Die polare Spaltung der Ukraine und ihre geostrategische Instrumentalisierung

Falkenauge @, Dienstag, 17.03.2015, 09:11 vor 3954 Tagen 2696 Views

Es war abzusehen, dass sich die Ostukrainer, die geschichtlich stark mit der russischen Mentalität und Sprache verbundenen sind, der prowestlichen Putsch-Junta und ihren nationa-listischen, rechtsextremen Hilfstruppen nicht unterwerfen würden.

Der polnische Historiker Grzegorz RossoliÅ„ski-Liebe sagte in einem Interview: “Die Ukrainer sind aufgrund ihrer Geschichte vielfältig, haben verschiedene lokale und nationale Identitäten, obwohl das Land durch die Sowjetisierung vereinheitlicht wurde. Die meisten in der Ukraine lebenden Menschen definieren sich zwar als Ukrainer, aber sie sprechen nicht alle Ukrainisch und fühlen sich verschiedenen historischen Traditionen zugehörig. Galizien hat eine andere Geschichte als die Zentral- oder die Ostukraine. Transkarpatien (im äußersten Südwesten) hat nur bedingt etwas mit der Krim oder der Ostukraine zu tun.
Um so einen Staat kulturpolitisch angemessen zu verwalten, muss man seine Vielfalt akzeptieren und mit ihr umgehen können. Man kann nicht von allen seinen Bürgern verlangen, dass sie sich mit einer nationalistischen Version der ukrainischen Geschichte identifizieren oder dass sie alle und in allen Situationen Ukrainisch sprechen. (…) Solche Verordnungen führen zu Frustrationen, ebenso wie ein künstlich-nationalistisches Geschichtsnarrativ, mit dem sich niemand wirklich identifizieren kann. Ein Staat, der die Vielfältigkeit und die Heterogenität einer Gesellschaft nicht akzeptiert und respektiert und die Gesellschaft in einen nationalen Monolith zu verwandeln versucht, ist unzeitgemäß.”

Der nationale Einheitsstaat in der Ukraine ist eines der Kernprobleme. Die Gruppierung, die an der Macht ist, unterdrückt die anderen.
Und diese Spaltung wird von den Amis intrumentalisiert.

Siehe eine Analyse auf:
https://fassadenkratzer.wordpress.com/2015/03/16/die-polare-spaltung-der-ukraine-und-ih...

Divide et Impera funktioniert am besten an bereits bestehenden Bruchlinien

politicaleconomy @, Dienstag, 17.03.2015, 15:56 vor 3953 Tagen @ Falkenauge 1891 Views

bearbeitet von unbekannt, Dienstag, 17.03.2015, 16:05

Der nationale Einheitsstaat in der Ukraine ist eines der Kernprobleme. Die
Gruppierung, die an der Macht ist, unterdrückt die anderen.
Und diese Spaltung wird von den Amis intrumentalisiert.

Ja. Die Strategie "teile und herrsche" funktioniert am besten, wenn man die Leute an sowieso schon bestehenden kulturellen Bruchlinien gegeneinander aufhetzt (z.B. bei Iran/Irak: Schiiten und Sunniten). In der Ukraine ist das ein ganz alte Bruchlinie, die zwischen Ost- und Weströmischem Reich, zw. orthodoxem und katholisch-westlichem Christentum.

Die wird funktionalisiert fürs "divide et impera" von den protestantischen USA.

Bricht also ein alter Bruchlinienkonflikt nach langer Friedenszeit überraschend wieder auf, wird man bei der Suche nach Ursachen immer auch nach dem "divide et impera" einer Hegemonialmacht suchen müssen.

Weiteres Paradebeispiel ist Ex-Jugoslavien

mira @, Dienstag, 17.03.2015, 16:18 vor 3953 Tagen @ politicaleconomy 1854 Views

Und zwar gab es da gleich mehrere verschiedene Bruchlinien nebeneinander: Die etnische: Slawen - Romanische - Albanische - Griechischen; Religiöse: Christlich/Römisch - Christlich/Orthodox - Muslimisch; ehemalige Grenzen zwischen: Österreich/Ungarn - Italien - Türkei.

Ist ein sehr interessanter Gedanke von Dir. Welche Bruchlinien haben denn wir Deutsche und Deutschland inländisch und mit dem Ausland? Darauf müßte Politik wohl ein sehr scharfes Auge haben, denn hier könnten ja Gefahren liegen, die sich ggfs. bei Bedarf auch gegen uns instrumentalisieren ließen - oder?

Grüße

mira

Jugoslawien wurde 1919 als Teil des "cordon sanitaire" erst geschaffen

politicaleconomy @, Dienstag, 17.03.2015, 16:45 vor 3953 Tagen @ mira 1925 Views

Hi,

Und zwar gab es da gleich mehrere verschiedene Bruchlinien nebeneinander:
Die etnische: Slawen - Romanische - Albanische - Griechischen; Religiöse:
Christlich/Römisch - Christlich/Orthodox - Muslimisch; ehemalige Grenzen
zwischen: Österreich/Ungarn - Italien - Türkei.

Jugoslawien wurde ja explizit nach WK I von den USA, FR und GB als Teil des "cordon sanitaire" geschaffen - derjenigen "Pufferzone", die die USA jetzt laut Friedman wieder aufbauen wollen (hatte ich hier beschrieben, dort auch der wikipedia-link), und die US-Strategie im Kosovo-Konflikt paßt nahtlos dazu.

Die Funktionalisierung funktioniert auch deswegen, weil ja tatsächlich Konflikte bestehen, und man dann das Verfolgen eigener Interessen als "humanitäre Mission" ausgeben kann. Entlarven kann man das, indem man vergleicht, bei welchen Konflikten die USA eingreifen und bei welchen nicht - und aus welchen Gründen jeweils.

Ist ein sehr interessanter Gedanke von Dir. Welche Bruchlinien haben denn
wir Deutsche und Deutschland inländisch und mit dem Ausland? Darauf
müßte Politik wohl ein sehr scharfes Auge haben, denn hier könnten ja
Gefahren liegen, die sich ggfs. bei Bedarf auch gegen uns
instrumentalisieren ließen - oder?

Nun, alte Feindschaften - v.a. zw. Deutschland und Frankreich. Die zu instrumentalisieren, ist ebenso im Interesse der USA (und Merkels neoliberaler, makroökonomische komplett verrückter Umgang mit FR verschärft die Spannungen mit FR bereits enorm - dazu hier eine Stimme aus Frankreich: Emmanuel Todd).

Natürlich wissen das die Russen auch. Die Front National will raus aus der NATO und mit RU kooperieren. Sie wird von Putin unterstützt. Ein weiterhin US-höriges D wäre im Fall eines Siegs der Front National in FR wiederum isoliert.

Verzwickte Lage.

Verzwickte Lage in der Tat

mira @, Dienstag, 17.03.2015, 18:08 vor 3953 Tagen @ politicaleconomy 1763 Views

Der "Erbfeind" war mir klar, wobei ich persönlich davon ausgehe, daß die Aussöhnung in den letzten Jahrzehnten soviel Früchte getragen hat, daß eine Wiederbelebung nur sehr schwer wird möglich sein - Friktionen und Irritationen aber schon. Dein Link "Emanuell Todd" führt übrigens nicht zu ihm, sondern zu einem Deiner Postings von heute morgen. Wäre schön, wenn Du ihn nochmals richtig posten könntest, denn er interessiert mich.

Richtung Ausland stellt sich für mich viel eher die Frage Richtung Polen. Die Bruchlinien sind alt und m.E. z.Zt. überkleistert - wir merken nichts davon, wenn man seine Nase nicht zusehr in polnische Innenpolitik steckt. In Polen selbst gibt es ja bereits Stimmen, die monieren, daß man den Amis "einen blase" und sich dabei toll vorkäme (Verhalten in der Ukrainekrise war gemeint), ohne in Rechnung zu stellen, daß man dadurch das Verhältnis zu dem wichtigsten Nachbarn Deutschland auf Dauer ruiniere. Die Aussöhnung mit Polen ist m.E. bei weitem nicht so fortgeschritten wie die mit F. . Vielleicht steckte auch die Befürchtung dahinter, daß bilaterale Verhältnis könne aktiv von Aussen verschlechtert werden, die Walesa vor ein paar Monaten den Vorschlag in die Debatte werfen ließ, Polen und Deutschland sollten sich doch zu einem Staat vereinen. Fand ich damals aus wirtschaftlichen Gründen absurd, vielleicht ist es das ja aber garnicht aus anderer Sicht. Allerdings würde dann aus der äußeren Bruchlinie möglicherweise eine innere.

Nur Gedanken, nichts Ausgereiftes.

Grüße

mira

Ja, Polen ...

politicaleconomy @, Mittwoch, 18.03.2015, 01:47 vor 3953 Tagen @ mira 1743 Views

Hi,

Der "Erbfeind" war mir klar, wobei ich persönlich davon ausgehe, daß die
Aussöhnung in den letzten Jahrzehnten soviel Früchte getragen hat, daß
eine Wiederbelebung nur sehr schwer wird möglich sein - Friktionen und
Irritationen aber schon. Dein Link "Emanuell Todd" führt übrigens nicht
zu ihm, sondern zu einem Deiner Postings von heute morgen. Wäre schön,
wenn Du ihn nochmals richtig posten könntest, denn er interessiert mich.

https://www.youtube.com/watch?v=asPsJagGgAY

Sorry für den falschen Link. Da war anscheinend noch was anderes in meiner Zwischenablage.

Richtung Ausland stellt sich für mich viel eher die Frage Richtung Polen.

Ja. Ist mir dann auch eingefallen, und Friedman sieht hier ja den wichtigsten zukünftigenPlayer in dieser Hinsicht. Dürfte verstärkt von den USA gempampert werden in nächster Zeit.

Die Bruchlinien sind alt und m.E. z.Zt. überkleistert - wir merken nichts
davon, wenn man seine Nase nicht zusehr in polnische Innenpolitik steckt.

Mh, die polnische Geschichte, mit den vielen Teilungen und teilweisem völligen Verschwinden von der Landkarte ... erst Germanisierung, dann nach 1919 Gebietsverluste der Deutschen zugunsten von Polen ("Korridor"), nach 1945 Russifizierung ... vor allem letzteres dürfte im historischen Gedächtnis noch lebhaft präsent sein, da es ja erst 1990 beendet wurde (beginnend mit Lech Walesa 1980 ... sicherlich von den USA unterstützt).

Ich habe mich mal mit einer Polin unterhalten können, nach kurzer Zeit hat sich mich - als Deutschen - auf Katyn hingewiesen - die Sowjets hatten ihren Eltern bis 1990 erzählt, das seien die Deutschen gewesen.

Aber ist es nicht an der Zeit und besteht nicht heute die Möglichkeit, die grausame Vergangenheit, die ja auch auf dem von der Bevölkerungsexplosion hervorgebrachten europäischen "Youth Bulge" fußte, endlich zugunsten einer friedlichen Zukunft zu beenden?

Ich meine, die demographischen Bedingungen dafür sind gegeben wie nie zuvor. Jetzt müssen nur noch die ökonomischen Bedingungen gegeben sein: denn Deflation und hohe Arbeitslosenraten sind ein Nährboden für Frustration, Aggression und das Ausgraben alter Konflikte, während Prosperität, Wachstum und Vollbeschäftigung eher zu Kooperation und wechselseitigem Profitieren führen. Das Hochkochen der Konflikte ist ja gerade Folge der Finanzkrise 2008ff und ihre Folgen, die noch längst nicht ausgestanden sind und in der Eurozone weltweit am schlechtesten gemanaged werden.

In Polen selbst gibt es ja bereits Stimmen, die monieren, daß man den Amis
"einen blase" und sich dabei toll vorkäme (Verhalten in der Ukrainekrise
war gemeint), ohne in Rechnung zu stellen, daß man dadurch das Verhältnis
zu dem wichtigsten Nachbarn Deutschland auf Dauer ruiniere.

Interessant, aber auch zu erwarten. Fragt sich, welches Gewicht solche Stimmen haben. Weißt Du näheres? Ich hab leider keine Kontakte nach Polen und weiß wenig darüber, war auch noch nie dort.

Die Aussöhnung
mit Polen ist m.E. bei weitem nicht so fortgeschritten wie die mit F. .

Ja, ging ja auch wegen des eisernen Vorhangs bis 1990 nicht so intensiv wie mit Frankreich, also über direkte persönliche Kontakte und gegenseitige Besuche wie mit FR (aber Willy Brandt hat mit seinem Kniefall sicher einiges bewirkt).

Vielleicht steckte auch die Befürchtung dahinter, daß bilaterale
Verhältnis könne aktiv von Aussen verschlechtert werden, die Walesa vor
ein paar Monaten den Vorschlag in die Debatte werfen ließ, Polen und
Deutschland sollten sich doch zu einem Staat vereinen.

Hm ... so ähnlich wie vor 1919? Gorbi soll ja mal erwogen haben, Kaliningrad an Deutschland zurückzugeben ... also ... ich weiß nicht, ob sowas sinnvoll wäre. Deutschland und Polen in einem gemeinsamen europäischen Haus, warum nicht? Aber PL + D ohne Rest-Westeuropa, warum?

Und Kaliningrad (Ex-Königstberg/Ostpreußen, Heimat Immanuel Kants, jetzt russische Enklave) - dort wohnen jetzt nach 1945 angesiedelte Russen aus der ganzen ehemaligen Sowjetunion ... wirklich zurückdrehen kann man Geschichte nicht, aber auf diesem Gebiet trifft sich deutsche und russische Geschichte auf ganz besondere Weise, und da wird seit 1990 auch an Versöhnung auf ganz besondere Weise gearbeitet. Ich war letzten Sommer dort und bin an der Brücke von Tilsit (jetzt: Sowjetsk) gestanden. Allerdings nur auf der litauischen Seite. Hab auch viel dazu gelesen.

Ich glaube, das gegenseitige Interesse an der Geschichte des jeweils anderen ist gerade unter den "jüngeren" sehr groß.

Fand ich damals aus
wirtschaftlichen Gründen absurd, vielleicht ist es das ja aber garnicht
aus anderer Sicht. Allerdings würde dann aus der äußeren Bruchlinie
möglicherweise eine innere.

Hm ... siehe oben. Interessant, daß es solche Ideen gibt - und ausgerechnet von Walesa, der sicher in den 80ern für seine Gewerkschaft Solidarität von den USA Unterstützung bekommen hat. Auch Gorbi hat sich ja kürzlich hinter Putin gestellt und die NATO kritisiert. Gauck dagegen ist immer noch dankbar höriger US-Vasall, Merkel ... schon auch noch, aber da bröckelt es auch schon, meine ich.

Nur Gedanken, nichts Ausgereiftes.

Klar ... von mir auch.

Danke + Gruß!

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