Entropie

Isländer @, Freitag, 13.03.2015, 12:09 vor 3956 Tagen 7303 Views

bearbeitet von unbekannt, Freitag, 13.03.2015, 12:16

Oder: "An die Philosophen hier im Forum"


Bei der Erarbeitung einer Datenbank (Kunden -und Mitarbeiterverwaltung) stoße ich während einer Pause auf einen Artikel von Kreuzer.

Und zwar zur allgemeingesellschaftlichen Problematik.

Verwundert stelle ich fest:

Der Artikel passt wie die Faust aufs Auge zu meinen derzeitigen Problemlösungsversuchen.
Und um so länger ich sinniere, fallen mir immer mehr Situationen ein, bei welchen mir die vorsichtigen Denkanstöße Kreuzers geholfen hätten.

Gibt es hier gleichartige Reaktionen beim Lesen des Artikels?

Gerade im Aktienbereich, wo sich wahre, falsche und sonstige Infos überschlagen, verschieden in die Welt gesetzt und verschieden interpretiert, sucht man doch Erklärungen.
Der hiesigen Wellentheorie könnte es den Weg zur Einfachheit verkürzen.

Quelle:
http://www.egon-w-kreutzer.de/Ressourcen/102015Dwolf.pdf


Egon W. Kreutzer 12. März 2015


Statt eines Paukenschlags:


Allgemeine Gedanken zum drohenden Zusammenbruch der Ordnung

Man kann die „Ordnung“ von zwei extrem unterschiedlichen Blickwinkeln aus betrachten. Der eine Blickwinkel vermittelt eine „göttliche“ Ordnung, die von den Bahnen der Gestirne bis zum Kristallgitter des Diamanten überall sichtbar wird, wenn man nur die Augen öffnet und bereit ist, diese Ordnung zu erkennen. Der andere Blickwinkel offenbart die menschliche Ordnung, die sich in Grenzen und Gesetzen ebenso zeigt, wie im Aktenschrank des Bürokraten.

Weite Teile des menschlichen Lebens sind inzwischen von dieser menschengemachten Ordnung abhängig, davon dass alles und jeder an seinem Platz ist und dort nach den vorgegebenen Regeln ordnungsgemäß funktioniert.

Während die „göttliche“ Ordnung sich mit dem natürlichen Chaos bestens arrangiert hat, und uns sowohl bis an die Grenzen des Universums wie auch bis in die Verästelungen des Mikrokosmos immer wieder durch neue, verwirrende Erkenntnisse überrascht, lässt sich die menschengemachte Ordnung mit dem um sie herum herrschenden Chaos schlecht vereinbaren.

Hätte ein Mensch die Welt geschaffen, wir müssten weder Gold noch Diamanten in tiefen Bergwerksgruben suchen. Alles was gut und wichtig und nützlich wäre, hätte seinen festen Platz und wäre für den Berechtigten leicht zugänglich, während alles was schlecht und unwichtig und unnütz ist, in einer gigantischen Mülldeponie vom Anbeginn der Zeit an vergraben wäre, mit einem großen Hinweisschild oben drauf: „Deponie – Nicht öffnen! – Eltern haften für ihre Kinder!“

Da der Mensch die Welt nun aber nicht geschaffen hat, bemüht er sich zumindest, alles, was sich ordnen lässt, den Prinzipien seiner Ordnung zu unterwerfen.

Postleitzahl, Straße, Hausnummer, Name, Vorname bilden ein Ordnungsschema, das den Transport von Briefen und Paketen ebenso ermöglicht, wie den Einzug der GEZ-Gebühren.

Grundgesetz, Straßenverkehrsordnung, Kfz-Zulassungsstelle, Kfz-Kennzeichen bilden ein anderes Ordnungssystem, das zum Beispiel die Ausstellung von Bußgeldbescheiden ermöglicht.

Die beiden hier genannten sind „alte Ordnungen“, die auch vor 50 Jahren schon bestanden und nahezu unverändert auch heute noch aufrechterhalten werden.

Die Ordnungssysteme, die für große, ja gigantische Datenbanken gelten, wie sie zum Beispiel von Google aufgebaut werden, sind dagegen etwas für Spezialisten – und es sind noch höher qualifizierte und spezialisierte Spezialisten, die sich Software-Instrumente ausdenken, die in der Lage sind, über das Internet die Steuerzentralen von Atomkraftwerken zu infizieren und diese gegen den Willen der Betreiber abzuschalten oder zur Havarie zu treiben.


Grundlage für das Wirken dieser Spezialisten ist ihre Fähigkeit, sich in diese für den Normalbürger unerklärlichen Ordnungen der Quelltexte und Maschinencodes unerkannt einzuschleichen – und sie zu verändern.

Wir erleben also im professionellen Hacker ein „System“, das sich menschengemachte Ordnungen zunutze macht, um Chaos zu stiften.

Wobei davon ausgegangen werden kann, dass zunehmende Komplexität mit zunehmender Störanfälligkeit einhergeht, bzw., dass der Aufwand, eine komplexe Ordnung zu schützen, weitaus größer ist, als der Aufwand eine einfachere Ordnung zu erhalten.

Während die einfachere Ordnung oft schon alleine durch eine mehr- bzw. vielfache Redundanz ihrer Elemente erhalten werden kann, stößt dieses Prinzip bei hochkomplexen Ordnungen sehr schnell an seine physikalischen und wirtschaftlichen Grenzen.

Ein Eisenbahngleis ist relativ schnell zu reparieren. Es besteht aus einfachen Komponenten, die in ausreichender Zahl verfügbar sind, so dass eine Reparatur innerhalb weniger Tage, vielleicht sogar innerhalb von Stunden erfolgen kann, während der Güter und Personentransport auf Ausweichstrecken und per Lkw bzw. Omnibus während der Störung ohne große Behinderungen aufrecht erhalten werden kann. Nach der Reparatur ist die Ordnung wieder hergestellt, als hätte es die Störung nie gegeben. Die Zahl der redundanten Elemente des Systems war ausreichend, um mit dem Problem fertig zu werden.

Wo die Komplexität es nicht mehr gestattet, alles redundant zu halten, verlagern sich die Anstrengungen zum Erhalt der Ordnung darauf, die Ordnung durch gesonderte Schutzmaßnahmen zu bewahren. Es wird also – um die eigentliche Ordnung herum – ein Abwehr- und Verteidigungswall errichtet, der jedoch wiederum eine Ordnung für sich selbst darstellt.

Ist diese Ordnung einfacher Natur, kann sie sich selbst durch Redundanz vor der Zerstörung bewahren. Soldaten, Wächter, Handfeuerwaffen, Munition, das alles ist leicht mehrfach redundant vorzuhalten.

Ist die Ordnung des Schutzwalls komplexer, wie z.B. bei einer Antiviren-Software, ist Redundanz nur noch sehr bedingt möglich, zumal durch redundante Prüfroutinen auch die Funktion des eigentlichen Systems beeinträchtigt (verlangsamt) wird,

Während jedoch Heerscharen von Spezialisten tagtäglich an nichts anderem arbeiten, als die Sicherheit hochkomplexer System zu gewährleisten, sind Heerscharen von Betriebswirten dabei, überall die Redundanzen einfacher Systeme zu beseitigen, bzw. ehemals harmonisch zusammenwirkende redundante Elemente in konkurrierende Elemente zu verwandeln.

Das schöne und beeindruckende Beispiel heißt „Briefzustellung“.

Wir hatten einst ein Staatsunternehmen „Post“, das überwiegend Beamte beschäftigte. Zwischen den einzelnen Funktionsbereichen der Post gab es breite personelle Überlappungsbereiche. Der Chef eines Postamtes konnte Mitarbeiter vom Schalterdienst in die Zustellung beordern, wenn dort Not am Mann war, und er konnte Zusteller dazu verdonnern, die abgehende Post zu sortieren und in die richtigen Lkws zu verladen, bzw. auf die richtigen Postwaggons der Bahn zu verteilen. Ein System mit vielen Redundanzen, mit denen einzelne Ausfälle mühelos überbrückt werden konnten.

Heute gibt es kaum noch Postämter. Stattdessen finden sich in Supermärkten, an Bahnhöfen und irgendwo in der Prärie winzige Stationen, die zum Teil noch mit zwei oder drei Angestellten der Post besetzt sind, zum Teil aber auch von der Supermarktkassiererin „nebenbei“ mit bedient werden. Subunternehmer leeren die Briefkästen, Subunternehmer fahren für die Post und DHL. Daneben haben sich unzählige Paketdienste und einige regionale Briefzusteller etabliert. Alle sind gezwungen, ihre Kosten immer weiter zu senken, um im gegenseitigen Konkurrenzkampf zu bestehen. Das heißt aber letztlich immer nur: Senkung der Personalkosten durch Entlassungen und Verschlechterung der Entlohnung.

Für den Kunden ist das System „Post“, das noch nie besonders kundenfreundlich war, in den letzten 20 Jahren schwieriger zugänglich geworden. Die Beförderungsgebühren sind jedoch gestiegen und die Zuverlässigkeit, was Postlaufzeiten und Sendungsverluste betrifft, ist gesunken.

Ähnlich sieht es bei der Bahn aus, wo inzwischen unterschiedliche „Betriebsunternehmen“ auf dem deutschen Schienennetz untereinander im Wettbewerb stehen. Niemand kann sagen, dass die Preise für das Bahnfahren dadurch gesunken oder die Zuverlässigkeit der Beförderung gestiegen wäre. Zugverspätungen und technisches Versagen sind an der Tagesordnung – und es ist sogar schon vorgekommen, dass ein ganzes Stellwerk (Hbf Mainz) ausgefallen ist, weil für Ausfälle in der Bedienungsmannschaft kein Ersatz beschafft werden konnte. Die Bahn meinte dazu lapidar: Dieses Problem kann letztlich bei allen unseren Stellwerken auftreten. Die Personaldecke reicht nicht mehr, um Ausfälle mühelos kompensieren zu können.

Das sind jedoch nur zwei einfache Beispiele, die der kostensparenden Beseitigung sinnvoller Redundanzen geschuldet sind und sich bereits für die Allgemeinheit spürbar ausgewirkt haben.

Sieht man genauer hin, findet man in jeder Werkhalle und in jedem Büro die gleiche Situation vor. Früher war es üblich, den Personalbedarf so zu berechnen, dass man ausgehend von der Zahl der bei normaler Belastung erforderlichen Mitarbeiter den planbaren Ausfall wegen Urlaub und den nicht planbaren, aber prognostizierbaren Ausfall durch Krankheiten und Kuren berücksichtigte, so dass statt 10 Leuten eben 12 beschäftigt wurden. Heute ist es eher üblich, den Personalbedarf so zu bemessen, dass statt 10 Leuten nur 8 beschäftigt werden, die unter stärkerem Leistungsdruck die Arbeit von 10 zu verrichten haben, ggfs. unter Ausnutzung von Überstunden und stetig wachsenden Gleitzeitkonten, während bei echten Engpässen schnell und billig Leiharbeitskräfte angefordert werden. Da auch Leiharbeiter Anlern

zeiten benötigen, wächst die Zahl der chaotischen und zudem langen Arbeitstage für alle Beteiligten und den Schaden haben die Endabnehmer, die entweder zu spät oder mit dem Falschen bedient werden.


Bei der Bundeswehr sollen ähnliche Zustände herrschen. Es fehlt sowohl am Personal als auch am Gerät. Panzer und schwere Waffen sind nicht mehr fest einem Truppenteil zugeordnet, sondern laufen als eine Art Wanderpokal von einem zum anderen, wenn sie im Rahmen der Ausbildung oder eines Manövers gebraucht werden. Selbstverständlich wirkt sich das negativ auf den Wartungszustand aus.

Pflegenotstand in Krankenhäusern, Senioren- und Pflegeheimen? Nicht verwunderlich. Es gibt keine Redundanzen mehr und schon im normalen Betrieb zu wenig Stellen.

Noch versucht man, diese Problem durch den Einsatz von Computerprogrammen zu lösen, die eine Art „Ressourcen-Management“ betreiben und Dienst- und Einsatzpläne liefern, die um den Preis stark erhöhter Flexibilitäts- und Verfügbarkeitsanforderungen gegenüber den Mitarbeitern den Betrieb noch aufrechterhalten.

Der Trend geht also dahin, einfache Systeme, die auf der Basis von vielfacher Redundanz leicht gesichert werden können, dieser Redundanzen zu berauben, und sie stattdessen durch komplexe Systeme, die nicht redundant gehalten werden können, auf komplexe Weise zu sichern, was wiederum deren Absicherung durch Abwehr- und Verteidigungsmaßnahmen erforderlich macht.

Dieser „Fortschritt“ führt selbstverständlich auch zur „Verschlankung“ der Führungsstrukturen. Der Gruppenleiter, der früher aufgrund seiner Erfahrung intuitiv die richtigen Entscheidungen zur Entschärfung einer problematischen Situation treffen konnte, ist überflüssig geworden. Das Ressourcen-Management hat seine Funktion übernommen. Das allerdings kann nur so gut sein, wie sein Datenbestand und die darauf zugreifenden Regeln. Ich will nicht in Abrede stellen, dass es dazu gute und sehr gute Systeme gibt, die mithilfe von automatisierter (Betriebs-) Datenerfassung so ziemlich alles wissen, was früher ein Gruppenleiter auch wusste. Was allerdings viel zu wenig betrachtet wird, sind die Interessen und die Motivation der Menschen, die von einem solchen System „geführt“ werden.

Ein Teil voller Angst, den Job schnell wieder zu verlieren, wird sich bemühen, allen Anordnungen buchstabengetreu Folge zu leisten, was in 98 Prozent der Fälle super ist, in einem Prozent der Fälle problematisch und im letzten Prozent unter Umständen zu schlimmen Folgen führt, die niemand bemerkt, bevor sie eingetreten sind.

Ein weiterer Teil voller Neugier, wie das System wohl auf Fehlverhalten jeglicher Art reagieren wird, wird sich der Überwachung und Kontrolle zu entziehen verstehen und Mittel und Wege finden, daraus entstehende Störungen auf ganz andere Einflussgrößen zu schieben, als auf sich selbst.

Die große Mehrheit jedoch wird mit mäßigem Interesse die zugeteilten Aufgaben an den zugewiesenen Einsatzorten mit durchschnittlicher Aufmerksamkeit ausführen und sich nicht im Geringsten Gedanken darum machen, was sie da überhaupt tun, warum sie es tun, zu

welchem Zweck sie es tun, ob es wichtig ist oder nicht, ob es gefährlich ist oder nicht, ob es falsch ist oder nicht ~

Diese Entwicklung kann mit einem Satz auf einen Nenner gebracht werden, der da lautet:

„Die Verantwortung des Einzelnen wird mehr und mehr durch die Kontrolle aller ersetzt“.


Versuche, diesen Satz zu widerlegen, scheitern schnell.

Wohin man auch schaut, es beginnt in den Krippen und Kindertagesstätten, deren Personal nach „Lehrplänen“ mit „Erfolgskontrollen“ zu arbeiten hat, während den Müttern ein Großteil der Verantwortung für die Entwicklung ihrer Kinder abgenommen wird. Wo früher pro Jahr rund 1 Million Neugeborene von 1 Million Müttern bis zum Kindergarten oder zur Einschulung in Eigenverantwortung geliebt, gepflegt und erzogen wurden, also ein „millionenfach redundantes“ System darstellten, sollen diesen Job heute rund 150.000 Erzieher erledigen. Aus dem Netzwerk der Mütter, das sich von Haus zu Haus, von Straße zu Straße zog, sind isolierte „Stützpunkte“ geworden, die praktisch keinerlei Redundanz mehr aufweisen. D.h., jeder Ausfall einer Erziehungsperson führt dazu, dass sich für 20 Kinder die Zuwendung um 30 Prozent reduziert. Das heißt zwar nicht, dass 6 oder sieben Kinder überhaupt nicht mehr betreut werden, es heißt nur (!), dass 20 Kinder nur noch sehr rudimentär betreut werden können.

Kaum ein größeres Unternehmen verzichtet noch darauf, das Kommen und Gehen der Mitarbeiter über Zeiterfassungssysteme zu registrieren, die Arbeitsleistung über Kontrollsysteme ständig mit dem Soll abzugleichen und Versäumnisse beim Ein- und Auschecken mit Sanktionen zu ahnden.

Allgegenwärtige Videokameras verfolgen Mitarbeiter und Kunden innerhalb der Unternehmen auf Schritt und Tritt und beim Verlassen des Unternehmens werden sie an die öffentlichen Überwachungskameras der Polizei nahtlos übergeben.

Alle großen Datensammlungen, soweit sie sich in privater Hand befinden, wachsen – trotz aller Datenschutzbemühungen – immer stärker zusammen, und der Staat geniert sich nicht, im Zweifelsfall selbst auf diese Sammlungen zuzugreifen, ja deren Installation sogar gesetzlich vorzuschreiben und zudem eine neue Datenbank nach der anderen aufzubauen, deren insgesamte Vernetzung keine Frage des Ob mehr ist, sondern nur noch eine Frage des Wann.

Satelliten kontrollieren inzwischen die Einhaltung der von den Bauern gemeldeten Anbauflächen auf den Quadratmeter genau – und wehe, einer hat einen Streifen Ackerland statt mit Kartoffeln mit Weizen bebaut!

Demnächst sollen alle Neuwagen mit einer Elektronik ausgerüstet werden, die nicht nur den jeweiligen Standort des Fahrzeugs permanent meldet, sondern auch bei Unfällen Hilfe rufen soll, mit der kleinen Nebenfähigkeit, jedes so ausgestattete Fahrzeug durch einen Funkangriff auf die Motorelektronik zum Stehen zu bringen. Die Versuche mit den selbstfahrenden Autos haben begonnen – und sie werden ihr Ende erst dann finden, wenn niemand mehr selbst fahren darf, sondern ein Zentralcomputer die Bewegung aller Mobile auf deutschen

Straßen vollständig steuert. Vermutlich werden diese Automobile nicht nur kein Gaspedal mehr haben, sondern auch keine von Menschen bedienbare Bremse mehr, mit allen sich daraus ergebenden Möglichkeiten~

Mit jedem Aufflackern einer Infektionskrankheit wird der Ruf nach der Zwangsimpfung lauter – und mit der elektronischen Gesundheitskarte steht der Weg offen, die Teilnahme an der Zwangsimpfung auch einfach zu kontrollieren. Jeder Personalausweis enthält einen ausreichenden Satz biometrischer Daten, um den registrierten Bürger per Gesichtserkennungssoftware aus den Bildern jeder Videokamera herauszufiltern.
An den U- und S-Bahnhöfen verschwindet bald auch der letzte „Stationswächter“. Noch sitzt in jedem Zug ein Fahrer, aber nur aus psychologischen Gründen. Wie lange noch, wissen die Götter. Das System „schienengebundener Transport“ ist längst vollautomatisch zu betreiben, so wie im Grunde auch die Passagierluftfahrt vollautomatisch betrieben werden könnte.

Dass der Autopilot bei Start und Landung nicht eingesetzt wird, ist im Grunde ein Anachronismus. Theoretisch könnte heute ein einzelner Pilot alle 10 Minute eine andere Maschine irgendwo auf der Welt per Fernsteuerung starten und dann für den Streckenflug den Autopiloten aktivieren, während ein ganz anderer Pilot, irgendwo auf der Welt die ferngesteuerte Landung übernimmt. Dafür müsste kein Pilot mehr seinen bequemen Sessel im Home Office verlassen.

Ohne noch auf Edward Snowden einzugehen, der das Szenario der Überwachung durch Geheimdienste und deren Fähigkeiten zum Eindringen in jedes denkbare System öffentlich gemacht hat, kann der Satz von der Verantwortung des Einzelnen, die mehr und mehr durch die Kontrolle aller ersetzt wird, um einen zweiten Gedanken ergänzt werden:

„Die vollständige Kontrolle aller erzwingt die strikte Einhaltung feststehender Entschei
dungsregeln“.

Sind solche Entscheidungsregeln erst einmal gesetzt, können Sie nur noch durch die Anwendung einer übergeordneten Entscheidungsregel korrigiert werden.

Dieser Weg führt, auch wenn die Zahl der Ebenen groß erscheinen mag, zwangsläufig an das Ende der Entscheidungspyramide.

Im Klartext heißt das, bei Vollendung des Systems, dessen rasante Entwicklung wir miterleben, wird es nur noch eine einzige Instanz geben, von der die gesamte Gestaltung des menschlichen Lebens vorbestimmt wird. Stellen wir uns vor, es handelt sich um einen Menschen oder um eine kleine Gruppe (2 bis 7) Menschen, die noch wirklich frei sind, grundlegende Entscheidungsregeln für eine Gruppe von nur 10 Ressorts zu treffen.

Stellen wir uns weiter vor, zwischen der „obersten Instanz“ und dem einzelnen Menschen, dessen Lebensumstände betroffen sind, befinden sich nur 6 Hierarchiestufen (es sind mehr!), dann stehen der obersten Instanz für ihre Entscheidungen lediglich Informationen zur Verfügung, auf ein Millionstel der Realität komprimiert sind.

Ein Bild einer 10 Megapixel-Kamera auf 10 Pixel zu komprimieren ist ebenso unsinnig, wie den Zustand eines Autobahnkilometers prüfen zu wollen, indem man sein 1 Millimeter lan

ges Abbild auf einer Straßenkarte betrachtet. Man kann auch nicht die Probleme einer Stadt mit 1 Million Einwohnern aus einem Gespräch mit einem einzigen Einwohner erkennen.

Entscheidungen der „obersten Instanz“, die damit den Rahmen der Entscheidungsregeln für die nächstniedrige Instanz vorgeben, können also nur zufällig gut sein.

Dies ist allerdings keine neue Erkenntnis. Es ist die Malaise jeder Hierarchie, die in der Vergangenheit jedoch zumeist durch „Eigenmächtigkeiten“ der nicht 100%ig kontrollierbaren nachgeordneten Hierarchie-Ebenen geheilt wurde.

Wohl gemerkt: Eigenmächtigkeiten, die weit über einen zugebilligten Ermessenspielraum hinausgingen.

Eigenmächtigkeiten, die jedoch nicht aus Mutwillen, sondern aus Verantwortung heraus entstanden, oder auch, um einen Beweis zu führen, dessen Gültigkeit letztlich auch von der obersten Instanz anerkannt werden musste.

Es gab ein paar Jahre in der zweiten Hälfte des 20ten Jahrhunderts, in denen man „Untergebenen“ extrem hohe Freiheitsgrade zubilligte, um genau jenen Korrektureffekt zu verstärken. Doch diese Zeiten sind vorbei. Nicht, weil damit nicht gute Erfahrungen gemacht worden wären, sondern schlicht aus Angst um den Verlust der Macht, der mit jeder einzugestehenden Fehlentscheidung wahrscheinlicher zu werden schien.


Freiheit belebt, Kontrolle lähmt.

Fortschritt, Wachstum und Wohlstand entstehen aus Begeisterung für die Sache, für die ein Mensch sich einsetzt, nicht aus der Angst vor der Obrigkeit, die etwas erzwingen will.

Die Versuchung, Griechenland und die Troika hier beispielhaft breitzuwalzen, ist groß, doch will ich es mit der bloßen Erwähnung bewenden lassen.

Ebenso ist es müßig, auf die Erfolge von Waldorf- und Montessori-Schulen hinzuweisen, in denen Schülern große Freiheiten darin gewährt werden, auf welche Weise und wann sie sich welchen Stoff aneignen wollen. Deutlich ist, dass diese Erfolge sich von den Ergebnissen der öffentlichen Schulen, die immer noch ein Zwangskorsett aus Lehr- und Stundenplänen und ständig drohenden Kontrollen mit sich herumschleppen, klar unterscheiden.

Natürlich bringt auch fortgesetzte Prüfungs- und Schulangst Absolventen mit hervorragenden Noten hervor, vergessen wird, dass hinter diesen strahlenden 1er-Abiturienten eine weitaus größere Zahl von Schulabgängern steht, denen die Schule die Begeisterung geraubt, ihre Potentiale verschüttet und ihre Lebenschancen auf ein Minimum reduziert hat.

Es ist schon so, dass die hervorragenden Schüler mit dem Schulsystem am besten zurechtgekommen sind. Es ist aber nicht so, dass dieses Schulsystem mit der Mehrzahl der Schüler bestmöglich umgegangen ist.

Zyniker mögen nun behaupten, das spiele keine Rolle, weil der Arbeitsmarkt sowieso nur wenige Spitzenkräfte benötigt – und dass diejenigen, die schon in der Schule versagen, gar nicht erst mit großen Hoffnungen ins Leben ziehen, wo sie sowieso nur enttäuscht würden.

Auch das ist nicht neu – und im Kern wohl auch ein Mantra der Schulpolitik aller seit 1949 amtierenden Regierungen in Bund und Ländern.

Die Gefahr für den Zusammenbruch der Ordnung liegt nicht in diesen altbekannten, und – wenn man den Befürwortern folgt – auch bewährten Verhältnissen.


Der Zusammenbruch der Ordnung folgt zwangsläufig dem Überhandnehmen der Kontrolle.


Die „Ordnung“, die der Mensch schafft, kann nur erhalten werden, indem sie sich ständig verändert und anpasst. Wo Ordnungen erstarren, zerfallen sie bei der leichtesten Erschütterung. Eine wirksame, effektive und effiziente Ordnung entsteht nicht an der Spitze der Hierarchie, sondern nahe an der Arbeitsebene.

Voraussetzung dafür ist allerdings, dass die Arbeitsebene nicht ständig am Limit der Leistungsfähigkeit gehalten wird, und dass der Arbeitsebene Freiräume gewährt werden, die das notwendige Experimentieren an der Ordnung erlauben.

In den letzten 50 Jahren wurden vermutlich Billionen investiert, um die Arbeitsebene auszudünnen und den verbliebenen Rest in ein Korsett aus Regeln zu zwängen, dessen Einhaltung von Computern kontrolliert, protokolliert und moniert wird. Dabei ist es gleichgültig, ob wir in die Fabrikhallen gehen, in die krakenhaft in die Kommunikation eingebrochenen Call-Center, oder in die Büros der Personalabteilungen, der Buchhalter und der Frachtdisponenten. Selbst da, wo Kreativität und spielerisches Experimentieren gefragt sind, also in den Entwicklungsabteilungen, sind Zielvorgaben und Kontrollen zu übermächtigen Instrumenten herangewachsen, mit der Absicht, vorgegebene Lösungen mit einem vorgegebenen Budget zu einem vorgegebenen Termin auf dem kürzesten Weg – wie mit Scheuklappen – erarbeiten zu lassen. Sicherlich werden in der ersten Such- und Entwurfsphase auch Impulse von unten aufgenommen. Sobald die allerdings abgesegnet sind, sind alle Freiräume dahin.

Die Zeiten, in denen mit dem zugewiesenen Budget – nebenbei – auch noch „heimliche“ Projekte bis zu einer gewissen Reife vorangetrieben werden konnten, sind vorbei. Wenn der Rechner, an dem der Entwickler arbeiten muss, jede Aktivität protokolliert und Abweichungen moniert – und das tut er, und der Entwickler weiß das – dann stecken die Füße des Entwicklers schon in jenem Betonschuh, mit dem er ins Wasser geworfen werden wird, falls er gegen die Regeln verstößt.

Außerhalb der Wirtschaft wurde eine zweite, haarsträubend engmaschige und unbewegliche Ordnung errichtet, mit der alle diszipliniert und überwacht werden, die vom Arbeitsmarkt ausgeschieden wurden. ARGEn und Job Center sind die perfekten Kontrollmechanismen für mehr als 10 Prozent der erwerbsfähigen Bevölkerung. Kontrolle und Sanktionen sind dort derart perfektioniert, dass, wer einmal in Hartz-IV gefallen ist, aus eigener Kraft nie mehr herausfinden kann, es sei denn, er ignoriert die ihn lähmende Ordnung. Ein gefährliches

Spiel, das im wahrsten Sinne des Wortes die Existenz kosten kann, doch es ist durchaus vergleichbar mit dem Risiko, dass Afrikaner auf sich nehmen, wenn sie im Platz auf einem überfüllten Flüchtlingsboot die Chance sehen, Armut und Terror zu entfliehen. In beiden Spielen gibt es viele Verlierer, wenige, denen es gelingt, zumindest über Wasser zu bleiben und natürlich auch Einzelne, denen damit der Coup ihres Lebens gelingt.

Dies am Rande.

Der Zusammenbruch der Ordnung wird von zwei Entwicklungen hervorgerufen, die den gleichen Ursprung haben, nämlich das Gewinn- bzw. Renditestreben. Dies erzwingt einerseits die Eliminierung der vermeintlich kostspieligen und überflüssigen Redundanzen und andererseits führt es zwangsläufig zum gefährlichen Wachstum der Kontrolle.

Die Eliminierung der Redundanz verringert die Stabilität der Ordnung und ihre Fähigkeit, sich flexibel anzupassen.

Jenes Prinzip, das die Evolution derart perfektioniert hat, dass zum Beispiel der Bestand von Eichenwäldern erhalten werden konnte, obwohl Wildschweine und anderes Getier 99 Prozent aller Eicheln vertilgten, bevor sie überhaupt keimen konnten, und Rehe und Hirsche 99 Prozent der jungen Sprösslinge kahl gefressen haben, bevor sie auch nur die Andeutung eines Stammes entwickeln konnten, wird als ineffektiv verdammt, ohne zu erkennen, dass es längst keine Eichen mehr gäbe, produzierte jeder Baum während seiner Lebenszeit nur eine einzig Eichel, was theoretisch zum Erhalt des Bestandes ausreichen sollte. (Dann kontrolliert mal schön!)

Die Eliminierung der Redundanz, die aus Gründen der Kostensenkung in Angriff genommen wird, hat allerdings im Bereich des menschlichen Wirtschaftens noch eine weitere Auswirkung: Jede Kostensenkung in der Produktion reduziert die Kaufkraft der Konsumenten in dem Maße, wie der daraus entstandene Gewinn nicht in Form von Preissenkungen weitergegeben, sondern zur Bildung von Kapitalstöcken verwendet wird.

Eine Ordnung, bei der jedoch die Steigerung der Produktivität mit dem Wachstum der Armut einhergeht, entzieht sich selbst die Grundlage.

Eine Pflanze, die für ihre Fortpflanzung auf die Bestäubung durch Bienen angewiesen ist, wird in Probleme geraten, wenn sie diese zwar noch mit attraktiven Farben anlockt, ihnen aber das Tröpfchen Nektar verwehrt, um dessentwillen die Biene die Blüte besucht.

Klar, für die Fortpflanzung ist immer noch gesorgt. Die Bienen kommen ja noch. Es kommen auch im nächsten und im übernächsten Jahr noch welche. Doch es werden immer weniger, weil eben eine Nahrungsquelle versiegt ist, die bisher für den Bestand der Bienenvölker gesorgt hat. Weniger Bienen – weniger befruchtete Blüten. Das Ende der Entwicklung ist abzusehen.

Geiz und Wachstum vertragen sich nicht. Auf lange Sicht hilft da auch der Export nichts, denn Export exportiert eben nicht nur Güter und Leistungen, sondern auch Arbeitslosigkeit und Armut.

Das Wachstum der Kontrolle wird durch die Eliminierung der Redundanzen erzwungen. Ein immer fragiler werdendes Ordnungsgerüst kann jedoch ohne stetige Kontrolle nicht erhalten bleiben. Kontrolle setzt jedoch SOLL-Vorgaben voraus. SOLL-Vorgaben passen sich jedoch nicht automatisch veränderten Bedingungen an. Entweder ein Kontroll-System zur Kontrolle des Kontroll-Systems wird implementiert, oder jede ungeplante Entwicklung kann zum Zusammenbruch der Ordnung führen.

Um das Bienen-Blüten-Beispiel noch einmal zu bemühen: Stellen wir uns vor, ein Züchter hätte die Pflanze mit den nektarfreien Blüten geschaffen. Nun stellt er nach einiger Zeit fest, dass die Bienen seine Pflanzen nicht mehr besuchen. Also versucht er Kontrolle über die Bienen zu erlangen. Er errichtet über seiner Pflanzung ein insektendichtes Gewächshaus und bittet einen Wanderimker ihm zur Blütezeit ein Bienenvolk zur Verfügung zu stellen. Mit etwas Glück wird ein Teil der Blüten befruchtet, doch nach kurzer Zeit ist auch die letzte Biene verhungert. Der Imker verlangt Schadensersatz und wird diesem Züchter nie wieder Bienen zur Verfügung stellen. In der nächsten Blütephase erinnert sich der Züchter daran, dass Bienen vom Imker nach der Honigernte eine Zuckerlösung als Nahrungsersatz erhalten. Er füllt also ein entsprechendes Gefäß mit einer geeigneten Zuckerlösung. Nun hat er zu kontrollieren, ob die Bienen überhaupt noch Versuche unternehmen, den Blüten Nahrung zu entlocken, oder ob sie gleich an die Zuckerlösung gehen. Dazu installiert er Kameras und eine Software, die das Aufkommen an Bienen an der Zuckerlösung auswerten und den Zugang zum Zuckersaft automatisch verschließen, wenn dort mehr als drei Exemplare gleichzeitig anzutreffen sind.

Auch dieser Versuch, Kontrolle zu gelingen, wird mit dem Sterben des Bienenvolkes und einer weiteren Verringerung der Zahl der befruchteten Blüten enden.

Alle Versuche, ein bestimmtes, unnatürliches Verhalten dauerhaft zu erzwingen, sind langfristig zum Scheitern verurteilt oder bringen als Nebeneffekt unerwartete neue Probleme mit sich.

Vor allem aber kann Kontrolle zwar die Einhaltung eines erwarteten Verhaltens verstärken, was Kontrolle aber nicht vermag, ist die durch Eliminierung der Redundanzen verschwundene Kaufkraft zu ersetzen, denn sobald die Kosten der Kontrolle den Ertrag der Einsparung übersteigen, wird man den Kontrollaufwand wieder zurückfahren.

Die Möglichkeiten der elektronischen Überwachung der Menschheit sind allerdings derzeit so preiswert zu haben, dass die Notwendigkeit, Kontrollen aus Gründen der Wirtschaftlichkeit aufzugeben, absolut nicht im Raum steht.

Die Gewinnmaximierung und damit das weitere Abschmelzen der Strukturen zugunsten vermehrter Kontrolle wird also weitergehen.

Der Eiffelturm steht nun seit 1889 mitten in Paris. Dass er noch steht, hat er unter anderem der Tatsache zu verdanken, dass seither kein Statiker auf die Idee gekommen ist, die Redundanzen im verbauten Stahl zu eliminieren, überflüssig erscheinende Verstrebungen zu entfernen und stattdessen ein Netz von automatischen Messstationen einzubauen, die jede Bewegung des Stahlgerüsts überwachen und bei unzulässigen Ausschlägen einen Alarm auslösen.

Vermutlich hätte die Hälfte des verbauten Stahls auch ausgereicht, um die 324 Meter Höhe zu erreichen. Ziemlich sicher ist jedoch, dass ein derart abgespeckter Turm trotz modernster Überwachungstechnik heute nicht mehr stünde.


Früher hieß es einmal: „Qualität kann nicht in ein Produkt hineingeprüft werden“.

Dennoch versucht man heute, eingesparte Substanz durch Kontrolle und Überwachung zu kompensieren. Es kann nur schiefgehen.

Wo wird der erste Dominostein fallen?

Schwer zu sagen. Die Chancen stehen gut, dass der Zusammenbruch der Ordnung im Bereich Logistik seinen Anfang nimmt. Alte Lkws auf kaputten Straßen, planmäßig überladen mit planmäßig übermüdeten Fahrern sind sicherlich ein neuralgischer Punkt. Mit nur wenig mehr aktiver Kontrolle, sei es bei den Fahrzeugen, sei es bei maroden Brücken, sei es bei den Fahrern, könnte ein Versorgungsengpass erzeugt werden, zu dessen Behebung noch mehr übermüdete Fahrer mit noch älteren Lkws auf die schon überlasteten Straßen geschickt werden.

Die Folge: Eine Häufung von Monsterstaus rings um die Metropolen. Lieferungen, die just in time ankommen sollten, verspäten sich. Innerhalb von Stunden stehen die ersten Bänder still. Die Belegschaften werden nach Hause geschickt und verstopfen mit ihren Pkws die Straßen zusätzlich. Irgendwo im Stau vor München steckt ein Ingenieur fest, der als einziger in der Lage wäre, Block 1 des Heizkraftwerkes im Münchner Süden in den geregelten Betrieb zurückführen, nachdem die reguläre Bedienmannschaft wegen einer Lebensmittelvergiftung (der Fisch für die Kantine stand zu lange auf dem Lkw vor München in der Sonne) ausgefallen ist und die Ablösung der Spätschicht, die eigentlich bei Notfällen gerufen werden soll, nicht zu erreichen war.

Als der erste Trafo am Heizkraftwerk durchknallt, weil das Kraftwerk im ungeregelten Betrieb Stromspitzen abliefert, die nirgends mehr automatisch abgefangen werden konnten, fällt erst im Süden der Stadt, dann im gesamten Stadtgebiet der Strom aus. Alle Ampeln fallen aus, der Verkehr kommt total zum Erliegen.
Gestrandete Autofahrer und ganze Busladungen von Touristen versuchen in Restaurants und Kaffees unterzukommen, werden aber, aufgrund des Stromausfalls entweder gar nicht eingelassen oder nur mit kalten bis lauwarmen Getränken versorgt. In U-Bahnhöfen bricht Panik aus.

Das Bayerische Innenministerium fordert Hilfe vom Bundesinnenministerium an. Kolonnen von Fahrzeugen mit Bundespolizisten in voller Montur rücken aus. Ein Räumpanzer der Bundeswehr bahnt ihnen den Weg vom Autobahnende in Pasing bis zum Odeonsplatz, ein Weiterkommen bis zur Staatskanzlei ist nicht mehr möglich, weil Scharen aufgebrachter Bürger alle Zufahrten blockieren. Einige beginnen, die Polizisten und ihre Fahrzeuge mit schnell herausgerissenen Pflastersteinen zu bewerfen. Ein wie aus dem Nichts aufgetauchter Wasserwerfer treibt die Menge in Richtung Feldherrnhalle.

Ein Hubschrauber von RTL II überfliegt die Szenerie und sendet seine Livebilder an alle noch funktionierenden Fernsehgeräte außerhalb des Großraums Bayern. Dann erscheint Angela Merkel auf dem Bildschirm, erklärt, die Lage sei überall normal, und in München auch bald wieder. Eine männliche Person kommt von rechts ins Bild, reicht ihr einen Zettel. Merkels Miene erstarrt. Dann reißt sie sich zusammen und erklärt: Hiermit verkünde ich mit sofortiger Wirkung den Ausnahmezustand. Es gilt Kriegsrecht und ab sofort totale Ausgangssperre. Gegen jeden, der zuwiderhandelt, wird ohne Vorwarnung von der Schusswaffe Gebrauch gemacht.

24 Stunden später ist die Republik gelähmt, die Ordnung zusammengebrochen. Es kommt zu Übergriffen, Plünderungen, vereinzelt zu ausgedehnten Schusswechseln mit der Polizei. Aktivisten aus der rechten und linken Szene errichten Barrikaden und liefern sich erbitterte Straßenkämpfe.

Die Bundesregierung ruft die Eingreiftruppe der EU zur Aufstandsbekämpfung zu Hilfe. Am zweiten Abend zählt man bundesweit 632 tote Zivilisten und 72 getötete Einsatzkräfte.

Später stellt sich heraus, dass der Überbringer der Nachricht kein anderer war, als jener Komiker aus Oliver Welkes heute-Show, der immer wieder mit seinen Scherzen an Politiker herankommt und diese in Verwirrung stürzt. Sein Kameramann wurde festgenommen, er selbst befindet sich weiterhin auf der Flucht.


Es gäbe noch manch anderes Szenario, das ebenso schnell aus einer fragilen Normalität innerhalb weniger Stunden ins totale Chaos mündet.

Es genügen Kleinigkeiten.


Ein ganz anderes Feld, das noch zu betrachten ist, ist das Feld der bewusst und absichtlich getroffenen Fehlentscheidungen -

- Fehlentscheidungen, die einzig dem Zweck dienen, Einzelpersonen oder Personengruppen Vorteile zu verschaffen. Die Freisetzung genveränderter Organismen gehört dazu ebenso, wie die Zustimmung zu Investorenschutzklauseln in Freihandelsabkommen, die Teilnahme an Angriffskriege, die Privatisierung von staatlicher Infrastruktur und Grundversorgungseinrichtungen, die Aufhebung der Vermögenssteuer und die Umsetzung der Agenda 2010.

Projizieren wird nur die üblen Hartz-Gesetze auf das vorne beschriebene Hierarchiemodell, dann stellen wir fest, dass eine Handvoll Menschen, die seinerzeit die oberste Instanz darstellten, nämlich Schröder, Müntefering, Clement, Gerster und Hartz, innerhalber kürzester Zeit nicht nur eine tragende Säule der Sozialen Sicherungssysteme zerschlagen haben, sondern zugleich den gesamten Arbeitsmarkt destabilisiert und die Gewerkschaften massiv geschwächt haben. Die Zusammenlegung von Arbeitslosenversicherung und Sozialleistungen war nichts anderes, als eine redundante Struktur auf Befehl von oben zu zerschlagen. Um den sofortigen Zusammenbruch derart materiell wie personell und organisatorisch geschwächten Ordnung zu verhindern, wurden die bisherigen Arbeitsvermittler in Fall-Manager umbenannt und mit umfassenden Anweisungs- und Kontrollbefugnissen ausgestattet, mit der Zielsetzung, den Kreis der Arbeitslosen und Hilfebedürftigen durch allfällige Sanktionen beherrschen zu können. Weder die Lebensbedingungen der so unter die Knute gestellten Bürger, noch die Arbeitsbedingungen der Mitarbeiter in den ARGEN und Jobcentern tauchten vor dem geistigen Auge der anführenden Sozialdemokraten auf und so entstand eine brutale Vorgabe ohne Ermessenspielraum für die Behörde, durch deren Instanzen hindurch die Anweisung von oben zwar immer weiter konkretisiert wurde, aber in keiner Weise mehr korrigiert werden konnte. Zudem sorgt ein straffes Berichtssystem dafür, dass sogar Zielvereinbarungen über Art und Umfang der auszusprechenden Sanktionen getroffen, deren Einhaltung gegenüber den Sachbearbeitern, aber auch gegenüber den Leitern der einzelnen Dienststellen und darüber hinaus Bundesland für Bundesland kontrolliert wird.

Kein Sachbearbeiter hat noch wirklichen Ermessensspielraum, obwohl er derjenige ist, der als einziger mit den Problemen der Einzelfälle vertraut ist, und – in eigener Verantwortung – durchaus in vielen Fällen bessere und gesamtgesellschaftlich sinnvollere Entscheidungen treffen könnte.

Bei den Ärzten ist es kaum anders. Festgesetzte Budgets für die Verschreibung von Arzneimitteln, deren Überschreitung gerügt wird und für die im Zweifelsfall der Arzt selbst aufzukommen hat, entmündigen die Ärzteschaft und schaffen den Patienten unnötiges Leid.

Dahinter stehen Fehlentscheidungen.

Doch auch die Einhaltung der Regeln, die diesen Fehlentscheidungen folgen, wird selbstverständlich in das allgegenwärtige und weit und tief vernetzte Kontrollsystem einbezogen.

Sozial- und Arbeitsmarktpolitik in Deutschland, angewandt auf die Vorschriften für die Seefahrt, würden auf direktem Wege zum Verbot und zur Verschrottung aller doppelwandigen Öltanker führen. Stattdessen würden Im Abstand von 100 Seemeilen Bojen gesetzt, die ständig kontrollieren, ob die Meeresoberfläche ölfrei ist. Einmal im Monat würden die Aufzeichnungen der Bojen ausgelesen und in eine Statistik gefasst, die von einer Kommission dahingehend überprüft wird, ob nicht die Stärke der einen verblieben Schiffswände noch halbiert werden könnte.

Schon die wenigen angeführten Beispiele für beabsichtigte Fehlentscheidungen lassen jeden leicht erkennen, der sich auch nur oberflächlich mit den Themen beschäftigt hat, dass der Schaden, der dadurch verursacht wird, wenn überhaupt, so nur mit gewaltigem Aufwand und über lange Zeitstrecken wieder beseitigt werden kann.

Wie sollen die Pollen genmanipulierter Pflanzen wieder aus der Welt geschafft werden, ohne alle Felder abzubrennen und damit eine Hungersnot heraufzubeschwören? Wie sollen Gesetze, die unter dem Eindruck von Investorenschutzklauseln beschlossen wurden, je wieder verbessert werden, wenn die geheim tagenden privaten Schiedsgerichte nach dem Beitritt zu TTIP zu einer Ewigkeitseinrichtung geworden sein werden, ohne in einer Revolution die bestehende Ordnung vollends zu zerschlagen und damit eine Zeit der Gesetzlosigkeit, des Faustrechts und der Anarchie einzuläuten? Wer räumt die Minenfelder, die von Angreifern und Verteidigern in einem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg in die Erde gelegt werden?
Wer holt Post und Bahn, Wasserwerke und Stromversorgung, Kanalisation und Autobahnen zurück in Staatsbesitz, wenn sie erst einmal verkauft sind? Wer baut die verheerenden, auf

immer mehr Export ausgerichteten Wirtschaftsstrukturen wieder um, zu einer besseren Versorgung des Binnenmarktes, wenn dort die Kaufkraft vernichtet wurde?

Wir wissen, dass der fruchtbare Boden in den Urwäldern nur eine ganz dünne Schicht darstellt, weil Vegetation und Boden nicht zwei getrennte Dinge sind, sondern nur unterschiedliche Erscheinungen, der immer gleichen Biomasse, die sich im Kreislauf der Natur ständig erneuert und ganz allmählich anpasst und optimiert.

Wer auch immer Schneisen in den Urwald schlägt, um den „Nutzpflanzen“ mehr Licht und mehr Nährstoffe zukommen zu lassen, und das dabei „abfallende“ Holz in Essstäbchen oder Gartenmöbel verwandelt, verhilft dem Ökosystem nicht zu mehr Effektivität, er amputiert einen Teil davon und bringt ihn dort wieder aus, wo die Umweltbedingungen keine Chance bieten, dass sich aus dem Essstäbchen schnell wieder ein Zweig eines Urwaldriesen entwickelt.

Wer auch immer Schneisen in Einkommen und Wohlstand eines Volkes schlägt, um „Redundanzen“ zu beseitigen und über den Weg der Kostensenkung Exportmärkte zu erobern, verfährt nicht anders. Er schlägt den Wald kahl – und wundert sich, wenn der Ertrag schwindet.

Noch glauben die Global Player, immer noch einen Wald zu finden, den sie noch nicht kahlgefressen haben.

Noch glauben die Politiker, mit immer neuen Gesetzen zur Einschränkung der Meinungs- und Wahlfreiheit ihrer Bürger und immer schärferer Kontrolle der Einhaltung dieser Gesetze, das Volk ruhig und die Ordnung aufrecht halten zu können.


Was allgemein verdrängt wird, ist die Tatsache, dass der Substanzverlust an tragenden Elementen einer Struktur die Statik verändert und ab einem gewissen Grad der Erosion akute Einsturzgefahr hervorruft. Diese Entwicklung ist vollkommen unabhängig von Art und Umfang der Kontrollen und sie ist nicht durch Kontrollen zu aufzuhalten oder zu heilen.

Wo der Rost der Gier ungehindert am Stahl der Brücke nagt, wird auch die beste Kontrollstrategie den Einsturz nicht verhindern.


Ende Zitat

LG
Spek

--
Alle meine Beiträge stelle ich unter Vorbehalt zukünftiger Erkenntnisse.
Die Zeiten des direkten Beweises sind vorbei.
18tm4vxxbKH878xhLWGMhdhtx3rJ16Jc2P

Sauguter Text, merci! (oT)

Fussgänger @, Freitag, 13.03.2015, 12:33 vor 3956 Tagen @ Isländer 2686 Views

- kein Text -

Beck

Heinz @, Freitag, 13.03.2015, 13:26 vor 3956 Tagen @ Isländer 3140 Views

Guter Text. Andererseits hat der leider heuer im Jänner verstorbene U.Beck in seiner "Risikogesellschaft" bereits in den 80. Jahren ähnliche Bedenken geäußert. Das meiner Ansicht nach Erschreckende in Becks Entwurf ist, dass seine Prognose sich zum größten Teil erfüllt haben.

--
Tyger Tyger, burning bright,
In the forests of the night;
What immortal hand or eye,
Dare frame thy fearful symmetry?

Genialer Text zum Thema "Komplexität"

Phoenix5, Freitag, 13.03.2015, 14:48 vor 3956 Tagen @ Isländer 3039 Views

Bei diesem Absatz konnte ich mir das Schmunzeln nicht verkneifen, so gut bringt er es auf den Punkt:

"Der Eiffelturm steht nun seit 1889 mitten in Paris. Dass er noch steht, hat er unter anderem der Tatsache zu verdanken, dass seither kein Statiker auf die Idee gekommen ist, die Redundanzen im verbauten Stahl zu eliminieren, überflüssig erscheinende Verstrebungen zu entfernen und stattdessen ein Netz von automatischen Messstationen einzubauen, die jede Bewegung des Stahlgerüsts überwachen und bei unzulässigen Ausschlägen einen Alarm auslösen."

Meine Hochachtung Herr Kreutzer und mit besten Grüßen,

Phoenix5

Toller Artikel!

Centao @, Freitag, 13.03.2015, 14:51 vor 3956 Tagen @ Isländer 2757 Views

Systemtheorie leicht verdaulich erklärt.

Grüße & Dank,
CenTao

Einfach nur klasse, *must read*, danke fürs Einstellen (oT)

stocksorcerer @, Freitag, 13.03.2015, 15:01 vor 3956 Tagen @ Isländer 2521 Views

- kein Text -

Hervorragender Text – dieselbe Richtung wie Karl-Heinz Schubäus…

Leserzuschrift @, Freitag, 13.03.2015, 15:10 vor 3956 Tagen @ Isländer 2963 Views

Wirklich ein hervorragender Text, der in dieselbe Richtung geht wie die jahrzehntelange Arbeit von Karl-Heinz Schubäus:

http://schubaeusmodell.de/

Mit besten Grüßen
Brunhilde

Wie es früher ablief: Joseph Tainter - The Collapse of Complex Societies (1988)

FOX-NEWS @, fair and balanced, Freitag, 13.03.2015, 16:27 vor 3956 Tagen @ Isländer 2980 Views

bearbeitet von unbekannt, Freitag, 13.03.2015, 16:32

Von ihm gibt es Videos im Netz ... was der Bildqualität z.T. abgeht, daß wiegt der Inhalt bei weitem auf.

Der ist Pflicht für alle Doomer und Apokalyptiker [[freude]]

Grüße

--
[image]
** Keiner soll hungern ohne zu frieren! **

Danke für den Hinweis, echt interessant! (oT)

Kropotkin @, Mittwoch, 01.04.2015, 10:33 vor 3938 Tagen @ FOX-NEWS 1690 Views

- kein Text -

Kann man den Artikel als Link in die Sammlung aufnehmen?

Mercury @, Freitag, 13.03.2015, 21:30 vor 3956 Tagen @ Isländer 2438 Views

bearbeitet von unbekannt, Samstag, 14.03.2015, 13:08

Kompakter, anschaulicher und lesbarer kann man das Phänomen kaum beschreiben.

Ein wirklicher Hochkaräter (oT)

Kropotkin @, Samstag, 14.03.2015, 14:01 vor 3955 Tagen @ Isländer 2102 Views

- kein Text -

Super Text, nur ein einzelner Punkt stört mich (mT)

melethron @, phase space, Sonntag, 15.03.2015, 17:46 vor 3954 Tagen @ Isländer 2182 Views

bearbeitet von unbekannt, Sonntag, 15.03.2015, 20:24

Hey Spekulatius,

Oder: "An die Philosophen hier im Forum"

Ich fühle mich angesprochen. [[zwinker]]

Kurze Anmerkung zu Entropie und "Ordnung". Man muss hier sehr aufpassen, denn was wir als mehr "Ordnung" empfinden, muss nicht zwingend eine niedrigere Entropie haben. Etwa hat in Wasser gelöste RNA eine höhere Entropie, als die einzelnen Bausteine in Wasser (finde die Publikation dazu gerade nicht, aber bei Bedarf suche ich nochmal). RNA scheint aber eigentlich mehr Ordnung zu sein, als seine einzelnen Bausteine.


Den Text finde ich richtig super. Gerade auch die Kritik am Schulsystem spricht mir aus der Seele. Gerade etwa "Karrierefetischisten" fallen häufig nur durch Fragen wie "Ist das Prüfungsrelevant?" auf. Sich mit dem Stoff kritisch auseinandersetzen ist irrelevant. Hauptsache gute Noten anstatt eine fundierte Bildung und den eigenen Horizont erweitern. Der Bologna Prozess hat den fragwürdigen Bildungsprozess noch mehr demontiert.

Eine Stelle im Text stört mich aber:

"Die Versuche mit den selbstfahrenden Autos haben begonnen – und sie werden ihr Ende erst dann finden, wenn niemand mehr selbst fahren darf, sondern ein Zentralcomputer die Bewegung aller Mobile auf deutschen Straßen vollständig steuert. Vermutlich werden diese Automobile nicht nur kein Gaspedal mehr haben, sondern auch keine von Menschen bedienbare Bremse mehr, mit allen sich daraus ergebenden Möglichkeiten"


Ich habe mich, nicht zuletzt wegen meiner eigenen Arbeit mit analytischer Photogrammetrie, ein wenig mit Bilderkennungsalgorithmen auseinandergesetzt. Weiterhin lese ich gerade Kurzweils "How to create a Mind". Das Buch gibt mir eine alternative Herangehensweise zu "Geist" wie ich ihn aus der Philosophie kenne. Anstatt nur zu analysieren, fragt er eben, wie man "Geist" herstellen kann. Kurzweil versucht es mit einem SEHR vereinfachten Model. Das aber - in meinen Augen - gerade dadurch besticht. Es geht ihm weniger darum, dass Gehirn "nachzubauen", sondern mit einem grundlegendem Konzept KI aufzubauen. Von ihm entwickelte Spracherkennung arbeitet mit einer vergleichbaren Methode und Kurzweil ist mittlerweile bei Google angestellt um Google das verstehen von natürlicher Sprache beizubringen (Stichwort: OK, Google). Man mag von seinen Ansichten halten, was man will, aber seine Entwicklungen taugen was. Anstatt KI/Geist "tot zu diskutieren" geht er ran wie ein Ingenieur und macht einfach mal. Sehr erfrischende Einsichten für mich und nach Jahren das erste Buch zur KI Forschung! Macht mir Lust auf mehr! Überhaupt ist es total faszinierend, was sich die letzten Jahre getan hat. Man schaue sich nur mal an, wie gut Computer schon Bilder "verstehen":

http://cs.stanford.edu/people/karpathy/deepimagesent/

...oder Arcade Spiele "verstehen":

https://www.youtube.com/watch?v=EfGD2qveGdQ

...oder Jeopardy Fragen "verstehen":

https://www.youtube.com/watch?v=ABbfbPOIP5g


Das Relevante zu dem Text von Kreutzer ist, dass die Modelle zur Mustererkennung meist MASSIV auf Redundanz basieren. Zwar spielen hier Hierarchien auch eine Rolle, aber diese sind eher "Kommunikationsebenen" und haben mit αρχία (=Herrschaft) nicht viel zu tun. Selbstfahrende Autos nutzen gerade eine Unmenge an teils redundanten Daten, und wohl kaum ein Entwickler oder Ingenieur würde hier auf redundante Daten verzichten. Dass Entwickler hier auf zentrale Steuerungen setzten würden, kann ich mir absolut nicht vorstellen.

Gerade Autohersteller sind doch eher ein gutes Beispiel für "Redundanzerhöhung" und neue Sicherheitsvorkehrungen ersetzten hierbei keine alten Vorkehrungen sondern bieten zusätzliche Sicherheit. Verkehrstote gehen seit den 1970iger kontinuierlich zurück. Weiterhin setzt man bei Verkehrskonzepten eher mehr auf geschickte Rahmenbedingungen für Selbstorganisation als auf zentralisierte Steuerungsmechanismen (Kreisverkehr statt Ampel). Dort wo der Ingenieur noch vorm Betriebswirt das Sagen hat, läuft es doch noch am ehesten.


Was mir mehr Sorgen als die Automatisierung und Digitalisierung macht (Stichwort: Industrie 4.0), ist eine Gesellschaftsform, die mit vielen redundanten Arbeitskräften nicht klar kommt. Und wenn die Gesellschaft mit 10-20% Hochqualifizierten und Automatismen in Produktion UND Dienstleistungsektor klar kommt, wird selbst der letzte Depp checken, dass Ricardo/Marx die einzige "Werttheorie" (im Gegensatz zu Preistheorien) hatten und man wird kapieren, dass vollautomatische Produktion, deshalb keinen Wert erzeugt, weil es dann eben auch keine Lohnarbeit mehr gibt, mit der die Produktion bezahlt werden kann.

Der Kapitalismus wird schneller enden als es vielen klar ist und wir steuern gerade eher auf Orwells Dystopie als auf eine "Utopie" zu.

Grüße
melethron

--
„It’s the Second Law of Thermodynamics: Sooner or later everything turns to shit.“ - Woody Allen

Leserzuschrift zum Beispiel "Post" - Details / McKinsey

Mercury @, Montag, 16.03.2015, 11:11 vor 3953 Tagen @ Isländer 2036 Views

Hallo,

in dem Text wird die "Deutsche Bundespost" als Beispiel genannt. Dazu erhielt ich eine anonyme Leserzuschrift, die das Beispiel weiter vertieft und veranschaulicht. Inhaltlich kann ich mangels eigener Kenntnisse dazu nicht viel sagen.

Gut fand ich neben der Anschaulichkeit auch die Erinnerung daran, welche Rolle "Beraterfirmen" wie McKinsey haben beim Beseitigen von Redundanzen.

"Als stiller Leser muss ich mal kurz einen Link von Deutsche Post/DHL schicken:

Die Welt im Jahr 2050:
https://www.youtube.com/watch?v=Mam3bFdzRek

Das ganze gibts nachträglich auch noch seitenweise als Text, bis ins fiktive Detail fantasiert man dort 5 Zukunftsszenarien.

Das mit den Zustellersubunternehmern stimmt meines Wissens nicht bei DHL/DP (bei anderen Zustellern schon, wie z. B. Hermes).

Dafür sind rund 18 % alles kurzfristig Beschäftigte (bis drei Monate sozialversicherungsfrei), Abrufkräfte auf Stundenbasis und befristete Arbeitnehmer in allen Variationen. Die Verträge sind oft kürzer als einen Monat und führen quasi fast nie in eine unbefristete Beschäftigung. Es sind rund 40.000 Mitarbeiter betroffen.

Besonders im Sommer kommt es so zu unheimlichen Engpässen in der Personalverwaltung. Es werden dann Zeitarbeiter eingestellt, weil Verträge nicht binnen 2 Wochen bearbeitet werden können, sondern es dauert dann mehr als zwei Monate bis der Arbeitnehmer ordentlich im System sozialversicherungstechnisch verbucht ist. Das kostet dann auch schon mal den Kopf eines Niederlassungsleiters. Zeitarbeiter werden selbstverständlich auch nicht übernommen, auch wenn die Arbeitskraft längerfristig benäfigt würde. Da werden dann lieber noch Überstunden bei den festen Mitarbeitern angeordnet.

Besonders schön ist auch die Tatsache, dass seit der Privatisierung der Post, quasi ein Mc Kinsey nach dem anderen im Vorstand gesessen ist. Zudem auch spannend wie führende Mitarbeiter entlohnt werden. Hat dieser noch einen Beamtenstatus, wird er gelegentlich als Beamter länger beurlaubt und als nicht Beamte eingestellt, somit greift auch nicht mehr der Beamtentarif, sondern man kann mal endlich richtig gut Geld verdienen.

Die kleinen Beamten hat man versucht mit Abfindungen aus dem Beamtenstatus zu bekommen. Das rächt sich nicht nur in Sachen Pension/Rente, sondern auch in anderen Aspekten, z.B. wenn man vor 10/15 Jahren einen Tag vor Mutterschutz gekÃŒndigt hat, einen Tag als Angestellte beschÀftigt wurde, dann sich um die Familie gekümmert hat und nun wieder einsteigen möchte. Man hat sich dann so einige Nachteile eingehandelt, welche man damals noch nicht im Blickfeld hatte.

Am besten kann man die Mitarbeiter in der Personalverwaltung mit einem Vogel Strauß vergleichen, eigentlich möchten sie nur ein möglichst gutes Arbeitsklima, ein schönes Wochenende und wenn es hoch kommt noch ARD/ZDF, welchen man 100% vertraut, schließlich können die nicht so korrupt sein, weil die privaten Sender senden ja schließlich die selben Informatonen.

Das darf gerne anonym im Gelben Forum gepostet werden."

In die Mail wurde eingegriffen, um falsch dargestellte Umlaute zu korrigieren.

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