übertragen, der wiederum über das gleiche Kommunikationssystem die Kraftstoffbelieferung organisiert.
Außer den Notreserven der Bundesrepublik, den Beständen in den Tankstellen, den Beständen bei THW und Behörden in kleineren Notlagern für ad-hoc-Reaktionen und einer möglichen Beschlagnahme von Privat-Sprit steht noch eine weitere Quelle zu Verfügung. Die Deutsche Bundesbahn hat auch extrem große Lagerbestände.
Nach meiner persönlichen (laienhaften) Einschätzung gehe ich davon aus, dass bei einem Verbot des Individualverkehrs in Worst-Case-Fall mittels der bestehenden Reserven die AKW`s als auch ein Großteil der Krankenhäuser in Betrieb gehalten werden kann.
Du hast recht, dass man diverse Szenarien konstruieren kann, wo auch das nicht mehr ausreichen würde. Ich denke aber, dass gemäß der 80-20-Regel die BRD auf recht gutem Posten steht, was die Abwendung einer atomaren Katastrophe durch nicht mehr zu kühlende AKW`s anbelangt. Wir stehen da aber gegenüber einigen europäischen Nachbarn recht gut da, von „außerhalb“ ist das Gefahrenpotential größer. Ich gehe aber davon aus, dass bei Krisensituationen hier europaweit ob der zu erwartenden Langzeitkontamination von betroffenen Regionen gehandelt werden würde. Im Zweifelsfall auch mit Hilfe des Einsatzes der Armee im Inneren.
2. Ihr Satz: „Wahrscheinlich wohnt man in Koeln und steckt zu dem Zeitpunkt in Muenchen beim Kundenbesuch oder bei einer Alpenwanderung im Urlaub fest.“
In der Prepper-Szene werden für solche Szenarien auch Möglichkeiten erarbeitet. Das Grundkonzept was sich entwickelt hat und dem viele Prepper folgen gliedert sich in folgende „Notlösungen“:
a) Ausrüstung eines Standortes als „Sicherer Ort“. Das kann sowohl das eigene Heim sein, etliche Prepper, die in Ballungsgebieten wohnen und finanziell dazu in der Lage sind, haben aber noch einen Fluchtort auf dem Lande. Gemäß eigener Gefahrenbeurteilung und pecuniärer Möglichkeiten wird an einem oder beiden Punkten entsprechendes Notmaterial inkl. Notnahrung gelagert.
b) Für notwendige Fluchtbewegungen werden ein oder mehrere (Familie) BOB`s gepackt. Diese Bug Out Bags ermöglichen ein 3-7-tägiges Überleben bei einer Flucht und haben meistens alle relevanten Unterlagen in elektronischer Form „an Bord“.
c) Für Ereignisse, die eintreten, während man sich weiter entfernt von seinem Flucht- oder Wohnort mit entsprechende Ausstattung befindet, haben Prepper häufig den GHB dabei. Das ist der „Get Home Bag“ der in rudimentärer Weise eine ca. 3-Tages-Tour abdeckt, auch wenn öffentliche Transportmittel nur bedingt zur Verfügung stehen. Ziel des GHB ist es, seinen „Sicheren Ort“ zu erreichen.
Ob das in der Realität klappt, wird sich zeigen, auch hier spielen ein großes Maß an Glück, Können, eigenen Fertigkeiten etc. eine Rolle. Es erhöht im Krisenfall aber die Chancen. Ob jemand, der solche Konzepte verfolgt, paranoid ist, sei dahin gestellt, aber wie meine doch Bill Gross einmal: „Only the paranoids will survive“.
3. Ihr Satz: „….schon gar nicht, wenn die gesamte Melde-Infrastruktur zusammengebrochen ist.“
Bis es dazu kommt, dauert es. Ohne Frage wird ein Ausfall des Mobilfunknetzes, der normalen Telefonie, des Internets etc. die Krise stark beschleunigen. Jedoch gibt es hier breitflächig angelegte Strukturen im öffentlichen und privaten Bereich, die Notfunknetze bereitstellen. Wenn Sie sich über den Amateurfunkbereich informieren, werden Sie sehen, dass heute schon etliche Amateurfunker in Kriseninterventionsplänen vorgemerkt sind als Informationsknotenpunkt zu dienen und wie weit auch im Afu-Bereich die Planung vorangeschritten ist, was die eigene Vernetzung im Krisenfall bedingt. Hierfür sind spezielle Frequenzen vorhanden (auf verschiedenen Bändern, sowohl deutschland- als auch weltweit), wo auch häufig Notfunkübungen praktiziert werden. Ich z.B. wäre auch bei einem totalen Ausfall des Internets in Europa in der Lage, Text-Mails weiterhin über Kurzwelle zu versenden. Das allerdings nur zu bestimmten Zeiten und Wetterbedingungen, um die Einwahlstationen zu erreichen. Aber besser als nichts.
Eine Lösung im digitalen Funkbereich ist deutschlandweit heutzutage nicht möglich, hier fehlt die entsprechende überlappende Repeater-Struktur. Da bestehen (auch gerade im behördlichen Bereich) nur Insellösungen, eine Vernetzung der einzelnen Zellen kann nur über das Internet erfolgen, welches jedoch bei einem langanhaltenden Stromausfall auch die Grätsche machen würde.
Die Melde-Infratruktur wir massive Probleme bekommen, total zusammenbrechen wird sie nicht.
4. Sonnensturm und EMP-Ereignis
Die Aussage, dass viele PKW und LKW bei oben genannten Ereignissen zusammenbrechen würden, ist wissenschaftlich nicht belegt. Womit Sie Recht haben, ist die Möglichkeit eines Ausfalls. Nehmen wir mal Fahrzeuge und Geräte aus, die nach MIL-Standard gesichert sind und beziehen uns auf die Otto-Normalverbraucher-Sachen. Bezüglich der EMP-Auswirkungen (und damit auch die für massive Sonnenstürme) möchte ich an dieser Stelle auf folgende (wie ich finde sehr gute weil neutrale) englischsprachige Seite verweisen:
http://www.futurescience.com/emp/vehicles.html
Es lohnt sich dort auch weiter zu stöbern, nicht nur bei der Schilderung der Auswirkungen auf KFZ etc.
Wie es sich zeigt, sind die Auswirkungen sehr begrenzt, jedoch würden bei einem EMP durch eine A-Bombe ungleich höhere Spannungen induziert werden und die Gefahr eines Ausfalls der KFZ-Elektronik würde ansteigen. Jedoch sind die Gegebenheiten so verschieden (Stellung des Fahrzeuges zum Ereignisursprung quer/längs; geparkt in Tiefgarage, geparkt in Metallgarage, EMP-Härtungsgrad des Herstellers etc.), dass aus heutiger Sicht auf Grund der Verschiedenartigkeit der einwirkenden Faktoren kein Urteil gefällt werden kann, wie viele KFZ bei welchem EMP-Grad ausfallen würden. Ein Vorbereitung auf ein solches Ereignis wäre auch unmöglich. Das Hauptproblem sind bei heutigen KFZ die Steuergeräte bzw. der an diesen hängende Kabelbaum des Fahrzeuges. Die KFZ-Hersteller geben auch keine Infos bezüglich der EMP-Sicherheit heraus. Würde man dort technisch eingreifen wollen, müsste man so viele Ferritkerne um den Kabelbaum setzen, dass das Zulassungsgewicht wohl alleine durch diese schon überschritten würde.
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Wer also wirklich vor solchen Ereignissen Angst haben sollte, kann sich nur einen alten Saugdiesel ohne elektronische Einspritzpumpe anschaffen. Wir reden hier von Wagen bis Mitte der 1970er-Jahre, denen ein solches Ereignis wohl nichts ausmachen würde. Vielleicht maximal bis zur W123-Baureihe von Mercedes (80er-Jahre).
Über Auswirkungen bezüglich EMP-Ereignissen außerhalb des KFZ-Bereiches gibt es nur sehr wenige Erkenntnisse. Interessant sind hierbei dokumentierte Auswirkungen während der russischen Atomtests in den 60er-Jahren des vorigen Jahrhunderts:
http://www.futurescience.com/emp/Graham-Loborev.gif
Artikel zum Bild:
http://www.google.de/imgres?imgurl=http%3A%2F%2Fwww.futurescience.com%2Femp%2FGraham-Lo...
Der Kilotonnenbereich der dazugehörigen Waffen kann dem Artikel entnommen werden.
Beste Grüße! Wie gesagt, ich lese Ihre Foreneinträge immer sehr gerne, sie erweitern den Horizont. Insofern freue ich mich auch über kritische Meinungen zu meiner persönlichen Sichtweise.