An politicaleconomy (mT)
bearbeitet von unbekannt, Mittwoch, 22.07.2015, 01:14
Sehr geehrter Herr Schulmeister,
in Ihrem sehr fundierten Beitrag
http://www.dasgelbeforum.net/forum_entry.php?id=330841
und in Ihrem verlinkten Artikel
http://stephan.schulmeister.wifo.ac.at/fileadmin/homepage_schulmeister/files/Euroabwick...
beschreiben Sie, wie die momentane Situation in Europa der vor fast 100 Jahren nach Versailles gleicht, und Sie zeigen auch Wege auf, wie man mit dem makroökonomischen Viereck, das auch das außenwirtschaftliche Gleichgewicht im Auge behält, die derzeitigen Probleme beseitigen könnte.
So argumentiert ja auch Heiner Flassbeck, der für eine massive Erhöhung der dt. Lohnstückkosten plädiert, was den dt. Arbeitnehmern endlich nach 20 vergeudeten Jahren im Hamsterrad etwas Luft verschaffen würde. Die Rechnung käme dann vermutlich später, wenns mal um die Rente geht auf diesem hohen Niveau.
Ich wage dennoch, Ihre These etwas in Frage zu stellen, aus folgendem Grund:
Die jetzigen Schulden, die in GR, SP, IRL, FR aufgehäuft wurden, WURDEN bereits verkonsumiert. SP hat fantastische Autobahnen, Flughäfen, schnelle Eisenbahnen, Ubahnen, hervorragende Städte mit sauberen Vierteln, top Forschungszentren etc. Natürlich auch overbuilding entlang der Costa Brava und entlang des Mittelmeeres, aber immerhin.
In GR gabs eine Dekade Party, Lohnerhöhungen ohne Ende, Rente mit 50, etc etc etc.
Nach IRL sind die ganzen polnischen Au Pairs, die vorher in Hamburg, Berlin etc. waren, gegangen, weil dort Anfang der 2000er Jahre das Geld auf den Bäumen wuchs und dort in ALLEN BRANCHEN ein scheinbar endloser Boom war.
Die Franzmänner feiern ab 60 ihren Ruhestand und genießen eine FETTE Rente an der Cote d'Azur und leben ein Leben, wie es sich ein deutscher Hamster nach 67 schon lange nicht mehr vorstellen kann, vielleicht noch der ein oder andere Daimler abgefundene Vorruheständler oder die Arbeiter in den goldenen 70er Jahren.
Bei D im Jahre 1919 ff war das meiner Meinung nach anders: diese Schulden, die man D aufgebürdet hat durch den Versailler Vertrag, waren RACHE, Wiedergutmachung, Wiederaufbau, etc. Ganze Wälder wurden abgeholzt, Fabriken abgebaut, dt. Kohle und Erze nach F verschifft, die Maginotlinie gebaut etc.
Ganz ähnlich übrigens, wie es D nach dem gewonnenen 1870/71er Krieg in der "Gründerzeit" gemacht hatte, wo die Franzosen ihre Kriegsschulden an das dt. Reich unter Bismarck in Goldmark zahlen mußten und bei uns einen Boom auslösten, den man heute noch in der Bonner Südstadt an den Villen ablesen kann.
Was ich also sagen will, ist:
a) die Situation heute ist mit 1919 ff nicht vergleichbar, weil damals die Schulden auf Deutschland niederkamen, OHNE daß D vorher eine Party gefeiert hatte, im Gegenteil, es hatte WK I und Millionen von Männern verloren.
b) GR, F, IRL, SP müssen jetzt dafür bestraft werden, daß sie soviel Party gefeiert hatten auf D's Kosten, ähnlich wie ein Säufer, der seine Rechnung nicht zahlen kann, nach der Party eben einen Teil seiner Wohnung an den Wirt verpfänden muss. Auf diese Art sind einige Vorfahren durchaus in den Besitz einiger Felder gekommen, wenn deren Besitzer etwas zu tief ins Glas geschaut hat und mal wieder angeschrieben hat.
Meiner Meinung nach vernachlässigen Sie ebenfalls, daß der Euro "Versailles II" ist, was nach dem 2+4 Vertrag als verdeckter Friedensvertrag und Reparationen kam. Das heißt, daß die Siegermächte ÜBERHAUPT kein Interesse haben, irgendwelche Gleichgewichte herzustellen. Es geht darum, die Baby Boomer Generation in D in ihren besten Jahren, JETZT, auszuplündern, um sich die Reparationen für den WK II von D zu holen, ohne das so zu nennen. Auch wenn Mitterand und andere die Wahrheit ausgesprochen haben. Daher können Schäuble, Merkel etc. gar nicht anders, denn die Sieger diktieren ihnen die Bedingungen.
Daher hat Fischer ja auch einmal gesagt, es sei ironisch, daß D den EURO "umgedreht" habe und jetzt dazu nutze, um sich Europa zu unterwerfen. Der EUR, der eigentlich als Versailles II gedacht war. Aber dieses "Unterwerfen" hätte nur geklappt, wenn D so handeln dürfte wie die Besatzer, wie die Amis, wie UK, wie FR. Wie eben die Fugger bei Karl V. Das heißt, wenn der Schuldner nicht mehr zahlen kann, dann muß das Tafelsilber ran, um den Gläubiger zu bedienen.
Für heute hieße das aber, daß die Erdöl- und Gasquellen in GR, die Autobahnen und Bahnlinien in Spanien, die ganzen Häuser an der Cote d'Azur etc. dazu da wären, um die deutschen Sparer, Versicherten etc. zu bedienen. Jedem dt. Lebensversicherten sein Häuschen an der spanischen Mittelmeerküste. Klar gäbe das einen Aufstand, aber so ist das eben, wenn man nicht haushaltet und praßt.
Verlorene Schlachten und Kriege wirken oft noch Hunderte Jahre nach, die Bibliotheca Palatina aus Heidelberg ist noch HEUTE im Vatikan, als Nachwirken des 30-jährigen Krieges 1622 (!!!).
https://de.wikipedia.org/wiki/Bibliotheca_Palatina
Auch der Schatz des Priamos von Heinrich Schliemann aus Troja ist heute noch im Puschkin-Museum in Moskau als Beutegut.
http://www.3sat.de/page/?source=/specials/113120/index.html
Bitte, Herr Schulmeister, würden Sie mir auf meine Fragen antworten? Besonders interessiert mich der Aspekt, daß lt. Josef Foschepoth Besatzungsrecht in bundesrepublikanisches, dauerhaftes Recht umgewandelt wurde, daß es zum 2+4 Vertrag Zusatznoten gibt, die alliiertes Besatzungsrecht weitergelten lassen und auch Reparationen ermöglichen, und daß diese Aspekte der legalen Plünderung Deutschlands und seiner Steuerbürger durch die Besatzer sowie die Raubzüge des IMF mit seinen economic hitmen leider bei den ganzen volkswirtschaftlichen Diskussionen von Ihnen, von Flassbeck, von anderen ganz außen vor gelassen werden.
Einzig Varoufakis bringt Butter bei die Fische, wenn der die US Besatzer den globalen Minotaurus nennt, und auch Schäuble hat Klartext vor den Frankfurter Bankern gesprochen, als er gesagt hat, daß die Randbedingungen einmal nun so sind, daß D seit dem 8.5.1945 NICHT mehr souverän ist. Unter DIESEN Bedingungen muß man Realpolitik machen. Anders könnten die US Besatzer nicht ihr Prasserleben mit dem doppelten Durchschnitts-GDP leben, sondern müßten genau wie Japan, D und Südkorea auf unser Niveau trotz Produktionssteigerungen und Lohnstückkostensenkungen zurück.
Danke, Ihr DT
PS: Interessant wäre noch, wie sich eigentlich Ihre Heimat Ö diesem Besatzungsrecht und diesen Statuten entzogen hat. Ich weiß noch, daß Ö bis in die 70er Jahre kein NATO Mitglied und neutral war und Wien einen Sonderstatus hatte. Aber Ö genau wie IT und JP war wohl Kriegspartei und somit unter dem Diktum der Besatzer doch auch mitschuld. Wenn ich jedoch nach Ö fahre, denke ich immer:
"Das ist das bessere D hier. Hier sieht man, daß es in den letzten 20 Jahren noch eine Dynamik gab, daß auch Gelder, die von den fleißgen Alpenländern erwirtschaftet wurden, im Land geblieben sind, die Straßen und Schulen sind gut, die Häuser angestrichen, und es sieht nicht so aus wie in Duisburg-Marxloh oder im Westerwald." Wie konnte sich Ö dieser Besatzeroppression entziehen?