Rußland: der umgestülpte Brzezinski. Und: Strategie zur Selbstbehauptung Europas.

politicaleconomy @, Freitag, 20.03.2015, 21:58 vor 3950 Tagen 4581 Views

bearbeitet von unbekannt, Freitag, 20.03.2015, 22:37

Nach seinem exzellenten Artikel, "Was kommt nach Putin?" wieder ein hervorragender Artikel von Kai Ehlers zu Rußland:

Der umgestülpte Brzezinski - Betrachtungen zu einem historischen Irrtum.

Auszüge (Link zum Volltext siehe unten):

"Wer die Welt beherrschen will, muss Eurasien beherrschen. Wer Eurasien beherrschen will, muss das eurasische Herzland, Russland beherrschen. Wer Russland beherrschen will, muss die Ukraine aus dem Einflussbereich Russlands lösen, denn – wiederholen wir die Feststellung Zbigniew Brzezinskis, die angesichts der Vorgänge um die Ukraine nicht oft genug wiederholt werden kann: „Ohne die Ukraine ist Russland kein eurasisches Reich mehr.“[1] Nach diesem, dem Britischen Commonwealth nachempfundenen Credo, haben die USA ihre Weltpolitik seit Auflösung der bipolaren Systemteilung 1989/90/91 entwickelt – einmal enger, einmal weniger eng am Drehbuch. Autor Brzezinski war immer wieder zur Stelle, um die Einhaltung der Grundausrichtung, die er nach dem Zerfall der Sowjetunion mit seinem Buch „Die einzige Weltmacht“ 1996 skizzierte, mit öffentlichen Kritiken und Interventionen aus dem strategischen Soufflierkasten einzuklagen."

"Die russische Bevölkerung rückt, allen Entbehrungen zum Trotz, die aus der gegenwärtigen Lage erwachsen, ja, geradewegs wegen dieser Entbehrungen enger um ihren gegenwärtigen Präsidenten zusammen. Die Übernahme der Krim wird begrüßt. Zahllose Freiwillige, nicht nur die offiziellen vom Dienst befreiten, unterstützen den Widerstand im Donbas gegen den von Kiew ausgehenden Nationalismus. Selbst der Mord an Boris Nemzow, der westliche Kommentatoren reihenweise hoffen ließ, nun werde sich ein Sturm gegen Putin erheben, kann die Zustimmung zu Putins augenblicklicher Politik nicht brechen. Die liberale Opposition hat in Russland keine vernehmbare Stimme. Russlands Besinnung auf sich selbst, auf seine eigene Geschichte, auf seine eigenen Kräfte, wird mit jedem Angriff stärker, den der Westen gegen Putin führt. Aus dem beabsichtigten Regimechange ist so eine Stabilisierung geworden. Anstelle eines russischen Maidan, entwickelt sich ein landesweiter russischer ‚Anti-Maidan‘. Gegen eine Fragmentierung Russlands schließt sich das Land enger zusammen und es sieht alles so aus, als ob sich solche Bewegungen mit jedem weiteren Angriff auf das Land, auf seinen Präsidenten weiter verstärken werden."

Nach einer erfahrungsgesättigten Analyse der russischen Reaktion auf die erneuten Versuche des Westens, sich RU einzuverleiben, kommt Ehlers zu dem treffenden Schluß:

"Eine neue Ostpolitik, , die zukunftsweisende, lebensdienliche Konsequenzen hätte, die die Fehler der polarisierenden Assoziierungspolitik vermeiden, kann für die EU, besonders für Deutschland nur darin bestehen mit Russland zusammen einen neuen Raum der Kooperation zu öffnen, der auch die östlichen und südlichen Anrainer Eurasiens einbezieht – statt sich weiter gegen Russland in Stellung zu bringen oder im Interesse der USA bringen zu lassen." (Link zum Volltext)


Ich will zum Abschluß nochmal meine eigene Position bekräftigen und präzisieren.

Die Situation: Die US-Hegemonie geht zuende, und wir brauchen eine grundlegende Erneuerung der internationalen Währungs- und Sicherheitsordnung. Gleichzeitig versuchen die USA, sich wie einst das British Empire durch die Kontrolle des eurasischen Kontinents als einzige Weltmacht zu etablieren. Mittel dafür ist die Verhinderung eines Zusammenschlusses v.a. zwischen Deutschland und Rußland, indem a) beide gegeneinander aufgehetzt werden und b) ein "cordon sanitaire" aus US-freundlichen Vasallenstaaten vom schwarzen Meer bis zur Ostsee aufgebaut wird.

Daraus ergeben sich folgende Aufgaben für die Selbstbehauptung Europas (siehe auch Helmut Schmidts Buch dazu) und Rußlands:

- Europa muß aus den beiden angloamerikanischen Versuchen, es zu zu teilen und dadurch zu beherrschen, endlich lernen und eigenständig agieren - in Kooperation mit einer gesamteurasischen Union, die die Kontrolle des europäischen "Heartland" nicht länger angloamerianischen Hegemonen überläßt, sondern selbst übernimmt.

- Dafür muß Deutschland mit Rußland dezidiert zu kooperieren und gegenüber den USA eigenständig agieren. Die Angebote seitens RU liegen seit 15 Jahren vor (vgl. Putins Rede - in deutscher Sprache - vor dem Bundestag von 2001, hier der Wortlaut in Schriftform).

- Die EU muß dafür auf einen eigenständigen liberalsozialdemokratischen, nach innen keynesianischen und nach außen (auch militärisch) starken Weg gebracht werden, der im Einklang mit genuin europäischen Werten steht.

- Dafür ist eine radikale Demokratisierung der EU-Organe nötig; weiterhin eine Vereinheitlichung des europäischen Privatrechts und ein gemeinsames Steuerrecht (Fiskalunion).

- Die Achse Paris-Berlin-Moskau-Peking muß zu einer Achse eurasischer Kooperation ausgebaut werden: das "Neue Rom" liegt nicht in Washington, sondern auf der Achse Paris-Berlin-Moskau-Peking. Die EU muß mit Osteuropa und den BRICSeine sozialliberale eurasistische Union auf den Weg bringen, die als Gesamtblock als (alternder, dafür aber wenig aggressiver) Hegemon für globale Währungs- und Sicherheitsordnung agieren kann und die Nachfolge der USA als "einzige Weltmacht" antritt.

- Dafür sind die Versuche der USA, Rußland gegen Deutschland aufzuhetzen (wie Friedman beschreibt und wofür es ab WK I historische Vorläufer-Versuche seitens des British Empire gab) und das eurasische "Heartland" zu kontrollieren, zu unterbinden und zu beenden und der IWF ist nach Hause zu schicken. Seine bisherigen Aufgaben sind an die europäische Entwicklungsbank zu übertragen, die ihre Programme nicht an "Konditionen" bindet, die lediglich dem Hegemonen dienen, sondern wirksame Entwicklungshilfe im Interesse des jeweiligen Schuldnerlandes und seines kooperativen Einbezugs in die internationale Arbeitsteilung leistet.

- Die EU muß in Zusammenarbeit vor allem mit den BRICS - Rußland, China, Indien Brasilien, Südafrika - das Weltwährungssystem erneuern und eine Internationale Clearing Union auf den Weg bringen, die 1944 in Bretton Woods von den USA verhindert wurde.

- Die UN ist auf der Basis dieser Konstellation zu erneuern.

- Dazu brauchen wir v.a. in den USA die Kooperation mit gleichgesinnten Kräften und Stimmen, die der vom militärisch-industrieellen Komplex und Teilen der Wall Street vorangetriebenen aggressiven, imperialen Politik der USA ablehnend gegenüberstehen (der altersweise offenbar gewordene Kissinger, John Mearsheimer - aktuelles Interview mit ihm etc.).

Auszüge aus Putins Rede im dt. Bundestag vom 25. 9. 2001 (Putin spricht deutsch)

politicaleconomy @, Samstag, 21.03.2015, 09:49 vor 3950 Tagen @ politicaleconomy 2578 Views

"Niemand bezweifelt den großen Wert der Beziehungen Europas zu den Vereinigten Staaten. Aber ich bin der Meinung, dass Europa seinen Ruf als mächtiger und selbstständiger Mittelpunkt der Weltpolitik langfristig nur festigen wird, wenn es seine eigenen Möglichkeiten mit den russischen menschlichen, territorialen und Naturressourcen sowie mit den Wirtschafts-, Kultur- und Verteidigungspotenzialen Russlands vereinigen wird.

Die ersten Schritte in diese Richtung haben wir schon gemeinsam gemacht. Jetzt ist es an der Zeit, daran zu denken, was zu tun ist, damit das einheitliche und sichere Europa zum Vorboten einer einheitlichen und sicheren Welt wird."

"Tatsächlich lebte die Welt im Laufe vieler Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts unter den Bedingungen der Konfrontation zweier Systeme, welche die ganze Menschheit mehrmals fast vernichtet hätte. Das war so furchterregend und wir haben uns so daran gewöhnt, in diesem Count-Down-System zu leben, dass wir die heutigen Veränderungen in der Welt immer noch nicht verstehen können, als ob wir nicht bemerken würden, dass die Welt nicht mehr in zwei feindliche Lager geteilt ist. Die Welt ist sehr viel komplizierter geworden.

Wir wollen oder können nicht erkennen, dass die Sicherheitsstruktur, die wir in den vorigen Jahrzehnten geschaffen haben und welche die alten Bedrohungen effektiv neutralisierte, heute nicht mehr in der Lage ist, den neuen Be-drohungen zu widerstehen. Oft streiten wir uns weiterhin über Fragen, die unserer Meinung nach noch wichtig sind. Wahrscheinlich sind sie noch wichtig. Aber währenddessen erkennen wir die neuen realen Bedrohungen nicht und übersehen die Möglichkeit von Anschlägen - und von was für brutalen Anschlägen!"

"Was fehlt heute, um zu einer effektiven Zusammenarbeit zu gelangen? Trotz allem Positiven, das in den vergangenen Jahrzehnten erreicht wurde, haben wir es bisher nicht geschafft, einen effektiven Mechanismus der Zusammenarbeit auszuarbeiten. Die bisher ausgebauten Koordinationsorgane geben Russland keine realen Möglichkeiten, bei der Vorbereitung der Beschlussfassung mitzuwirken. Heutzutage werden Entscheidungen manchmal überhaupt ohne uns getroffen. Wir werden dann nachdrücklich gebeten, sie zu bestätigen. Dann spricht man wieder von der Loyalität gegenüber der NATO. Es wird sogar gesagt, ohne Russland sei es unmöglich, diese Entscheidungen zu verwirklichen. - Wir sollten uns fragen, ob das normal ist, ob das eine echte Partnerschaft ist.

Die Verwirklichung demokratischer Prinzipien in den internationalen Beziehungen, die Fähigkeit, richtige Beschlüsse zu fassen, und die Bereitschaft zu einem Kompromiss - das ist eine schwierige Sache. Es waren aber ausgerechnet Europäer, die als Erste verstanden haben, wie wichtig es ist, nach einheitlichen Beschlüssen zu suchen und nationalen Egoismus zu überwinden. Wir sind einverstanden; dies sind gute Ideen. Die Qualität der Beschlussfassungen, deren Effizienz und letzten Endes die europäische und die internationale Sicherheit hängen im Großen und Ganzen davon ab, inwiefern wir diese klaren Grundsätze heute in praktische Politik umsetzen können.
Noch vor kurzem schien es so, als würde auf dem Kontinent bald ein richtiges gemeinsames Haus entstehen, in welchem Europäer nicht in östliche und westliche, in nördliche und südliche geteilt werden. Solche Trennungslinien bleiben aber erhalten, und zwar deswegen, weil wir uns bis jetzt noch nicht endgültig von vielen Stereotypen und ideologischen Klischees des Kalten Krieges befreit haben.

Heute müssen wir mit Bestimmtheit und endgültig erklären: Der Kalte Krieg ist vorbei."

Quelle: Texttranskript --- Video.

c. g. s. läuft es doch so, wird so laufen, wenn der tollwütige Hegemon nicht interveniert. (oT)

FESTAN, Samstag, 21.03.2015, 12:54 vor 3950 Tagen @ politicaleconomy 2209 Views

- kein Text -

In machen Trends ja, in sehr wichtigen noch nicht. Und sicher nicht "von selbst", da muß man schon nachhelfen

politicaleconomy @, Samstag, 21.03.2015, 19:39 vor 3949 Tagen @ FESTAN 2211 Views

Einer der wichtigsten Punkte: sinnvolle Reformpläne für die Währungsunion und Strategien für die Demokratisierung der EU werden bisher nicht breit diskutiert, geschweige denn in Brüssel zur Kenntnis genommen.

Es gibt sie aber, und es ist an der Zeit, sie in die Diskussion zu bringen. Beispielsweise der hochinteressante Vorschlag von Massimo Amato und Luca Fantacci, die EZB in eine europäische Clearing Union analog der von Keynes entworfenen international clearing union und der nach diesem Modell geformten europäischen Zahlungsunion (1950-1958).

Dies würde über eine einfache Ergänzung des existierenden Target2-Systems funktionieren. Die Grundidee besteht darin, sowohl Gläubiger- als auch Schuldnerländern mit einem "Strafzins" zu belegen.

Im Grunde wäre das vor allem auf globaler Ebene sinnvoll, da sich auf dieser Ebene Export- und Importüberschüsse aller Länder immer zu Null aufaddieren, folglich also der Exportüberschuss eines Landes den Importüberschuss der Komplementärgruppe (des Rests der Welt) bedingt.

Europa könnte durch eine europäische clearing union hier eine globale Vorreiterrolle einnehmen - eine ähnliche globale Lösung wird ja auch von den Chinesen geschätzt, bisher haben sich eben v.a. die USA dagegen gestellt.

Eine interessante Einschätzung Europas von J. Rickards

Olivia @, Sonntag, 22.03.2015, 07:23 vor 3949 Tagen @ politicaleconomy 2143 Views

bearbeitet von unbekannt, Sonntag, 22.03.2015, 07:34

Einer der wichtigsten Punkte: sinnvolle Reformpläne für die
Währungsunion und Strategien für die Demokratisierung der EU werden
bisher nicht breit diskutiert, geschweige denn in Brüssel zur Kenntnis
genommen.

...................

Das Thema "Demokratisierung" steht natürlich auch in Brüssel und Berlin auf der Tagesordnung. Vorher jedoch wird man sich um die Themen "Fiskalunion, strukturelle Reformen, Angleichung der Gesetze etc." kümmern. Ansonsten bleibt die Südschiene ein Faß ohne Boden. Und wie perfekt Manipulation der Wähler funktionieren kann, das sieht man ja derzeit wieder in Griechenland.

J. Rickards gibt in diesem Zusammenhang interessante Informationen über die Situation in den USA (jenseits des Mainstreams und der VTs), über China, die chinesische Schattenwirtschaft, die BRICS und ebenfalls eine Einschätzung über die Europäische Union und den Euro, die sehr stark von den Einschätzungen der Keynes und Krugman Liga abweicht!. Für mich hochinteressant, da ich nicht dachte, dass ausgerechnet ein Amerikaner die Dinge so einschätzt.

"The Death of Money" bei Amazon verfügbar, auch als Kindle-Version.

Nie vergessen: Die Europäische Union ist die größte Wirtschaftsmacht der Erde! Für "andere" ist sie vermutlich bereits sehr bedrohlich! Und nicht nur eine Partei wird ein Interesse daran haben, "Differenzen" zu schüren.

--
For entertainment purposes only.

Tja, wenn der "Staat" nicht das Sparen der Privaten ermöglichen darf, wird eben das Ausland zum Schuldner gemacht.

FESTAN, Sonntag, 22.03.2015, 12:55 vor 3949 Tagen @ politicaleconomy 1946 Views

bearbeitet von unbekannt, Sonntag, 22.03.2015, 13:18

Anders gesagt, sollte die überschießende Auslandsnachfrage durch eine der Produktivität der Volkswirtschaft entsprechende (staatliche) Inlandsnachfrage kompensiert werden, so dass der reale (öffentliche) Wohlstand hier gemehrt wird. Aber das wollen unsere Besatzer und ihre südeuropäischen Vasallen ja nicht, ökonomisch verkennend, dass sie so nur stärken, was sie schwächen wollen.

Gruß, FESTAN

Hillary (Hyäne) Clinton und die Ukraine

Apostroph @, Down Town (Switzerland), Sonntag, 22.03.2015, 10:24 vor 3949 Tagen @ politicaleconomy 2255 Views

kann sich nicht genug vollfressen. Papst Franziskus sprach gestern in Neapel von 'stinkenden Mafiosi'. Bei Clinton sind die Hyänen los, gepusht und bezahlt durch US-Oligarchen und Hintermänner, u.A. den Bankiers Gottes.

http://www.zerohedge.com/news/2015-03-21/clinton-foundation%E2%80%99s-deep-financial-ti...


'Clinton for president'?
Während es in Kiew brennt!

Apo'

--
"Wir können nicht alle Helden sein, weil ja irgendeiner am Bordstein stehen und klatschen muss, wenn sie vorüber schreiten."

W. Adair

Transrapid Berlin Warschau Moskau

aliter @, Sonntag, 22.03.2015, 20:47 vor 3948 Tagen @ politicaleconomy 2060 Views

hatte ich schon vor Jahren vorgeschlagen. Wollte nur keiner hören.

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