George Friedmans "Cordon Sanitaire" zur Verhinderung einer Allianz D-RU

politicaleconomy @, Dienstag, 17.03.2015, 14:26 vor 3953 Tagen 4018 Views

bearbeitet von unbekannt, Dienstag, 17.03.2015, 14:45

Friedman sagt in seinem Vortrag, die Strategie der USA habe seit über 100 Jahren darin bestanden, eine Allianz zwischen D und RU zu verhindern, und auch jetzt wieder bestünde das Ziel in einem "cordon sanitaire", einer Pufferzone amerikafreundlicher Staaten im "Intermarium", zwischen Ostsee und schwarzem Meer: Baltikum, Polen, Slowakei, Ungarn, Rumänien, Bulgarien ("This is the solution for the United States").

Die ehemals österreichisch-ungarische Westukraine (Czernowitz, Lemberg) befindet sich ebenfalls in diesem "cordon sanitaire".

Ein kurzer Blick auf wikipedia zeigt, daß dieser cordon sanitaire tatsächlich bereits nach dem 1. Weltkrieg durch die Siegermächte von Versailles aufgebaut wurde:

http://de.wikipedia.org/wiki/Cordon_sanitaire#Pufferzone_in_Osteuropa_von_1919.E2.80.93...

Friedman empfiehlt den USA, Eurasien zu teilen, die Teile mit Waffen, Beratung usw. zu "versorgen" und aufeinander zu hetzen, um so Eurasien möglichst ohne militärische Intervention zu beherrschen.

Als Vorbild nennt er das Vorgehen des British Empire (der den USA vorhergehenden Weltmacht) in Indien oder des antiken römischen Imperiums (einem weiteren Vorbild der USA).

Giacomo Preparata gibt in einem 2012 in der Asia Times erschienenen Interview mit Lars Schall dazu einen weiteren Hinweis (Quellenlink am Ende des Texts)

L.S.: Jemand, den Sie sehr mögen – und ich denke aus sehr guten Gründen – ist Thorstein Veblen. Sie schreiben, dass er uns in seiner Rezension zu Keynes‘ Buch “The Economic Consequences of the Peace” den Schlüssel gab, um zu verstehen, was danach in Deutschland geschah. Könnten Sie das bitte etwas weiter ausführen?

G.P.: Thorstein Veblen ist der größte Sozialwissenschaftler der Moderne – der einzige Ökonom, den sich Einstein zu lesen die Mühe machte. Angesichts der spirituellen Temperatur unserer Zeit ist es nur logisch, dass Veblen von gegenwärtigen Akademikern vollständig ignoriert wird. Meine älteren Professoren in den USA, die nie etwas von ihm gelesen hatten, erkannten ihn immerhin gewohnheitsmäßig als einen “Klassiker” an (die jüngeren akademischen Generationen haben noch nicht einmal seinen Namen gehört), und von Zeit zu Zeit holten sie routinemäßig ein Zitat über den “Geltungskonsum“ (“conspicious consumption“) von ihm hervor, ohne wirklich zu wissen, was hinter diesen zwei Worten steht.

In seiner Besprechung von Keynes‘ Post-Versailles-Buch sah er den Aufstieg eines radikalisierten deutschen Regimes voraus, allerdings nicht als unbeabsichtigte und bedauerliche Reaktion auf unbewusst halsabschneiderische Reparationen, wofür Keynes gefeiert wurde, dass er darüber in seinem Buch schrieb, obwohl das nicht einmal das war, woran er wirklich dachte (um der Sensation wegen beschwor Keynes kurzzeitig eine anti-westliche Allianz der verärgerten deutschen Generäle der Vergangenheit und der Bolschewiken herauf – ich werde später noch zu diesem entscheidenden Punkt zurückkehren, wenn es um den Vertrag von Rapallo geht).

Veblen argumentierte, dass das Reifen eines neuen militarisierten Regimes die genaue Absicht der Versailler Planer war, da ihr gemeinsamer Plot vorsah, diese wiedererstarkte deutsche Dynastie gegen die Bolschewiken zu lenken, für die Veblen, wie viele seiner radikalen Zeitgenossen auch, eine romantische Begeisterung hegte. Er irrte sich hierbei: das wahre Ziel des Komplotts war Deutschland selbst, nicht die UdSSR, die in der Tat ein zentraler Komplize in diesem ausgeklügelten Spiel war. Aber er entschlüsselte die grundlegende Dynamik der Täuschung von Versailles: er sah die Invasion Russlands durch das Monstrum voraus, das diese krampfartige Militarisierung erschaffen sollte, und zwar 20 Jahre, bevor es geschah (und er skizzierte obendrein im Jahr 1915 ein Porträt des Führers dieser Bewegung, eine beängstigende Vision von Hitler selbst).

Als ich diese Besprechung zum ersten Mal las, wurde mir schwindelig. Wie konnte es sein, dass niemand vor mir erkannt hatte, wie unglaublich wichtig diese Buchbesprechung war? Und dabei war alles, das Veblen tat, einen einfachen, wirtschaftlichen Hinweis als Hebel zu verwenden: die ausgebliebene Beschlagnahmung der finanziellen Reichtümer der abwesenden deutschen Eliten durch die Alliierten. Genial. (Quelle)

Sehr bedenkenswerte Gedanken.

Was könnte all das heißen?

Heißt das, daß die Zukunft Europas - mal wieder - maßgeblich von Entscheidungen abhängt, die in Deutschland getroffen werden, wie Friedman suggeriert? Sodaß man am Ende wieder einen "Alleinschuldigen" präsentieren kann, wie bereits 2x zuvor?

Oder eher - wie Albrecht Müller vermutet - daß D dabei eher eine Schachfigur in einem abgekarteten Spiel ist, bei dem Europa mit seiner Hilfe geteilt und beherrscht werden soll (ein Breakup der Eurozone wäre dabei den USA sehr hilfreich)?

Gibt es Hinweise auf die Einbindung deutscher europakritischer Strömungen in US-Netzwerke - und natürlich auch in russische Netzwerke, die ebenfalls kein Interesse an einem unabhängigen, starken Westeuropa haben können?

Ist eine eurasische Union mit einem starken, eigenständigen Westeuropa, eine sinnvolle Strategie gegen die wankende US-Hegemonie, wie ich hier formuliert hatte?

Denn die Situation im Vergleich zu 1919 hat sich verändert. Damals war in RU gerade die Oktoberrevolution über die Bühne gegangen, und der Systemkonflikt Kapitalismus vs. Kommunismus hatte begonnen. Heute hat sich RU auf einen liberalen Weg gemacht - zunächst unter Zwang, dann - mit einem mit Putin wiedererstarkten Staat, der die soziale Situation der meisten Russen, die nach 1990 ins Katstrophale abgeglitten war, wieder etwas stabilisiert hat, aber generell - wie ich glaube - ein liberaler Kurs ist.

Ist dies wirklich ein liberaler Weg? Inwiefern hat sich die Situation seit 1919 substanziell verändert? Wie sieht das Verhältnis Deutschland-Rußland heute wirklich aus? Wie das Verhältnis Deutschland-USA?

Wie seht IHR das?

Vorab ne Frage

nereus @, Dienstag, 17.03.2015, 16:26 vor 3953 Tagen @ politicaleconomy 2783 Views

bearbeitet von unbekannt, Dienstag, 17.03.2015, 16:47

Hallo politicaleconomy!

Zunächst möchte ich eine Frage vorweg stellen, in der Hoffnung, Du weißt eine Antwort darauf.

Der „Friedman-Sprech“ scheint zum Aufreger des Jahres zu werden, denn auf den alternativen Medien ist es fast überall ein Thema – im Mainstream herrscht Grabesruhe, soweit ich das erkennen konnte.
Aus dieser Konstellation schlußfolgere ich, daß dieses Video aus Chicago nicht für die breite Öffentlichkeit bestimmt war, denn es konterkariert doch komplett das permanente Lügenpressen-Gequake.

Wie kam also das Video auf Youtube?
Nimmt die breite Masse solche Ergüsse nicht zur Kenntnis, weil sie in den Milliarden von Datenströmen einfach untergehen oder gab es hier eine gezielte Indiskretion?

Friedman stand schon einmal im Fokus des Geschehens, aber das war ziemlich unfreiwillig.

George Friedman ist enttarnt. Der Mann, der aussieht wie der nette Opa von nebenan, der sich stets unscheinbar gab und seine Rolle herunterspielte so weit es nur ging, hat keinen Zug mehr frei. Vor wenigen Tagen veröffentlichte die Internetplattform Wiki-Leaks rund 150 E-Mails der US-Strategieberatung Stratfor, die Friedman 1996 gründete.
Es sind die ersten Tropfen eines gigantischen Unwetters – Wiki-Leaks wurden nach eigenen Angaben fünf Millionen dieser Mails zugespielt.

Quelle: http://www.handelsblatt.com/unternehmen/management/george-friedman-der-enttarnte-chef-d...

Dies geschah vor 3 Jahren.
Daher wäre es sehr wohl interessant zu erfahren, wie die Äußerungen ans Tageslicht gelangten, denn das bedeutet, daß auch im inneren Zirkel Leute existieren, denen das Spiel zu heiß zu werden droht und die deshalb präventiv ein „paar Handgranaten in die Menge“ schmeißen.
Diesen Verdacht hegte ich schon bei Ed Snowden, denn es war nahezu unvorstellbar, daß dieser Mann unbeschadet nach Russland einreist, ohne die entsprechende Protektion aus dem eigenen Dunstkreis.

Es kracht offenbar gewaltig hinter den Kulissen und das gäbe eine gewisse Hoffnung.
Siehst Du das ähnlich oder interpretiere ich das zu optimistisch?

mfG
nereus

Kann ich nicht beantworten

politicaleconomy @, Dienstag, 17.03.2015, 17:14 vor 3953 Tagen @ nereus 2424 Views

Hallo nereus,

ich habe nicht genug Insiderwissen, um Deine Frage fundiert beantworten zu können. Ich kann auch nur Bruchstücke beobachten. Ja, man kann Snowden und die Stratfor-leaks vielleicht so interpretieren, daß "das Imperium" eben nicht völlig monolithisch ist, sondern auch innere Brüche zeigt.

De facto dürfte es ja nur ein relativ kleines, aber sehr einflußreiches Netzwerk von Leuten sein, die derartige Strategien plant und umsetzt - aber mithilfe eines ganzen Netzes von Idelogien, Think Tanks, persönlichen Beziehungen etc. Auch da könnte es Aussteiger geben, die Material leaken lassen, wie es überall solche Leute gibt.

Ich hatte ja auch auf Äußerungen von Kissinger hingewiesen, die in eine eher mäßigende Richtung deuten.

Ich weiß aber nicht wirklich etwas detailliertes dazu. Aber Kräfte in den USA zu suchen, mit denen man GEGEN die von Friedman beschriebene geopolitische Strategie kooperieren kann, und sich mit diesen zu vernetzen, halte ich für enorm wichtig.

Du schreibst:

Aus dieser Konstellation schlußfolgere ich, daß dieses Video aus Chicago
nicht für die breite Öffentlichkeit bestimmt war, denn es konterkariert
doch komplett das permanente Lügenpressen-Gequake.

Wie kam also das Video auf Youtube?
Nimmt die breite Masse solche Ergüsse nicht zur Kenntnis, weil sie in den
Milliarden von Datenströmen einfach untergehen oder gab es hier eine
gezielte Indiskretion?

Über die Motive desjenigen, der das Video ins Netz gestellt hat, zu spekulieren, halte ich für müßig. Friedman hat seine Ansichten ja nicht zum ersten mal vorgetragen, sondern publiziert sie seit Jahren in seinen Büchern.

Der Ausschnitt, der populär wurde und herumgereicht wird, wurde ja von "Deutschland+Russland" am 12.3. ins Netz gestellt, der komplette Vortrag von Friedman stand schon am 4.3. im Netz und wurde vom Chicago Council on Global Affairs, wo der Vortrag stattfand, ins Netz gestellt.

So populär bei Alternativmedien wäre er wohl nicht geworden, ohne "Deutschland+Russland" ihn dieser community auf ihrem youtube-Kanal präsentiert hätte.

Was mich eher wundert, ist Friedmans Ansage, "man wisse nicht, wie Deutschland handeln werde", und "davon würden die nächsten 20 Jahre Geschichte abhängen".

Momentan nehmen die Deutschen den USA mit ihrer Strategie innerhalb der Währungsunion das "divde et impera" ja sehr bequem ab - mithilfe der US-Ideologie des einzelwirtschaftlich verblendeten Neoliberalismus, den die USA selbst gar nicht praktiziert, sondern nur von seinen Vasallen vorschreibt. D ist hier nach wie vor williger Helfer der USA, und noch dazu vermutlich ahnungsloser williger Helfer (Merkel und Schäuble kapieren nicht im geringsten die Funktionsweise einer Währungsunion, von Makroökonomie ganz zu schweigen).

Die Deutschen selbst also treiben einen Keil zwischen Gläubiger- und Schuldnerländer und zerstören das "Projekt Europa" und den Euro. Auch die Achse Berlin-Paris wird von Schäuble/Merkel und deren "Vice Chancellor" Hollande zerstört. Die USA könnte also einmal mehr Gewinner sein und die "Alleinschuld" am Schlamassel wieder mal den Deutschen in die Geschichtsbücher schreiben.

Würden die Deutschen sich dagegen von ihrer US-Hörigkeit lösen und für eine gesamteuropäische Lösung optieren, Europa vis a vis den USA als eigenen Machtblock mit potentieller Teilnahme an einer eurasischen Union (Friedens- und Freihandelsachse Paris-Berlin-Moskau) "framen", sähen sich die USA sicherlich gezwungen, noch sehr viel offensichtlichere Strategien des Eingreifens zu verfolgen, und dann kämen ihre Interessen auch viel offener ans Tageslicht.

Steht in der Zeitung von 2009

pigbonds @, Dienstag, 17.03.2015, 19:47 vor 3953 Tagen @ nereus 2533 Views

Der „Friedman-Sprech“ scheint zum Aufreger des Jahres zu werden, denn
auf den alternativen Medien ist es fast überall ein Thema – im
Mainstream herrscht Grabesruhe, soweit ich das erkennen konnte.
Aus dieser Konstellation schlußfolgere ich, daß dieses Video aus Chicago
nicht für die breite Öffentlichkeit bestimmt war, denn es konterkariert
doch komplett das permanente Lügenpressen-Gequake.


Längst im Mainstream, 2009 hat es aber keinen einzigen Kommentar gegeben:
http://www.welt.de/politik/article3743400/Polens-grossmaechtige-Ambitionen-fuer-Europa....

Wie kam also das Video auf Youtube?
Nimmt die breite Masse solche Ergüsse nicht zur Kenntnis, weil sie in den
Milliarden von Datenströmen einfach untergehen oder gab es hier eine
gezielte Indiskretion?

Indiskretion? Friedman stellt sein Buch vor. Auf Twitter kriege ich jeden Tag
10-20 gesponsorte Tweets von Stratfor, um deren Artikel und Beiträge zu sehen.

Der Mann zahlt sogar, dass man ihn zur Kenntnis nimmt.

Nimmt die breite Masse solche Ergüsse nicht zur Kenntnis, weil sie in den

Wie Du. Ich habs x-mal thematiesiert und verlinkt.

Interessant auch, was er zu DE und Siemens sagt:
https://www.youtube.com/watch?v=QeLu_yyz3tc#t=25m40s

"man wisse nicht, wie Deutschland handeln werde"

FOX-NEWS @, fair and balanced, Mittwoch, 18.03.2015, 08:14 vor 3953 Tagen @ politicaleconomy 1957 Views

Was mich eher wundert, ist Friedmans Ansage, "man wisse nicht, wie
Deutschland handeln werde", und "davon würden die nächsten 20 Jahre
Geschichte abhängen".

Das erschüttert meine bisherige Meinung, daß in Berlin nur US-Sockenpuppen die Geschäftsleitung inne haben ...

Momentan nehmen die Deutschen den USA mit ihrer Strategie innerhalb der
Währungsunion das "divde et impera" ja sehr bequem ab - mithilfe der
US-Ideologie des einzelwirtschaftlich verblendeten Neoliberalismus, den die
USA selbst gar nicht praktiziert, sondern nur von seinen Vasallen
vorschreibt. D ist hier nach wie vor williger Helfer der USA, und noch dazu
vermutlich ahnungsloser williger Helfer (Merkel und Schäuble kapieren
nicht im geringsten die Funktionsweise einer Währungsunion, von
Makroökonomie ganz zu schweigen).

Dem Kohl haben sie bei der Wiedervereinigung die Pistole auf die Brust gesetzt. Wie kommt man jetzt bitte wieder aus dem €-Schlamassel raus? Ich sehe die Fakten und die sagen mir, daß es darauf hinausläuft, Lateineuropa rauszuekeln oder man wird selber rausgeschmissen. Die Rolle der pedantischen Sturköppe und Kampfsparer ist doch aufgesetzt! Merkel und Schäuble wissen genau, was sie tun und auch, daß diese Währungsunion eben NICHT funktionieren kann.

Grüße

--
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** Keiner soll hungern ohne zu frieren! **

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