Kleiner Reisebericht aus Belgrad (mT)
bearbeitet von unbekannt, Freitag, 10.04.2015, 21:50
Diesmal hat es mich nach Serbien verschlagen, bis vor kurzem terra incognita und komplett weiß auf meiner persönlichen Landkarte. Nach mehreren Tagen in Belgrad muß ich sagen: Die Stadt ist unbedingt eine Reise wert und hat mich in vielerlei Hinsicht sehr positiv überrascht.
Ich beginne gleich einmal mit dem Fazit: Serbien scheint ein Land zu sein, in dem die Zeit noch ein wenig stehen geblieben ist, in guten und schlechtem Sinne. In gutem Sinne: man fühlt, daß der Moloch EU, das ganze Terrorzeugs, das Gender Mainstreaming etc. noch nicht angekommen ist. In manchen Momenten habe ich mich gefühlt wie in Moskau oder Ostberlin oder Leipzig in den 80er Jahren, was das Interieur von manchen Hotels oder auch Gaststätten angeht. Das Rauchverbot wird auch nicht super streng durchgesetzt. Frauen dürfen noch Frauen sein, und Männer Männer. Zum Teil scheint die Stadt von langbeinigen dürren Supermodels populiert zu sein, die Bevölkerung ist noch nicht durch Amifraß fett ernährt, sondern sieht auch noch aus wie Amis aus den 70ern oder Deutsche aus den 80er Jahren, eher schlank und rank.
Vom Leben, vom Zeitgeist her habe ich mich ein bisschen gefühlt wie in Berlin zu Beginn der 90er, Freiheit, Aufbruch, Kreativität, Künstler, Galerien, in einer doch noch relativ heruntergekommenen Umgebung, bevor der große Investmentboom kam und die „Schwaben“ den Prenzlauer Berg gentrifiziert haben.
Die Preise sind auch fantastisch für deutsche Augen: der Hin- und Rückflug ist für weniger als 300 EUR zu haben, Sitze und Flugbegleiter sind auch noch eher wie in den 80ern, Stewardessen sehen noch so aus wie man das erwartet und nicht wie fette Amiweiber, die sich in ihren Beruf reingeklagt haben, obwohl sie längst jenseits des Verfallsdatums und jenseits der Größe 36 sind.
In der Stadt fühlen sich auch die Preise wie vor 20 oder 30 Jahren an, man bekommt ein komplettes Essen draußen in der Fußgängerzone für ca 10 EUR, eine 500 ml Flasche Cola oder Fanta gibt’s ohne Probleme noch für 65 cent, (ca 110 Dinar = 1 EUR), die Sandwiches für zwischendurch kosten ca 1.50 EUR. 4-Sterne Übernachtungen in älteren Hotels Marke DDR gibt es schon für 50 EUR, und selbst moderne 4+ Sterne Übernachtungen sind für knapp 80 EUR zu haben, direkt an der Fußgängerzone im Stadtzentrum, Frühstück inclusive.
Die Stadt ist wunderschön und verströmt einen Flair, der eine seltsame Mischung aus k.u.k. Monarchie (Wien, Budapest, etc) und osteuropäischem Kommunismus (Prag, Warschau etc.) ist, schöne alte Jugendstil-Gebäude, dazwischen wieder häßlicher kommunistischer Baustil aus den 70ern. Nach dem Ende Jugoslawiens sind keine so großen Investitionswellen des Westens über Belgrad hinweg gegangen, die Sättigung mit McD, KFC, etc. hält sich in Grenzen, es gibt noch viele kleine Geschäfte, auch Lebensmittelläden. Außer den großen Ketten wie Zara, Mango, Max Mara etc. in der Fußgängerzone gibt es noch jede Menge kleiner Läden.
An der Burg, hoch über der Save und Donau gelegen, kann man die lange Geschichte spüren. Entlang der sehr schönen und sehr jung belebten Fußgängerzone mit vielen Cafes im Freien bei schönem Wetter kann man zur größten orthodoxen Kirche der Welt laufen, 70m hoch und innen noch roher Beton, der Saint Save Tempel. Unterwegs kann man einen kleinen Abstecher machen und steht vor dem ehemaligen Verteidigungsministerium, das die Amis 1999 aus der Luft bombardiert haben.
http://www.br.de/radio/bayern2/politik/breitengrad/serbien104~_v-img__16__9__xl_-d31c35...
Die Serben haben dieses Gebäude wie auch ihr Fernseh- und Radiozentrum, das ebenfalls bombardiert wurde, stehen lassen, und ich muß sagen, es ist das eindrucksvollste Mahnmal gegen den Krieg, das ich je gesehen habe. Die Gedächtniskirche in Berlin ist eher halbe Ruine, aber diese beiden recht neuen Gebäude mit ihren fast kreisrunden Löchern, aus denen die dicken Stahlgeflechte nach außen aufgebogen sind und die Betonplatten zum Teil noch raushängen, der Geruch, der selbst nach 17 Jahren noch ein wenig nach Feuer riecht, das Gefühl, als wäre das erst kürzlich passiert, die Lage mitten in der Stadt nicht weit von der belebten Fußgängerzone weg, die Höhe der Gebäude und wie man davorsteht und eigentlich nur den Kopf schüttelt und sich fragt „WARUM?“, das alles hat mich tief beeindruckt.
Wenn man sich überlegt, daß Jugoslawien mit seiner unabhängigen Rolle ein Dorn im Auge der Strategen wie Brezinski war, der seinen Cordon um Rußland enger ziehen wollte, der den Balkan in die westliche Imperialstrategie mit einbeziehen wollte, wie die gekauften Judasse Joschka Fischer und Scharping das deutsche Volk belogen haben und mit den Propagandahuren den Chor des Genozids angestimmt haben, der sich im Nachheinein als Scharade herausgestellt hat, wenn man das alles Revue passieren läßt, wenn man vor diesen Gebäuden steht, dann wird es einem ganz anders und man kann mit Händen die schreiende Ungerechtigkeit und den terroristischen Imperialismus der Besatzer und unserer speichelleckenden Hündchen in der Regierung greifen.
Im Gespräch mit den Serben kommt zum einen eine sehr große Unabhängigkeit zum Vorschein, eine kritische Haltung bzgl. EU wie auch gegenüber den Amis, aber auch gegenüber der Sowjetunion und gegenüber dem Kommunismus. Sie erscheinen mir wie ein unbändigbares Völkchen, fast wie das kleine gallische Dorf, das damals von den Römern umzingelt war.
Die Leute sprechen gut englisch, viele auch deutsch, man ist eigentlich trotz der Massaker an den Partisanen im 2. WK nicht negativ gegenüber den Deutschen eingestellt. Ich habe einige gefragt, ob sie gerne in die EU wollen, aber von keinem kam ein überzeugtes „Ja“. Viele sehen die sozialen Problem und auch die Probleme der Übernahme durch große Firmen und den Verlust der Selbständigkeit aus herannahmendes Problem.
Interessant war, daß in Belgrad nach wie vor viele Buchläden sind, auch draußen haben viele second-hand Buchhändler ihre Stände aufgebaut, und ich hatte noch nicht das Gefühl, daß die Bevölkerung komplett wie im Westen oder vor allem in Asien am Smartphone hängt.
Die Serben selber scheinen ein bisschen selbstironisch zu sein, sehr stolz, in der Tradition doch noch k.u.k., griechisch-orthodox (man sieht überall viele Ikonen), man ist zT noch nicht komplett der Service-Mentalität verfallen, um es mal vorsichtig auszudrücken, in manchen Restaurants wollte die Bedienung lieber nicht gestört sein
.
Ich habe übrigens selten eine Stadt gesehen, die mir von der Bevölkerung her so homogen erschien. Kaum Touristen, kaum Ausländer, fast keine Deutschen oder Engländer, hauptsächlich Serben, ein paar Bosnier vielleicht (Frauen mit Kopftuch), auch kaum Sinti oder Roma. Man hat sich sehr sehr sicher gefühlt, es gab nicht einmal im Ansatz ein mulmiges Bauchgefühl, wie es einen doch immer mehr auch in deutschen Städten nachts in der Ubahn oder SBahnunterführung beschleicht, was man früher eigentlich nur aus dem Amiland kannte (immer wachsam sein und nicht in die wrong neighborhood geraten).
Nachts ist richtig was los, in den vielen Klubs derStadt wird live Musik gemacht, und die Serben verstehen zu feiern. Essenstechnisch sind Fleischliebhaber sowieso im Vorteil, aber das kennt man ja schon von der jugoslawischen Küche mit Cevapcici und griechischen Einflüssen.
In der Stadt wird der öffentliche Nahverkehr noch groß geschrieben, alle paar Minuten fahren die alten Oberleitungs-Busse wie früher in der DDR oder wie ganz früher auch noch in Weststädten, und auch die Straßenbahnen sind noch vom Typ Ostberlin 1975. Im Straßenbild findet sich noch der ein oder andere Yugo oder alte Audi 80 (Typ 80er Jahre), aber auch viele neue Mercedes und Range Rover sowie Porsche Panamera, nicht ganz so extrem wie in Shanghai.
Was ich leider verpaßt habe, war das Nikola Tesla Museum (er ist ja auch ein Idol vieler Foristen hier). Im Flieger habe ich eine Werbeanzeige gesehen für eine Art iPad mit dem Namen „Tesla Tablet H890W“, www.tesla.info). Ich wußte nicht, daß es nicht nur die Autos dieses Namens gibt.
Was mir aufgefallen ist: die Serben gehen eigentlich sehr liebevoll mit einander um, viele Paare, auch ältere, halten Händchen, man ist höflich zueinander. Die Stadt ist eigentlich sehr sauber, ein paar Gebäude bräuchten wirklich einen neuen Anstrich, aber es gibt auch sehr viele Parks, die Stadt ist insgesamt sehr grün, vor allem, wenn man von der Burg auf die andere Seite der Donau schaut, wo sich ein riesiges Feucht-Naturschutzgebiet anzuschließen scheint, das dann in die extrem fruchtbare pannonische Ebene Richtung Ungarn und Rumänien übergeht.
Mein Fazit: der Balkan ist unbedingt eine Reise wert. Viel südlicher als Pecs in Ungarn war ich bisher noch nicht gekommen, und die ganzen Länder wie Montenegro, der Kosovo, Bosnien-Herzegowina oder Albanien oder auch Mazedonien oder auch Bulgarien, Rumänien, Moldavien oder auch die Ukraine sind auf meiner persönlichen Landkarte noch weiß. Da das ganze ja auch leicht per Auto erreichbar ist, werde ich wohl ein paar Erkundungsfahrten in diese Richtung einplanen müssen.
Wer die Gelegenheit dazu hat und nur kleines Geld ausgeben möchte, aber dabei eine verborgene Schönheit und einen Geheimtipp kennen lernen möchte, dem sei Belgrad ans Herz gelegt.
DT
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